Autor Thema: Die zweite Sicht  (Gelesen 187 mal)

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Die zweite Sicht
« am: Juni 21, 2011, 10:07:13 Nachmittag »
(Das ist mein Beitrag zur "HdW - Die neue Welt. Ich hoffe, es gefällt euch. Konstruktive Kritik ist gewünscht :). )

http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/die-zweite-sicht-587/
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Dieses dumpfe Gefühl von Leere und Lustlosigkeit durchströmte meinen kompletten Körper und umklammerte mit eisernem Griff mein Herz. Es schien seit Minuten immer langsamer zu schlagen, was eine seltsame Ruhe in mir auslöste. Ich hatte mich nur schwer dazu aufraffen können, einen Abschiedsbrief zu schreiben, der gegen Ende auch noch unleserlich wurde, doch zu mehr war ich in meinem Zustand einfach nicht mehr in der Lage. Den Entschluss sein Leben zu beenden, den trifft man nicht von jetzt auf gleich. Nicht innerhalb weniger Minuten oder Stunden. Nein, es dauert Wochen, wenn nicht sogar Monate. Immer wieder schleicht sich hier und da der klitzekleine Gedanke ein, die Situation einfach zu verlassen, sie wortlos zu beenden. Am Anfang folgt darauf meist ein Gefühl von Scham und Schock. Es ist einem peinlich, solche Gedanken zu hegen. Doch je öfter man darüber nachdenkt, desto banaler wird der Gedanke und die Konsequenzen verlieren an Wirkung. Bei den meisten Jugendlichen scheint es eher eine Modeerscheinung zu sein zumindest einmal sein Leben beenden zu wollen. Sie wandeln umher und fischen nach Mitleid, weil sie ja ach so kurz davor standen zu gehen.
Aber genau das ist das Problem! Die Gesellschaft stumpft ab und verliert den Sinn für die wirklich Hilfebedürftigen. Die Mädchen und Jungen, die stumm vor sich hin leiden und irgendwann einfach unter der Last ihrer trüben Gedanken zusammen brechen. Sie entschließen sich klammheimlich dazu, ihr Leben zu beenden ohne damit in der Clique zu prahlen.
Auch ich zählte mich zur zweiten Kategorie. Ich hätte auch niemandem davon erzählen können, welchen Plan ich hegte. Denn, dass ich ihn durchziehen würde, wusste ich selbst erst seit wenigen Stunden. Verschiedene Szenarien waren durch meinen Kopf geschwirrt und immer wieder hatte ich sie verworfen. Aber es ist beklemmend, der Situation nicht mehr entkommen zu können. Die Flucht in den Schlaf brachte schon lange nichts mehr. Ich wachte mit eben demselben Gefühl auf, mit dem ich eingeschlafen war und die Last meiner Gedanken, die wie zähflüssiger Teer in Zeitlupe in meine Gehirnwindungen tröpfelten, schien mir wie ein riesiger Felsbrocken auf dem Brustkorb zu liegen und erschwerte mir das Atmen.
Nun stand ich da, mit dem langen Küchenmesser in der Hand und schaute starr auf die glänzende, glatte Klinge. Je länger ich auf sie hinabblickte, desto mehr Angst kroch in mir hinauf. Nicht die Angst vor dem Gefühl des Schneidens, das kannte ich. Doch es war so etwas wie die Angst vor dem Ende. Die Angst davor, meine endgültige Entscheidung nicht mehr rückgängig machen zu können.
Während ich daran dachte, die scharfe Spitze leicht in meine Haut zu drücken und sie einfach meinem Unterarm hinauf zu ziehen, durchströmte mich ein seltsames Gefühl. Ich wusste, es würde warmes Blut aus der Wunde rinnen und mein Herzschlag würde sich immer weiter beruhigen, bis ich irgendwann einfach die Augen schloss. Doch die Übelkeit konnte ich dennoch nicht unterdrücken. Ein heftiger Würgereiz kroch meine Kehle hinauf und mit einem ohrenbetäubenden Scheppern fiel das lange Messer auf die kühlen Küchenfließen, die meine Mutter heute Morgen noch geputzt hatte. Was für einen Schock würde sie erleben, wenn sie von der Arbeit zurück kam?
Aber für mich gab es kein Zurück mehr. Ich hatte mich schon oft dagegen entschieden und heute würde es endlich soweit sein! Mein Freund würde merken, dass ich ihm doch nicht so egal war, wie er dachte und auch meiner Klasse würde es auf Dauer langweilig werden, wenn sie kein Mobbingopfer mehr vorfinden würden. Sie hatten nicht einmal einen besonderen Grund, sich über mich zu mokieren. Anscheinend machte es ihnen bloß Spaß. Doch das Beste war, dass ich mir ab heute keinerlei Gedanken mehr darüber machen musste, denn mich würde es bald nicht mehr interessieren. Ich würde endlich meine Ruhe haben, nachdem all die Klärungsversuche einfach nicht gebracht hatten.
Aber ich hatte nicht mit der heftigen Übelkeit gerechnet. Die Kenntnis über das, was kommen würde und die Wut über das, was war, brachten mich dazu, mein Frühstück rückwärts zu sehen. Doch immerhin schaffte ich es noch ins Bad, sodass ich nicht mehr schmutzig machte, als ich es ohnehin tun würde. Ein saurer Geruch stieg mir in die Nase und beinahe hätte mich dieser noch einmal zu Übergeben gezwungen. Nach wenigen Minuten jedoch hatte mein Magen sich wieder beruhigt und langsam erhob ich mich von meinem Platz vor der Kloschüssel. Langsam wankte ich hinüber zum Waschbecken, ließ mir kühles Wasser über das Gesicht laufen und spülte mir den Mund aus. Noch einmal schaute ich mich lange in dem rechteckigen Spiegel an, der wenige Zentimeter darüber hing. Mein Gesicht war kreidebleich und ein leichter Schweißfilm überzog mein Gesicht. Meine sonst voluminösen, braunen Locken hingen strähnig und verschwitzt an meinem schlanken Gesicht hinunter. Doch erschreckender Weise war auch diese Tatsache mir vollkommen egal.
Wieso sollte ich noch auf mein Aussehen achten, wenn ich es bald sowieso nicht mehr würde sehen können? Warum sollte ich mich noch für irgendwen hübsch machen, wenn ich in wenigen Stunden sowieso dazu verurteilt sein würde, auf ewig unter der Erde zu weilen?
Mit einem genervten Kopfschütteln wandte ich mich von dem Spiegel ab und schlurfte zurück in die Küche.
Mit einem leichten Tränenschleier vor den Augen schaute ich auf das kühle Messer, welches auf dem Boden lag. Ich würde es hier und jetzt beenden! Entschlossen hob ich es auf, setzte mich in die Ecke zwischen dem letzten Küchenschrank und der Tür. Dort würde ich nicht sofort ins Auge fallen und irgendwie beruhigte mich der Gedanke, mich gegen eine Wand lehnen zu können, anstatt hart auf die Fließen aufzuschlagen oder vom Stuhl zu fallen.
Ein letztes Mal atmete ich tief durch und setzte die Spitze an.
Danach bekam ich nichts mehr mit. Der Moment schien in einem Vakuum gefangen zu sein und die Zeit schien stehen zu bleiben. Ich sah bloß noch das dunkle Rot, was von meinem Unterarm auf die weißen Fließen tropfte, was mich plötzlich in einem Schock versetze! Doch nachdem mein Herz einen Moment ausgesetzt hatte, durchströmte mich eine lähmende Ruhe und überall in meinem Köper begann es zu kribbeln. Meine Augen fielen mir zu und ich konnte sie, so sehr ich auch wollte, nicht mehr offen halten.

Ich wunderte mich, dass ich meine Augen überhaupt noch öffnen konnte. Auch, wenn es mir schwer fiel. Aber als ich realisierte, dass ich doch noch dazu in der Lage war, wusste ich augenblicklich, dass etwas schief gelaufen sein musste. Grelles Licht blendete mich und es verursachte mir Kopfschmerzen. Mit einem schmerzhaften Seufzen wandte ich meinen Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen.
„Kristin! Oh mein Gott! Schatz, du bist wach!“, vernahm ich plötzlich die Stimme meiner Mutter, die hysterisch klang und an einem Schluchzen konnte ich ausmachen, dass sie weinte.
„Mum?“, wollte ich fragen, doch es kam kein Laut aus meiner Kehle. Stattdessen wandte ich meinen Blick zur anderen Seite und erkannte tatsächlich das Gesicht meiner Mutter. Ihre Wangen waren tränenüberströmt und ihre blauen Augen rot und verquollen. Neben ihr saß mein Vater, der mich bloß stumm anschaute. Kein einziger seiner Gesichtsmuskeln regte sich und sein Mund war zu einem schmalen Strich verengt. Er stand bloß auf und trat wortlos aus dem Raum.
Erst, als er mit einer Krankenschwester zurückkam, bemerkte ich, dass ich in einem Krankenbett lag. Das erklärte auch den sterilen Geruch von Desinfektionsmitteln.
„Das ist erfreulich, dass sie wieder bei Bewusstsein ist.“, ertönte die sanfte Stimme der jungen, brünetten Frau, die mich mit freundlichen, grünen Augen anschaute. Ein erleichtertes Lächeln lag auf ihren roten Lippen. Sie strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, die eine ganz andere Ruhe war als die, die ich bei meinem Selbstmordversuch empfunden hatte. Es war eine Entspannung, die auf seltsame Weise auf mein Gemüt überging und ich konnte meinen Blick nicht von ihr nehmen, aus welchem Grund auch immer. Seit ich meine Augen wieder geöffnet hatte, nahm ich plötzlich alles ganz anders war. Ich sah mit einem Mal den Schwung, mit dem sich ihr weißer Kittel im selben Rhythmus ihrer Gangart bewegte. Als ich das erkannte, was mit mir geschehen war und was ich beinahe bereit gewesen war, aufzugeben, traten mir die Tränen in die Augen und ich konnte sie nicht mehr zurückhalten, so sehr ich auch wollte.
„Schatz, was ist denn los?“ Meine Mutter sprang auf und blickte mich aus schockierten Augen an. Sie schien beinahe in Panik zu verfallen. Ihre Pupillen waren groß und hektisch schaute sie von einer Seite meines Gesichtes zur anderen. Ihre Hände zitterten wie Espenlaub und immer wieder huschte ihr ratloser Blick zu der jungen Krankenschwester, als wenn sie ihr helfen könnte. Dabei hatte noch nicht mal sie eine Ahnung, was mir in diesem Moment des Erwachens klar geworden war. Keiner konnte das nachvollziehen!
„Ganz ruhig, Mrs. Sawyer. Das ist der bestimmt bloß der Schock, der sich bei ihrer Tochter gelöst hat.“, versuchte die junge Frau meine Mutter zu beruhigen. Sie trat hinter sie, fasste sie bei den Schultern und führte sie mit sanftem Druck hinaus.
„Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt erst einmal gehen. Kristin braucht mit Sicherheit etwas Ruhe.“
Auch mein Vater folgte ihr, jedoch nicht ohne vorher an mein Bett zu treten, mich einige Sekunden bloß stumm anzuschauen und mir dann einen dicken Kuss auf die Stirn zu geben.
Danach war ich allein in meinem Zimmer und die Tränen flossen immer noch unaufhörlich. Kurze Schluchzer entfuhren meiner Kehle und mit einem Mal zog es unangenehm an meinem linken Handgelenk. Mit einem schmerzhaften Seufzer hob ich den Arm leicht an, was mir unerwartet schwer fiel und warf einen Blick auf den reinen, weißen Verband, der sich darum wickelte. Ich sah die feine Faserung des Verbandes und ich spürte den leichten Druck, den er auf mein Handgelenk ausübte.
Gerade, als ich realisierte, dass mein Leben nicht beendet war und was das für mich bedeutete, kam die Krankenschwester zurück in mein Zimmer. Immer noch lag ihr ruhiges Lächeln auf ihren Lippen und ich war ihr unheimlich dankbar, dass sie mich nicht wie eine Irre behandelte, die nicht mehr wusste was sie tat. Nein, sie ging mit mir um, wie mit jedem anderen Patienten, der einfach nur ärztliche Hilfe benötigte.
„Ich bin übrigens Sandra. Ich werde dich zusammen mit Doktor Thalmann betreuen.“ Da ich ihr vor lauter Tränen nicht antworten konnte, nickte ich einfach nur. Doch anscheinend brauchte ich auch kein einziges Wort zu sagen, die junge Frau verstand mich auch so.
„Du bist erleichtert, habe ich Recht?“ Wieder nickte ich bloß und sah durch den Tränenschleier, wie sich ein freudiges Blitzen in ihre Augen stahl, das mir seit langem nicht mehr vertraut war.
Wieso war ich bloß auf die Idee gekommen, nicht mehr leben zu wollen?
„Gleich kommt ein Pfleger vorbei. Finn, er hat hier Nachtschicht und an ihn kannst  du dich wenden, falls etwas sein sollte. Ich werde dann pünktlich morgen früh wieder nach dir sehen, okay?“ Mit ruhiger Hand reichte Sandra mir ein Paket Taschentücher, das ich mit einem dankbaren Lächeln annehmen wollte. Doch mein Gesicht musste mehr nach einer gequälten Grimasse aussehen und meine Augen waren bestimmt so verquollen, wie die meiner Mutter.

Ein paar Stunden, nachdem Sandra mein Zimmer verlassen hatte, klopfte es an die Tür und ein braun-blonder, junger Mann der ebenso ein freundliches Lächeln auf den Lippen hatte, wie seine Vorgängerin.
„Guten Abend, junge Dame.“
„Hallo.“, flüsterte ich und schaute beschämt zu Boden. Jeder der Ärzte und Pfleger hier wusste, was ich Stunden zuvor versucht hatte und es schien mir, als hätte ich mich selbst verraten. Ich war gerade im Begriff, meine Hausschuhe anzuziehen um ein bisschen auf dem Flur herum zu laufen. Das ganze Liegen und Schweigen brachte mich beinahe um den Verstand, da mir gewisse Gedanken nicht aus meinem Kopf wollten. Es kam mir vor, als hätten mehrere Personen in meinem Gehirn Platz genommen, die darüber diskutierten, warum es nicht funktioniert hatte und ob es überhaupt gut so war, wie die Situation jetzt war.
„Wie geht es dir, Kristin?“, fragte er nach einem raschen Blick auf das Namensschild am Ende meines Bettes.
„Wie soll es mir schon gehen? Ich liege hier doch nur rum. Ich würde gerne rauskommen.“ Langes, betretenes Schweigen breitete sich zwischen uns beiden aus und nervös baumelte ich mit den Beinen von der Bettkante. Mir stand nicht die Laune danach, meine Geschichte zu erzählen und doch hatte ich zur selben Zeit das Gefühl platzen zu müssen.
Mit einem leisen Räuspern setzte Finn hinzu:
„Wenn du darüber reden möchtest, dann bin ich gerne für dich da, solange kein anderer Patient nach mir verlangt.“ Wieder schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen und das erste, was mir ins Auge stach, als ich zu ihm aufblickte, war sein kleines Grübchen, was sich in seinem rechten Mundwinkel bildete. Lange Zeit antwortete ich nicht, sondern beobachtete meinen Gegenüber stumm. Er war groß und sportlich gebaut. Unter seiner weißen Hose zeichneten sich kräftige Waden ab.
„Sie spielen Fußball?“, murmelte ich.
„Was?“ Seinen Gesichtszügen konnte ich entnehmen, dass er ziemlich überrascht war.
„Na, Sie haben ziemlich kräftige Waden. Das deutet auf irgendeinen Ausdauersport. Und irgendwie dachte ich mir, sie könnten gut Fußball spielen.“ Nach einer kurzen Pause, in der Finn nicht antwortete, fügte ich schulterzuckend hinzu: „Das war bloß geraten.“
„Du bist anscheinend eine kleine Hobbydetektivin.“, lachte der junge Mann schallend. Dann trat er an mich heran, deutete neben mich auf die Bettkante und fragte:
„Darf ich?“ Freundlich nickte ich und mit einem Mal schien das Eis gebrochen zu sein. Wir unterhielten uns über dies und das. Die Gesprächsthemen gingen querbeet und das erste Mal seit Monaten hatte ich das Gefühl, dass sich jemand wirklich für mich interessierte. Dieses Gefühl löste etwas Ähnliches wie Euphorie in mir aus. Eine unbändige Freude durchströmte meinen Köper und vor lauter Freude begann ich zu stottern und zu stammeln. Was Finn wieder einmal zum Lachen brachte.
„Mensch, du kannst ja lachen.“, stellte er nach einem Lachanfall fest.
„Wieso kommt so ein fröhlicher Mensch wie du auf die Idee, sich das Leben nehmen zu wollen?“ Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet und sie brachte mich erst einmal ins Stocken.
„Das .. eh … ist eine lange Geschichte.“ Gerade als ich ansetzte, um ihm zu erzählen, wie es zu der Geschichte kam, piepte etwas in Finns Kitteltasche.
„Oh, tut mir Leid, Kristin. Aber ich muss kurz zu einem anderen Patienten.“ Ich konnte ihm schon gar nicht mehr antworten, da war er schon aus der Tür heraus und ich war schon wieder allein. Eine Kombination aus urplötzlicher, gewohnter Einsamkeit und zurückgebliebener Euphorie umfasste mein Herz. Diese neue Situation machte mich vollkommen ruhelos und ich hielt es nicht lange auf meiner Bettkante aus. Entschlossen trat ich auf den Krankenhausflur hinaus und begann einen kleinen Spaziergang.
Wieder begann ich, alles was mich umgab, genauer und intensiver wahrzunehmen. Da waren die gelb und rot gestrichenen Türklinken und der grau gepunktete Linoliumboden. Zu meiner Rechten lag ein leeres Schwesternzimmer mit dutzenden dunkelrot leuchtenden Lämpchen.
„So viele Menschen brauchen Hilfe.“, schoss es mir durch den Kopf. „Warum musst du dich dann noch freiwillig dazu gesellen?“ Wieder wurde mir bewusst, dass ich es doch eigentlich gut hatte und ich war mit einem Mal so unglaublich froh, dass ich eine zweite Chance erhalten hatte!
Aus den Zimmern drangen die verschiedensten Laute. In manchen schienen Mütter mit ihren Kleinkindern zu liegen. Aus anderen drang der Lärm von Fernsehern und aus wieder anderen drangen Pieper, von denen ich gar nicht wissen wollte, zu welchen seltsamen, gruseligen Gerätschaften sie gehörten.
„Kristin! Was machst du denn hier?“ Mit einem erschreckten Aufschrei wandte ich mich um und fand Finn einige Schritte hinter mir.
„Mensch, hast du mich erschreckt.“, seufzte ich erleichtert, als ich ihn erkannte.
„Das tut mir Leid. Aber so langsam tritt die Nachtruhe ein, du solltest langsam auf dein Zimmer zurück.
„Oh, ja okay.“, nickte ich und trat meinen Rückweg an. Auf seiner Höhe blieb ich stehen, schaute ihn lange an und fragte, während ich errötete: „Würdest du noch mitkommen? Ich hätte gerne jemanden zum Reden.“ Mit einem freundlichen Lächeln, das schon wieder sein Grübchen hervorrief, hakte er sich bei mir unter und zusammen gingen wir auf mein Zimmer.

„Finn weißt du, mein Leben war bis vor kurzem einfach nur die Hölle für mich. Meine Mitschüler hatten mich aus unerfindbaren Gründen gemobbt und mein Freund interessiert sich seit einigen Monaten keinen Deut mehr für mich.“ Als ich an diese Fakten zurückdachte, schossen mir erneut an diesem Tag die Tränen in die Augen. Ich vermisste meinen Freund unheimlich und ich hatte Angst vor dem, was als nächstes passieren würde. Würde er mich besuchen kommen? Würde er mich verlassen? Konnte ich ihm überhaupt noch unter die Augen treten? Konnte ich irgendjemandem aus meinem Umfeld noch gegenüberstehen?
„Hier, bitteschön.“ Finn reichte mir ein Taschentuch, das ich dankend annahm. Dann schaute er lange mein Profil an, ich bemerkte es bloß aus dem Augenwinkel, aber es gab keinen Zweifel.
„Aber war es das wert? Ich meine, bist du dir bewusst, was du wegwerfen wolltest?“
„Jetzt weiß ich es. Denn mit einem Mal sehe ich die Welt ganz anders, weißt du. Ich sehe Dinge, die sich vorher meinen Augen entzogen haben. Ich bemerke Kleinigkeiten, die mein Umfeld wunderschön machen. Die satten Farben der Blumen draußen, das Rascheln der Blätter im Wind. All das hat mich seit langem nicht mehr interessiert und ich habe alles bloß schwarzgesehen. Doch nun bin ich einfach nur unglaublich glücklich, dass ich eine zweite Chance bekommen habe! Hast du dich nach einer Dusche schon mal so richtig erfrischt gefühlt?“ Ich wartete auf seine Reaktion, bis er lächelnd nickte.
„So ungefähr kannst du dir das vorstellen. Nur noch viel intensiver.“
„Und du sagst, deine Mitschüler und dein Freund haben dich so weit gebracht? Das klingt schon ziemlich heftig. Ist dir das bewusst?“ So langsam merkte ich, dass Finn sich für meine Geschichte ernstlich interessierte. Und es gefiel mir, dass ich mich seit Langem mal wieder jemandem anvertrauen konnte.  Zwar kannte ich den jungen Mann erst seit wenigen Minuten, doch es schien mir, als wären wir so etwas wie Seelenverwandte. Mit einem Mal merkte ich, Finn würde mich verstehen, egal was ich ihm erzählte.
„Ich weiß, jemand, der das nicht durchgemacht hat, kann es nicht nachvollziehen. Aber ich fühlte mich unheimlich allein gelassen von meinem Freund. Immer und immer wieder habe ich ihm von den neuerlichen Mobbinattacken erzählt, die sich meine Mitschüler mal wieder ausgedacht hatten. Sie hatten mir meine Klamotten aus der Sportumkleide gestohlen, meinen Kopf in die Toilette getränkt und mir gegen meinen Willen die Haare geschnitten.“ Neben mir vernahm ich, wie mein Zuhörer scharf die Luft zwischen den Zähnen einsog.
„Ich weiß, dass es Körperverletzung ist, aber ich habe mich nicht getraut, sie anzuzeigen. Es waren so unglaublich viele, sie hätten sich doch sowieso miteinander gegen mich verschworen. Als ich mit verstümmelten Haaren nach Hause kam, fing meine Mutter an zu weinen, sagte aber nichts weiter. Und mein Vater …“, ein trockenes Lachen entfuhr meiner Kehle, „Er meinte, ich solle meinen Frisör verklagen, meine neue Frisur wäre eine Zumutung. Dass ich augenblicklich in Tränen ausbrach, interessierte ihn nicht die Bohne!“ In meinem Magen zog sich alles zusammen und eine unbändige Welle der Wut überkam mich.
„Mein Freund hatte keine Zeit für mich. Er hörte mir noch nicht einmal richtig zu.“ Meine Hände begannen zu zittern und das Wasserglas, nachdem ich griff um einen Schluck zu trinken, drohte überzuschwappen. Finn legte mir freundschaftlich die Hand auf die Schulter und versuchte mich zu beruhigen.
„Aber jetzt hast du eine zweite Chance bekommen, Kristin. Du bist noch so jung, du solltest sie nutzen. Und wie du selbst schon gesagt hast, auch die Kleinigkeiten des Lebens können unheimlich schön sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie weiterhin so intensiv wahrnehmen würdest, damit dir nie wieder die Lust am Leben vergeht!“ Ich spürte seinen sanften Druck auf meiner Schulter und seine Worte hatten tatsächlich eine besänftigende Wirkung auf mich. Erleichtert sog ich die Luft ein und bemerkte erst jetzt, dass es bereits später Abend geworden sein musste. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte mich in meiner Annahme. Der Mond stand bereits halbkreisförmig am Himmel.
„Ich weiß, dass ich sie nutzen muss! Weißt du Finn, während ich bewusstlos war, habe ich gemerkt, dass ich mich nicht einfach so aus dem Staub machen kann. Es gibt noch so viele Menschen, mit denen ich reden möchte, von denen ich eine Erklärung verlange. Es wäre nicht in Ordnung, wenn es so auseinander geht.“ Unsicher griff ich nach seiner Hand und drückte sie mit beiden fest zusammen.
„Und du hast mich in gewisser Weise sogar bestärkt.“ Lächelte ich und gab ihm einen Kuss auf die Hand, damit er sich meines Respekts bewusst war. Auch hier spürte ich Dinge, die ich in meinem vorherigen Leben nicht bemerkt hätte. Seine Hände waren rau, aber wunderbar warm. Sie strömten eine unglaubliche Ruhe aus, ebenso wie Sandra.
„Du und Sandra, ihr seid zusammen, habe ich Recht?“, sprach ich meinen Gedanken aus, als ich wieder zu ihm aufschaute und seine Hand sinken ließ. Ich musste ein wenig kichern, als ich seinen verdutzen Gesichtsausdruck sah.
„Eh … ja. Aber … woher weißt du das jetzt schon wieder? Hast du irgendwie so etwas wie einen sechsten Sinn entwickelt?“ 
„Vielleicht.“, ließ ich mich auf meinen Rücken sinken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Das seltsame Gefühl, den Verband am Hinterkopf zu spüren, ignorierte ich gekonnt.
„Wie gesagt, ich nehme einfach viel mehr wahr.“
„Na, dann wirst du bestimmt mal so etwas wie ein Medium oder eine Detektivin!“, lachte Finn, stand auf und verabschiedete sich von mir.
„Sandra wird morgen früh noch einmal nach dir sehen. Ich denke, wir werden dich bald entlassen können, wenn du uns versprichst, eine Therapie zu machen.“
„Versprochen.“, flüsterte ich lächelnd der Decke entgegen und hörte noch, wie er die Zimmertür hinter sich schloss.
Die Stille, die plötzlich entstand, schockierte mich jetzt nicht mehr. Ich wusste, es würde ein neuer Lebensabschnitt, ja ein ganz neues Leben auf mich zukommen und ich würde es anpacken und meine Aufgaben so gut bewältigen, wie ich nur konnte. Ich würde mich nicht mehr aus dem Staub machen wollen!   
« Letzte Änderung: Juli 26, 2011, 02:43:43 Nachmittag von Saga »
Man merkt erst, wie wertvoll etwas ist, wenn man es nicht mehr besitzt.

 

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