Als erstes: Unter Zeitdruck zu schreiben ist äußerst bescheiden...
Mein Beitrag zur HdW (
http://www.weg-des-stifts.de/smf/interne/hdw-die-neue-welt/) ist dementsprechend lange nicht so gut geworden, wie ich es eigentlich beabsichtigt hatte. Aber nun gut, ich hoffe aber es wird gegen Ende nicht zu schlimm. (ist unüberarbeitet etc.)
Wenigstens bin ich doch noch fertig geworden.
Diskussionsthread:
http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/die-letzte-chance-596/new/#new
Prolog
Er hörte noch immer die Stimme des Direktors, als er langsam aus dem Schulgebäude schritt. »Habe ich nicht gesagt du sollst deinen Vater mitbringen?« Die Gesprächsfetzen wollten einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden. »Selbst das vermeintliche Opfer sagt, dass du ohne Grund eingegriffen hast!« Im Geist sah er das rote Gesicht des keifenden Schuldirektors, hinter ihm das hämische Grinsen seines Sohns.
Immer wieder hallten die letzten Sätze durch seinen Geist. »Schluss mit deinen Lügengeschichten! Hiermit verweise ich dich von der Schule! Du hast deine Chance vertan!«
Die Hände in seinen Taschen versteckt, ballte er wütend zu Fäusten, bis er spürte, dass sich seine Fingernägel in sein Fleisch bohrten. „Wie hätte es auch anders kommen können?“ flüsterte er sich selbst zu, „Tja das wars wohl mit meiner gymnasialen Karriere... Mein Abi war wohl doch nur ein Traum, huh?“
Mittlerweile hatte er den Eingang zum Schulhof erreicht und ohne einen Blick zurück zuwerfen verließ er das Gelände. Dabei war er so sehr in seine Gedanken vertieft, dass er nicht das Mädchen bemerkte, welches direkt hinter der Mauer auf ihn gewartet hatte. „Craig, warte.“ rief sie, doch er bemerkte sie nicht.
Verunsichert lief sie hinter ihm her und tippte ihn ängstlich auf die Schulter. Er blieb nicht stehen, drehte nur langsam seinen Kopf zu ihr herum. Unwillkürlich zuckte sie unter seinem Blick zusammen, nahm jedoch dann ihren Mut zusammen und fragte: „Wie ist es gelaufen?“ Leise und mit einem erschöpften Unterton erwiderte er: „So wie man es erwartet hatte. Das denkbar schlimmste Szenario ist eingetreten. Zumindest fast. Immerhin werden die mich nicht anzeigen.“
Geschockt blieb sie stehen. Es dauerte einen Augenblick, bis sie die Fassung wiedergewonnen hatte und beschleunigte dann wieder ihre Schritte. Aber sie blieb stets einen guten Meter hinter ihm. Sie konnte und wollte ihm nicht in die Augen sehen.
„Es tut mir leid.“ flüsterte sie. Craig seufzte nur erschöpft und schüttelte leicht den Kopf: „Die Lüge war notwendig, dich trifft keine Schuld. Es war meine Entscheidung einzuschreiten.“ „Aber...“ „Da gibt’s kein aber! Sei froh, dass die dich jetzt in Ruhe lassen werden. Noch einmal werde die das bestimmt nicht riskieren. Sie glauben, dass du unter meinem Schutz stehst und ich wette ihre Körper werden sich daran erinnern, was passiert ist.“
Das Mädchen schwieg und starrte teils fassungslos vor Dankbarkeit, teils voll mit Schuldgefühlen seinen breiten Rücken an.
„Und was machst du jetzt?“ fragte sie, noch immer mit leiser und zurückhaltender Stimme. Plötzlich blieb er stehen. Hätte sie nicht den Abstand gehalten, wäre sie bei seinem abrupten Stopp in seinen Rücken gelaufen. Langsam drehte er sich zu ihr herum und suchte geradewegs ihren Blick. Wie immer, wenn sie in seine stechenden, klaren Augen schaute, zuckte sie zusammen und ein kalter Schauer lief ihren Rücken herunter. Auch wenn sie wusste, dass sie täuschte, konnte sie sich ihr nicht entziehen. Dieser unsichtbaren Aura der Gefahr, die ihn schon immer umgeben, die ihn unerreichbar gemacht hatte.
Doch diesmal hielt sie dem durchdringenden Blick stand. Sie schaute direkt in seine Augen, in denen man, im wahrsten Sinn des Wortes – so glaubte sie zumindest – ertrinken konnte. Doch dann brach er den Blickkontakt plötzlich ab und schaute zum Himmel hinauf, der von schweren Regenwolken verdunkelt wurde. Sein suchender Blick wanderte zum Horizont weiter. Doch dort entdeckte er auch nur eine weitere, noch sehr viel schwärzere Wolkenwand, die unaufhörlich vorwärts walzte.
„Ich werde versuchen mein Leben auf die Reihe zu kriegen.“ antwortete er schließlich ohne sie anzusehen. Nach einem Moment der Stille wandte er sich auf der Stelle um, winkte einmal mit dem Handrücken und verschwand hinter der nächsten Mauer.
Kapitel 1 - Die weiße Schar
Gedankenverloren wanderte Craig durch die dunklen Straßen. Schon fast alle Menschen hatten in ihren Häusern Zuflucht vor dem nahenden Unwetter gesucht. Selbst der Verkehr war sehr viel ruhiger als sonst. Doch ihm war das mehr als Recht.
Schließlich lehnte er sich neben die Tür eines riesigen Mietwohnungskomplexes und schaute wieder gen Himmel. Die Schwärze kroch immer näher und für einen Moment wünschte er sich, dass sie ihn einfach verschlucken und aus dieser verkorksten Welt entreißen würde. Dann schnalzte er aber missbilligend mit der Zunge und knurrte sich selbst an. „Solche Gedanken werden dir nicht helfen. Reiß dich zusammen!“
Gerade als das letzte Wort seine Lippen verließ, öffnete sich direkt neben ihm die Tür und lenkte Craigs Aufmerksamkeit auf den Mann, der das Haus verließ. Er murmelte irgendwelche Flüche in seinen mickrigen Ziegenbart und wollte gerade die Tür hinter sich schließen, als er den ehemaligen Gymnasiasten entdeckte. „Verflucht!“ zischte er panisch und sprang angespannt ein Stückchen zurück. Doch dann erkannte er den Jungen, seufzte erleichtert und murrte: „Sorry Craig, ich dachte du wärst einer dieser halbstarken Idioten, die letzte Nacht die Autos zertrümmert haben.“ Er entspannte sich wieder und lächelte ihn entschuldigend an. „Macht nichts Steve. Ich bin es bereits gewöhnt, dass Leute so reagieren.“, erwiderte Craig tonlos. „Es ist aber gut, dass du hier bist. Dein... dein Vater ist glaub ich wieder ausgerastet. Zumindest hat es sich so angehört, als ob er eure halbe Einrichtung zertrümmert hat.“ Craig lehnte sich erschöpft zurück, bis er die kalte Wand an seinem Hinterkopf spürte. „Ich werd mich drum kümmern...“ murmelte er und riss sich von seiner Stütze los. Ohne ein weiteres Wort mit Steve zu wechseln, verschwand er im Haus und stieg die Treppen hinauf, bis zum höchsten Stock. Aus seiner Tasche fischte er den Schlüssel und betrat seine Wohnung.
Sofort schlug ihm der stechende Alkoholgeruch in die Nase, der automatisch seine Wut weckte. Aber das war nicht alles. Steve hatte wohl gar nicht so falsch gelegen. Mitten im Flur lag ein Haufen Holz, der wohl einst ein Küchenstuhl gewesen war. Hinter sich knallte Craig die Tür, ein wenig fester als beabsichtigt, ins Schloss und ging zu dem Holzhaufen. Seine Hände ballte er erneut zu zitternden Fäusten und als er dann einen Blick nach rechts in die Küche warf, spielte er einen Augenblick lang ernsthaft mit dem Gedanken zum Mörder zu werden.
Direkt vor der Küchentür, mitten auf dem Boden, lag sein Vater. In seiner Hand hielt er noch die Schnapsflasche, während er schnarchend die Fliesen vollsabberte. Für eine Minute stand Craig einfach nur da und starrte mit einem hasserfüllten und verachtenden Blick auf den stinkenden Körper.
Dann kniete der sich vor ihm hin, entwendete die Schnapsflasche mehr oder weniger sanft seinem kräftigen Griff und stieg mit einem großen Schritt über seinen Vater hinweg. Er schmiss die Flasche achtlos in den Müll und räumte anschließend schweigend das Chaos im Flur auf. Seinen Vater würdigte er dabei keines Blickes, obwohl er mehrmals über seinen schlaffen Körper hinweg steigen musste. Dann ging er wieder zurück zum Kühlschrank und suchte nach etwas Essbarem. Doch er wurde enttäuscht. „Nutzloser Säufer...“ flüsterte er kalt und schlug die Kühlschranktür mit einem lauten Knall zu. Er schnappte er sich vom Küchentisch den Zettel, den er geschrieben hatte, um seinen Vater daran zu erinnern einkaufen zu gehen, zerknüllte ihn und schmiss ihn zu der Schnapsflasche in den Müll. Erneut stieg er über den schlafenden Körper hinweg, ignorierte dessen Brummen, schnappte sich seine Lederjacke und verschwand aus der Wohnung.
Auf dem Weg nach unten kam ihm Steve entgegen, der zögerlich fragte: „Und?“ „Er pennt.“ erwiderte Craig knapp und ging ohne ein weiteres Wort an dem Mann vorbei und verließ das Gebäude.
Der Himmel war mittlerweile fast vollständig von der Schwärze verschluckt worden. Ab und zu blitzte es, was die Wolken für wenige Wimpernschläge in einem dämonischen Licht leuchten ließ. „Wenn du willst, dass etwas gemacht wird, dann mach es selbst.“ brummte er und ging mit zügigen Schritten los. Die Straßen waren mittlerweile wie ausgestorben, selbst der Verkehr war fast völlig verschwunden. Doch trotzdem schien Craig das Glück erstmals an diesem Tag hold zu sein. Bis er nach wenigen Minuten den Supermarkt erreicht hatte, hielt die schwarze Decke dicht und beschränkte sich darauf drohende Blitze gen Erde zu schleudern.
Innerhalb weniger Minuten hatte er aus den Regalen des Marktes die spärlichen Rationen zusammengeklaubt, die er sich mit einem Säufer als Vater noch leisten konnte. Doch als er gerade zur Kasse gehen wollte, entdeckte er vor ihm mehrere seltsame Gestalten.
Es waren sechs an der Zahl und jeder einzelne von ihnen trug eine äußerst merkwürdige weiße Maske mit angerauter Oberfläche, die ihr Gesicht, bis auf die Augen komplett verdeckte. Doch das war noch nicht das Seltsamste an den dünnen, schon fast knochigen Gestalten. Anstatt einer Hose und einer Jacke, wie man es bei diesem Wetter eigentlich erwartet hätte, trugen sie alle einen weißen japanischen Kimono, der von einem ebenso weißen Stoffgürtel um ihre Hüfte zusammengehalten wurde. Ungläubig wanderten Craigs Augen an ihnen hinab, wo sein Blick dann für mehrere Momenten verständnislos an ihren nackten und Füßen hängen blieb. Er kniff einmal seine Augen zusammen, doch als er sich wieder öffnete, hatte sich nichts verändert. Sie waren noch immer barfuß, komplett weiß und standen zu sechst in einem Kreis um etwas das Craig nicht erkennen konnte. Und dabei –wie hätte es auch anders sein können – versperrten sie ihm natürlich den Weg.
Als er näher kam, hörte er die Stimme einer dieser Gestalten. Sie klang hohl, krächzend und gurgelnd. Unwillkürlich erinnerte sie Craig an den Todeskampf eines Ertrinkenden. „Du verstehst oder? Du solltest lieber direkt mitkommen.“
„Ähm entschuldigen Sie, aber könnte ich eben vorbei?“ fragte Craig freundlich und versuchte seine Skepsis mit einem aufgesetzten Lächeln zu überspielen, während er langsam die letzten zwei Meter zwischen ihm und den Verrückten schloss.
Ein Moment herrschte auf ihrer Seite absolute regungslose Stille. Nur das Klappern von Craigs Einkaufswagen, das sich mit dem Heulen des Windes zu einer düsteren Komposition vermischte, war zu hören. Dann bewegten die weißen Gestalten langsam und vollkommen synchron ihre Köpfe herum und starrten Craig aus den schwarzen Löchern ihrer Masken an. Ein leichter Schauer jagte seinen Rücken hinunter. Bei keinem konnte er hinter den Höhlen ihrer Masken die Pupillen ausmachen. Die Schwärze schien alles Licht zu verschlingen.
„Ich möchte nur vorbei, wenn Sie also ein wenig Platz machen könnten, wäre ich wirklich dankbar.“, versuchte er es erneut, noch immer freundlich, aber bestimmt. Doch sie wandten sich ohne ein einziges Wort von ihm ab. Ihre Aufmerksamkeit glitt zurück zu der Person in ihrer Mitte.
Verdutzt starrte Craig die Typen an. Sein linker Mundwinkel zuckte verdächtig, während er sie musterte. Sie schienen ihn wirklich ignorieren zu wollen. „Also?“ gurgelten sie wieder im Chor zu der Person, die sie mit ihren Körpern vor Craigs Blicken verbargen.
Unbeeindruckt schob er den Einkaufswagen ein Stückchen vor, stellte ihn dann an der Seite ab und tippte einer der weißen Gestalten auf die Schulter. Doch er wurde weiter ignoriert. Zeitgleich hörte er plötzlich eine verunsicherte Frauenstimme mit einem, ihm unbekannten, Akzent aus der Mitte der weißen Schar. „Was glaubt ihr eigentlich wer ihr seid? Wer glaubt ihr, dass ich bin? Verschwindet! Oder wollt ihr den Zorn meines Vaters spüren?“ Einen Moment lang versuchte Craig die Quelle der Stimme hinter den Typen ausfindig zu machen, aber sie standen zu dicht aneinander und waren zu groß, als das er einen Blick auf die Frau erhaschen konnte. Er schüttelte leicht den Kopf und versuchte erneut sein Glück. Kräftig packte er den Typen, den er zuvor angetippt hatte, an der Schulter und riss ihn zu sich herum. „Entsch...“ setzte er an, verstummte jedoch als der Kerl ohne Vorwarnung wie ein wildes Tier zu zischen anfing und sich zu ihm hinunter beugte. Überrascht starrte er in die schwarzen Höhlen, die sich nun mit seinen Augen auf einer Höhe befanden. Unwillkürlich fing sein Mundwinkel wieder an zu zucken. Er spürte wie eine Ader an seiner rechten Schläfe sichtbar wurde und leicht in dem Takt seines rauschenden Bluts pochte.
„Hoi hoi...“ flüsterte er gefährlich. Sein stechender Blick war noch immer geradewegs auf die dunklen Höhlen der Maske gerichtet. „Willst du mich eigentlich verarschen? Ich habe keine Ahnung welcher Gang ihr Verrückten angehört, aber wenn du noch einmal so eine Nummer abziehst, willst du nicht wissen, was mit dir geschehen wird.“ drohte er mit erzwungener Ruhe und sein Blick verriet die brodelnde Wut, die sich die ganze Zeit über unterschwellig von den Ereignissen des Tages ernährt hatte.
Es folgte wieder ein Moment absoluter Stille. Der Wind heulte. Es blitzte und der Himmel grollte donnernd. Dann ertönte ein gurgelndes Lachen. „Du drohst uns? Ein armseliger Mensch?“ Unbeeindruckt seufzte Craig, entspannte seinen Körper und erwiderte mit einem gefährlichen Grinsen: „Ich habe keine Ahnung was für ein Zeug ihr genommen habt, aber wenn ihr nicht sofort den Weg frei gebt, werde ich euch im nächsten Krankenhaus eine wunderbare Morphium Kur ermöglichen.“ Diesmal fing die gesamte Gruppe an animalisch zu zischen und jeder der Sechs drehte sich zu Craig um. „Du menschliche Made, wie kannst du es wagen uns zu beleidigen! Wir werden dich in Stücke reißen und im nächsten Fluss versenken!“ Einer, der hinter Craig stand, legte diesem dabei eine abgemagerte Hand auf die Schulter und drückte zu. Und die Kraft mit der er es tat, überraschte den Jungen. Niemals hätte er bei jemanden mit so einem klapprigen Körper solch eine enorme Stärke erwartet. Der Typ vor ihm richtete sich nun wieder zu seiner vollen Größe auf und zischte: „Stirb Made!“
Da riss Craigs Geduldfaden. Er trat einen Schritt vorwärts und befreite seine Schulter mit einer kurzen Oberkörperdrehung aus dem schmerzenden Griff. Dann hämmerte er seinem Gegenüber rücksichtslos die Faust genau zwischen die Augen. Ein Knacken ertönte, als die weiße Gestalt durch die Wucht nach hinten gegen einen Pfosten geschleudert wurde. Sie sackte in sich zusammen und blieb regungslos sitzen. Ein furioses Zischen und Schreien ertönte in seinem Rücken, doch er schenkte ihnen keine Beachtung. Er betrachtete nur verwundert seine Faust. Die Haut war aufgerissen und ein kleiner weißer Splitter hatte sich in das Fleisch zwischen seinen Fingern gebohrt. „Tonmasken?“ brummte Craig verächtlich. „Ich glaub mittlerweile, dass euch das Irrenhaus aus purer Verzweiflung hat gehen lassen.“ „Das wirst du bereuen, Mensch!“ schrie nun einer von ihnen und stürmte von der Seite auf Craig los. Doch der Junge drehte sich beherrscht um und machte schließlich einen schnellen Schritt schräg nach vorne. Dabei rammte er seinem Angreifer eine Faust in den Magen. Dieser stieß einen merkwürdigen, fast unmenschlichen Laut aus, behielt jedoch sein Bewusstsein. Craig reagierte schnell, drehte sich mit zwei schnellen kreisförmigen Schritten um 360° und donnerte ihm den Ellbogen aus der Bewegung in den ungeschützten Rücken. Sofort sackte sein Opfer bewusstlos zusammen.
Die vier weiteren schrien wütend, gingen dann jedoch auf Abstand. „War´s das schon?“, brummte Craig verächtlich und ging langsam auf die Gruppe zu. Doch diese flüchteten wild fluchend um die Ecke in eine weitere Regalreihe. Er folgte ihnen im Schritttempo, doch als er um die Ecke ging, waren sie spurlos verschwunden. Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Was für flinke Bastarde.“ Dann drehte er sich wieder um und staunte nicht schlecht, als er entdeckte, dass die beiden Bewusstlosen ebenfalls spurlos verschwunden waren. „Flinke, zähe und feige Bastarde.“ korrigierte er sich selbst und ging dann wieder zu seinem Wagen.
Kapitel 2 - Wanyudo
Die Wut brodelte noch immer in ihm. »Diese weißen Freaks hätten ruhig einen härteren Kampf abliefern können… Jetzt konnte ich mich nicht einmal an denen abreagieren…«, dachte er und schob seinen Wagen mit grimmigem Blick vor sich her.
Doch plötzlich ertönte hinter ihm die Frauenstimme. „Hey du, warte mal!“ Craig seufzte leise, zeigte aber sonst keine Reaktion. Wie viele Leute konnten ihn heute noch nerven? Er hatte sie schon absichtlich auf seinem Weg zurück zum Wagen ignoriert, also warum konnte dieses Mädchen ihn nicht einfach in Ruhe lassen? War es so schwer zu verstehen, dass er nicht warten wollte? Dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte? Konnte sie nicht einfach verschwinden?
Doch Hoffnung wurde augenblicklich zertrümmert, als sie mit klackenden Schritten näher kam. Nach wenigen Augenblicken tauchte ihr kleiner Kopf neben ihm auf, doch er tat weiterhin so, also ob er sie nicht sehen würde. „Hey du… Ich rede mit dir!“ Craig sah weiter geradeaus und erwiderte: „Sach bloß? Darauf wäre ich jetzt nicht von alleine gekommen.“ Ein perplexer Ausdruck schlich sich in ihr Gesicht und sie blinzelte ein paar Mal ratlos. Verunsichert fragte sie: „Weißt du eigentlich was du da gerade getan hast?“ Noch immer ohne sie anzusehen antwortete er: „Etwas, wofür du deinen Papi brauchst.“ Darauf entstand eine unangenehme Stille. Das Mädchen sah ihn beleidigt an und stellte ihre Versuche Augenkontakt herzustellen mit einem resignierenden Seufzen ein. Doch sie musterte ihn unablässig, während sie ihn mit dem Klacken ihrer Absätze durch den Supermarkt folgte. „Du bist nicht sehr gesprächig, oder?“ Wieder erhielt sie keine Antwort und bis sie die Kasse erreichten, verließ kein Wort mehr ihre Lippen.
Mit einem leichten Stirnrunzeln warf die Kassiererin dem Mädchen immer wieder skeptische Blicke zu. Craig fand es nicht schwer zu erkennen, dass die Anwesenheit des Mädchens die Frau irritierte. Fast so, als könne sie sich nicht daran erinnern, das Mädchen beim Betreten des Ladens gesehen zu haben. Doch sie sagte nichts, Craig fragte nicht weiter nach und nach wenigen Momenten hatte er alles in die Tüten gestopft und befand sich auf dem Weg zum Ausgang.
Aber noch bevor er die Tür erreichte, blieb er unerwartet stehen und tat so als würde er durch die Fenster das Wetter beobachten. Das Mädchen imitierte ihn, folgte seinem Blick und meinte: „Grässliches Wetter, nicht wahr? Das wird bald so richtig schütten…“ Doch Craig schaute nur kurz zu ihr herüber und fragte: „Was willst du noch?“ Unwillkürlich zuckte sie unter seinem feindseligen Blick zusammen und antwortete kleinlaut: „Eigentlich wollte ich mich nur bei dir bedanken...“ „Nur damit keine Missverständnisse aufkommen, ich habe dich nicht absichtlich gerettet, oder wie auch immer man es nennen will. Es war viel mehr eine unabsichtliche Folge meines Versuchs meine schlechte Laune an irgendwelchen verrückten Freaks auszulassen.“, erklärte er ihr kalt und setzte sich wieder in Bewegung. „Du… Freaks? Eto… Du hast keine Ahnung, was gerade geschehen ist, oder?“, fragte sie plötzlich stotternd, während sie Craig durch die Tür folgte.
Sofort schlug den Beiden eine kräftige Windböe entgegen und das Mädchen zog ihre Jacke enger um ihre Schultern. Craig seufzte erneut und musterte sie zum ersten Mal genauer. Sie war eine junge Asiatin, wahrscheinlich in seinem Alter und entsprach fast völlig seinem stereotypen Bild. Klein in fast allen Aspekten, hatte eine helle Haut und ebenholzschwarze Haare. Lediglich ihre Augen waren bei weitem nicht so mandelförmig, wie er es erwartet hätte. Um ehrlich zu sein, fand er ihr Gesicht sogar recht attraktiv und freundlich. Jedoch war sie eindeutig nicht der Typ von Frau, der von sechs maskierten Typen lediglich für Triebbefriedigung aufgelauert wird.
„Wenn ich jedes Mal kalkulieren, nachdenken und nachforschen würde bevor ich handle, hätten die Würmer wahre Freude an mir. Ich hab den Weg von ein paar Verrückten gesäubert und du hast dabei zufällig profitiert.“, er warf ihr einen warnenden Blick zu, der sie dazu brachte ihren gerade erst geöffneten Mund wieder zu schließen. „Und wehe du erzählst mir jetzt, dass die jetzt ihre großen Brüder holen. Ich habe heute denkbar schlechte Laune, also bete zu Gott oder an wen auch immer du glaubst, dass die nicht wieder kommen werden… Für unser aller Wohl.“ Das Wort »aller« betonte er dabei besonders und warf ihr einen bedeutenden Blick zu, der sie sichtlich unruhig werden ließ. „Aber…“, setzte sie an. „Nichts aber! Sei still und nerv mich nicht weiter. Ich habe dich nie gebeten mich vor irgendwas zu warnen oder gar zu beschützen.“, unterbrach er sie brummend. Das Mädchen biss sich darauf wütend auf die Unterlippe und tapste trotzig hinter ihm her, während er sie gekonnt ignorierte.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden in ihrem stillen Zug die letzte Kreuzung vor Craigs Haus erreicht hatten, als plötzlich ein Blitz wenige Meter von ihnen in die Straße einschlug. Erschrocken sprang er aus Reflex zur Seite weg und spürte trotzdem noch die Hitzewelle des Einschlags. Das Mädchen hatte einen spitzen Schrei ausgestoßen, die Augen auf den Boden gerichtet und eine gekrümmte Haltung mit den Händen schützend über den Kopf eingenommen. Dabei murmelte sie panisch mehrere Sätze hintereinander und tapste ängstlich auf Craig zu, der sowohl die Einschlagsstelle, als auch den Himmel misstrauisch musterte. Auch wenn er es nach außen hin nicht zeigte, war er verwirrt. Dieser Blitz hatte ihm nicht nur das Adrenalin ins Blut und den Schock in die Knochen gejagt. Da war noch etwas anderes gewesen. Dem Blitz hatte eine Gier nach Blut innegewohnt, die ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken gejagt hatte. Doch so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nichts am Himmel erkennen. Darauf schüttelte er den Kopf und schallte sich einen Narren. Es war nicht möglich, dass einem Blitz Blutdurst innewohnt.
So riss er sich vom mittlerweile völlig geschwärzten Himmelszelt los, warf einen schnellen Blick zu seiner nervigen Begleiterin, um sicherzugehen, dass sie in Ordnung war und wandte sich dann wieder zum Gehen. Doch in diesem Moment schoss das Mädchen hervor und umklammerte ihn von hinten auf Brusthöhe. „Oi, lass los! Wenn du Angst vor Unwettern hast, mach dir gefälligst alleine in die Hose.“, fluchte Craig und versuchte sich mit sanfter Gewalt zu befreien. Doch sie war hartnäckig, klammerte sich mit all ihrer Kraft an ihn und murmelte wirres Zeug, das er nicht verstehen konnte. Er stellte die Tüten ab, um sie von sich zu schieben, doch genau in diesem Moment spürte er das Kribbeln des Blutdursts auf seiner Haut. Instinktiv riss er sich los, drehte sich um, schnappte sich den Körper seiner Klette und schmiss sich mit all seiner Kraft zur Seite, sodass sie zu zweit eine beträchtliche Strecke flogen und über den rauen Teerboden schlitterten. Und einmal mehr hatten sich seine Instinkte als lebensrettend erwiesen. Dort, wo er noch vor wenigen Momenten gestanden hatte, schlug einen Wimpernschlag später ein weiterer wütender Blitz ein. Da er ihn diesmal erwartet hatte, konnte er einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Doch das trug nur zu seiner Verwirrung bei. Es war kein Blitz, sondern etwas das aussah, wie eine Feuerlanze, die aus dem Nichts auf sie zugeschossen kam. So schnell er konnte sprang er wieder auf die Füße, ignorierte die Schürfwunden, die er durch den Sturz davongetragen hatte und zog das Mädchen auf die Beine. Sie hatte mittlerweile aufgehört zu murmeln, starrte aber noch immer entgeistert auf den Boden. „Wenn du nicht geradeaus schaust, wirst du geröstet!“, warnte er sie wütend, ergriff aber trotzdem ihre Hand und zog sie rücksichtslos hinter sich her unter das Vordach eines nahestehenden Hauses.
Dort angekommen beruhigte er als erstes seinen Atem und spähte vorsichtig gen Himmel. Doch bevor er irgendwas Verdächtiges hätte entdecken können, drängte sich das Mädchen erneut gegen ihn. Diesmal vergrub sie allerdings nur ihr Gesicht in seiner Brust und rief mit ängstlich zitternder Stimme: „Du darfst ihn nicht sehen! Schließ deine Augen oder du wirst sterben. Papa… Papa ist auf dem Weg. Wir müssen nur ausharren. Dann sind wir gerettet!“ „Ihn nicht ansehen?“, echote Craig skeptisch, behielt weitere Zweifel aber für sich. Was hier gerade geschah, konnte er sich mit seinem Verstand nicht erklären. Wie konnten Feuerlanzen, die die Geschwindigkeit von Blitzen hatten aus dem Nichts abgefeuert werden? Vor allem warum und von wem?
Nur auf die zweite Frage wusste er eine Antwort. Sein Gefühl verriet es ihm. Er hatte es schon oft genug gespürt. Dieses Prickeln unter Haut, wenn sein Feind versuchte ihn mit alle seiner Macht umzubringen. Der Blutdurst, der sich nur den Tod des Gegners, Craigs Tod wünschte. Kompromisslos und eindeutig.
„Was zur Hölle geht hier ab?“, fuhr er schließlich das Mädchen an, das ihn noch immer panisch umklammerte. Sie vergrub ihr Gesicht weiter in seiner Brust, so dass er Schwierigkeiten hatte sie zu verstehen: „Wanyudo… Wanyudo ist gekommen, weil du seine Untergebenen vertrieben hattest, bevor sie ihre Aufgabe erfüllen können.“ Eine weitere Feuerlanze schlug mit einem gefährlichen Zischen neben ihnen ein, was das Mädchen in sich zusammenzucken ließ. „Er ist gefährlich…“, wimmerte sie. Doch in Craig wallte bereits wieder die Wut, die langsam seine vor Angst, Unverständnis und Schreck gefrorenen Knochen auftaute. Er packte sie grob bei den Schultern und riss sie trotz ihres Widerstands ein Stücken von sich weg, um dann ihr Kinn nach oben zu drücken und Augenkontakt herzustellen. „Wer ist Wanyudo? Und was bei allen Heiligen dieser Welt sind das für seltsame Blitze? Du weißt doch genau was gerade geschieht, oder nicht?“, knurrte Craig wütend und ignorierte dabei gekonnt die feucht glänzenden Augen seines Gegenübers. „Ein Dämon… Mitglied der Bahrsortiner…“, schluchzte sie zitternd und blickte flehend zu ihm auf. Doch Craig hatte seinen Griff bereits gelockert und langsam begann sie wieder damit sich ihm zu nähern. Allerdings flüsterte er noch bevor sie ihn erreichte zu sich selbst: „Ein Dämon? Das kann nicht sein…“ Jedoch waren seine Worte ohne jegliche Überzeugung gesprochen. Das Mädchen blickte fragend, den Wandeln in ihm bemerkend, auf und blieb stehen. Sie spürte, dass es sicherer für sie war sich ihm nicht weiter zu nähern.
In Craig herrschte Chaos. Sein Verstand sträubte sich gegen ihre Worte, er weigerte sich die Existenz von Dämonen anzunehmen. Doch die Worte des Mädchens hatten trotzdem die Wirkung eines Augenöffners gehabt. All seine Sinne bestätigten die Unnatürlichkeit der Situation. Er spürte das seltsame Prickeln unter seiner Haut, die Spannung die ihn innerlich ergriff, das Blut rauschte in seinen Ohren, wie nie zuvor. Seine Nase wurde gekitzelt von dem Geruch der Blitze, von dem er nicht mehr sagen konnte, als dass er nach reinem Feuer roch. Aber auch sein Instinkt sagte ihm, dass er es nicht versuchen bräuchte mit allem zu rechnen, weil das Kommende etwas sein würde, dass er sich nicht hätte ausmalen können. Er sagte ihm, dass etwas nicht Menschliches in der Schwärze des Himmels lauerte, das seinen Tod wollte. Doch gleichzeitig beruhigten ihn seine Instinkte. Sein Körper und seine innere Bestie fürchteten sich nicht. Und so tat er, was er am besten konnte.
Er folgte seinem Instinkt, schritt an dem Mädchen vorbei, wobei er ihr mit einem strengen Blick verbat ihm zu folgen und ging geradewegs in die Mitte der Straße. Und da bemerkte er, dass die Luft in einiger Entfernung in einem flackernden dunkelblauen Licht schimmerte. Er achtete genauer auf seine Umgebung und registrierte, dass ihn das Schimmern in einem durchgängigen Kreis von etwa 15 Metern Durchmesser einschloss. Gleichzeitig bemerkte er, dass kein lebendes Wesen in Sichtweite war. Ebenfalls schien keiner der angrenzenden Bewohner irgendetwas zu bemerken. Noch nicht einmal die üblichen Horden Schaulustiger hatten sich an den Fenstern versammelt.
Als er sein Ziel schließlich erreicht hatte, blickte er gen Himmel und hob provozierend die Hände. Mit fester Stimme schrie er: „Wanyudo! Was oder wer auch immer du bist, komm sofort aus deinem Versteck und zeig mir deine hässliche Fratze!“
Doch was Craig erhielt, war nur ein weiterer Blitz. Allerdings war dieser schneller und heftiger, als die vorherigen. Craig wusste, dass er nicht ausweichen konnte. Und trotzdem blieb jenes Gefühl der Sicherheit.
Ohne sich schützen zu können, wurde er von der Feuerlanze getroffen. Aber anstatt sofort in hell lodernden Flammen aufzugehen, drang die Hitze in ihn ein, kroch unter seine Haut. Für einen kurzen Moment brannte sein Körper, als befände er sich inmitten der heißesten Esse auf Erden. Aber er wusste was zu tun war. Er spürte, dass die Flammen und der Schmerz nur ein fremder Wille waren, der versuchte ihn von innen heraus zu zerstören. Alles was er tun musste, war sich über seinen Feind hinwegzusetzen. Craigs sturer Wille, verstärkt von den tobenden Wellen der Wut, richtete sich gegen den Fremdkörper. Die beiden Willen prallten aufeinander. Craig konnte ihn fühlen. Rau und kratzig wie ein alter ausgefranster Teppich und brodelnd voll irrer Zerstörungswut und Neid, ein Wille angetrieben vom Hass der Entbehrung. Doch er ließ sich nicht beeindrucken. Ohne zu zögern drang er mit seinem unnachgiebigen Überlebenswillen auf den Dämon ein. Wie strömendes Wasser umschloss Craig seinen Feind, während er immer mehr Druck aufbaute. Mit einem letzten Versuch wallte das Feuer seines Gegners ein weiteres Mal auf, erlosch dann aber innerhalb weniger Sekunden.
Mit spöttischem Lachen wandte Craig sich mit seinem gesamten Oberkörper in Richtung des schwarzen Zelts und rief: „Wenn das all deine Tricks sind, verschwende nicht meine Zeit! Ich habe weitaus besseres zu tun als mich mit einem Schwächling herumzuschlagen!“ Craigs Lächeln wurde breiter, als er das erschrockene Quicken des Mädchens hörte, das ihm gehorcht hatte und das Spektakel von weitem mit großen Augen beobachtet hatte.
Nicht lange ließ Wanyudo auf sich warten. Wenige Augenblicke nach Craigs Provokation ertönte das Geräusch von lodernden Flammen gemischt mit einem unheimlichen hölzernen Knarren. Craig suchte aufmerksam den Himmel ab und entdeckte schließlich nördlich von dem Vordach, unter dem sie Zuflucht gesucht hatten, die ersten Teile seines Angreifers. Zuerst konnte er nur eine lodernd brennende Flamme erkennen, die sich langsam hinter den schwarzen Wolken hervorschob. Als es dann aber immer näher kam, zuckten Craigs Mundwinkel enttäuscht. Er hatte einen teuflisch aussehenden Dämon erwartet, mit Schwanz, gefährlichen Stacheln überall am Körper, schwarzen Schuppen, roten Augen, Klauen und Reißzähnen. Doch alles was auf ihn zukam, war ein hölzernes Wagenrad von etwa einem Meter Durchmesser, wobei das Rad an sich in bläulich schimmernde Flammen getaucht war und die Speichen anstatt im Knotenpunkt in dem dämonischen Gesicht eines alten Mannes mit Glatze und Vollbart endeten.
Mit gekränktem Unterton wandte sich Craig von dem seltsamen Wesen ab, sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu dem Mädchen herüber und fragte laut: „Das ist jetzt nicht dein Ernst? Bedroht von sechs komischen Kerlen, die dir jeder Zeit ihre Tonmasken über den Schädel hätten ziehen können, kriegst du noch Widerworte raus, aber beim Anblick von einem einzigen fliegenden Rad mit dem Gesicht eines alten, fetten Knackers verkriechst du dich zitternd in einer Ecke?“ Die Asiatin konnte nur mit einem geschockten Ausdruck tief sitzender Panik zurückblicken und verständnislos ihren Kopf schütteln. Hinter Craig ertönte darauf ein wütendes Krachen und Knarren von Holz. Genugtuung stieg in ihm auf, als er den eigentlichen Zweck seiner Provokation erfüllt wusste. Über die Schulter blickte er zurück und entdeckte das Rad wenige Meter von sich entfernt in der Luft schweben. Die Fratze des Alten war entstellt vor Hass und Wut. Eine Stimme, die dem Krachen des Donners glich, schallte Craig entgegen. Die Kraft die er hinter dieser spürte kühlte sein brodelndes Blut ein wenig ab: „Wer bist du, Mensch? Was für ein niederes Wesen wagt es mich zu beleidigen und meinem Blick zu widerstehen?“ Mittlerweile hatte er sich völlig zu dem Dämon umgedreht und blickte ihm geradewegs in die rot glühenden Augen. Immerhin diese hatte er mit Craigs Vorstellungen gemein. „Antworte!“, donnerte es in solch einer Intensität über ihn hinweg, dass seine Ohren zu schmerzen anfingen. Hinter sich hörte er einen erneuten Schrei des Mädchens, den er nicht beachtete. Ohne zu zucken starrte er mit kalter, unbewegter Miene seinem Angreifer entgegen. Und dieser fing förmlich an am Rad zu drehen. Mit einem tiefen vibrierenden Knurren, das einem nicht nur in Mark und Knochen fuhr, beschleunigte sich die Drehbewegung des Rades, bis die Flammen, die ihm entsprossen ein Flammenrad formten, das in Craigs Richtung schoss. Er festigte seinen Stand. Ihm war bewusst, dass eine Flucht nicht möglich war. Denn das Rad fing zwar erst behäbig an in der Luft zu rollen, wurde dann aber in kürzester Zeit immer schneller und fegte geradewegs auf ihn zu. Seine Ohren vernahmen bereits das Lodern des Fegefeuers im Wind, als er die Hände hob, um den Dämon mitten in der Luft aufzuhalten.
Seine Sinne schärften sich. Ein kalter Schauer im Angesicht seines möglichen Todes durchfuhr ihn. Der Feind hatte ihn schon fast erreicht. An seinen Händen spürte er die Hitze, als die Flammen gierig nach seinem Fleisch leckten. Ein tiefer Atemzug, ein letztes Absinken seiner Hüfte waren seine einzige Reaktion. Dann krachte der Dämon in ihn hinein.
Schon beim ersten Kontakt verbrannte das Fegefeuer seine Haut. Es war anders als die Feuerlanzen. Es versuchte nicht in ihn einzudringen. Schnell wurde Craig klar, dass der einzige Zweck in der Zerstörung seines Körpers liegen konnte. Höllische Schmerzen durchzuckten ihn, die er aber gekonnt ignorierte. Mit all seiner Kraft grub er seine Füße in den Boden und versuchte die Vorwärtsbewegung des Wesens zu stoppen. Doch die Schmerzen wurden immer schlimmer. Nicht nur fraß das Feuer ihn bei lebendigem Leib, auch schälte ihm das Drehen des rauen Holzes das verbrannte Fleisch von den Knochen.
Und plötzlich sah er es. Fast sachlich hatte sich das Bild seines Tods in seinem Herzen eingenistet. Doch je bewusster es ihm wurde, desto höher stiegen die Wellen der Angst. Seine Existenz würde ausgelöscht werden. Hatte er überhaupt gelebt? Hatte er erreicht, was er erreichen musste? Das Bild seines Vaters formte sich in seinem Geist, was seinen Magen Saltos schlagen ließ. Er verschränkte die Arme in einer Haltung völliger Überlegenheit vor der Brust und brüllte grinsend Befehle entgegen. Dieses verkümmerte Lächeln enthielt eine abstoßende Mischung aus Spott, Hass, Schuldzuschiebungen und sadistischer Freude. Insbesondere letzteres jagte Craig einen Dolch durch sein verstaubtes Herz, als sein Vater anfing spielerisch seine rechte Faust zu reiben, während er auf ihn herabblickte.
Vielleicht war seine Existenz in Wirklichkeit doch nur ein Alptraum gewesen, der sich bald im gähnenden Nichts der Geschichte restlos auflösen sollte? In diesem Moment registrierte Craig wie schwer es war sich zu ändern. All die Jahre hatte er Kraft gesammelt. Die Kraft, die er zum Leben brauchen würde. Er würde sich nicht damit zufrieden geben von seinem Vater in eine Rolle gedrückt zu werden, die er nicht wollte, ständig in seinem Schatten zu stehen, seine Visage immer als eine unsichtbare Mauer vor sich zu sehen. Und doch jetzt, im Moment, wo sein Leben enden würde, sah er ihn vor sich. Es hatte sich nichts geändert. Alles war gleich geblieben. Noch immer wurde auf ihn herabgeschaut, obwohl er immer wieder gekämpft hatte. Eine kalte Wut brodelte nun in ihm. Es hatte sich nichts geändert. Er würde nicht aufhören zu kämpfen. Er würde nicht sterben, bevor er sich nicht den Beweis erbracht hatte, dass er stark genug war seine größte Schwäche zu überwinden, seinen Vater in allen Abschnitten hinter sich lassen und nicht mehr bloß existieren. Irgendwann würde er stark genug sein zu leben.
Mit kalter Entschlossenheit in seinem Blick durchfuhr ihn neue Kraft. Der Schweiß lief ihm in Strömen den Körper herab, während von seinen bereits zerfetzten, wie auch verbrannten Handflächen vereinzelt Bluttropfen den kalten Boden benetzten. Hoch konzentriert nicht von den noch immer stärker werdenden Schmerzen überwältigt zu werden, bemerkte er nicht, dass sein Körper angefangen hatte einen bläulichen Nebel abzusondern. Dieser umgab ihn mit einer dünnen Schicht, schmiegte sich spielend an seine Haut und flimmerte dezent unter dem Lodern des Fegefeuers.
Mit einem unnachgiebigen Knurren verdrängte Craig den Schmerz aus seinem Bewusstsein und verstärkte seinen Griff, um das rotierende Rad zu stoppen. Innerhalb von zwei gefühlten Ewigkeiten verlangsamte sich die Bewegung immer mehr. Ein Schrei des Triumphs, der sogar das penetrante Knarren der Überraschung Wanyudos übertönte, begleitete schließlich Craigs Erfolg. Und er nutzte seine Chance. Er gab dem alten Dämon nicht einmal die Gelegenheit seinem Entsetzen Ausdruck zu verleihen. Mit all seiner Kraft hämmerte er die Seite des Rads auf, der sich das Gesicht befand in den Boden. Augenblicklich verloschen die Flammen und es ertönte ein tiefvibrierendes Stöhnen. Doch Craig dachte noch nicht daran aufzuhören. Mittlerweile war sein Kopf leer. Er durfte nicht denken, sonst würde ihn der Schmerz überwältigen. Er ließ sich allein von seinem Instinkt führen. Ohne seinem Gegner eine einzige Pause zu geben, drosch er mit seinen blanken Fäusten immer wieder auf die Rückseite des hölzernen Rads. Er hörte nicht auf, ehe das Holz anfing zu splittern, die Splitter seine Hände spickten und seine Konzentration nachließ, wodurch sein Schmerzbewusstsein wieder zurückkehrte. Atemlos mit hängenden, blutenden Händen kniete er nun vor den Überresten des Wesens, das seine Existenz auslöschen wollte. Langsam verarbeitete sein perplexes Gehirn diese absurde Situation. Ein gedämpftes Lachen stieg ebenso schleichend aus seinem Brustkorb empor. Während er damit kämpfte das unregelmäßige Hüpfen seiner Brust zu kontrollieren, legte er den Kopf in den Nacken und betrachtete abwesend die Finsternis des Himmels. Nur am Rande seines Bewusstseins realisierte er, dass eine gigantische Kreatur geradewegs auf ihn zuflog und das auch nur, weil sie die Größe eines kleinen Hauses hatte.
Als das geschockte Mädchen ungläubig dem leeren Blick Craigs folgte, entdeckte sie ebenfalls das nahende Wesen. Fast augenblicklich verflog ihre Angst. So schnell sie konnte stand sie mit zitternden Beinen auf und rannte der Kreatur, die einen feurigen Schweif hinter sich herzog entgegen. Energisch winkte sie dem Wesen und als es näher kam, erkannte auch Craig, um was es sich handelte. Es war ein riesiger neunschwänziger Fuchs mit flammendem Fell, das selbst in der Finsternis des Unwetters zu schimmern vermochte. Nur verschwommen nahm er den fliegenden Fuchs wahr, spürte sein Nahen aber umso deutlicher. Es war als läge sich die Präsenz des Tiers gleich einer Teerdecke auf seinen Körper und übte einen leichten, aber beständigen Druck auf ihn aus, der es ihm in seinem geschwächten Zustand erschwerte zu atmen.
Als es schließlich über dem Mädchen sein Tempo verringerte, fing es an zu schrumpfen, bis es die Größe eines Pferdes erreicht hatte. Sanft ohne ein einziges Geräusch zu verursachen, landete der Fuchs schließlich zwischen Craig und dem Mädchen auf der Straße. Ohne zu zögern stürmte sie auf
das Wesen zu, umschlang freudig den schlanken Hals mit beiden Armen und fing nach kurzem Kuscheln an die Geschehnisse wiederzugeben. Davon bekam Craig allerdings nichts mit. Die Schmerzen hämmerten und der Widerstand seines Willens gab langsam nach. Zum Denken war nicht mehr in der Lage und sein Körper fühlte sich an, als läge er unter einem Amboss. Zudem wich das Adrenalin langsam aus seinem Blutkreislauf. Die Erschöpfung drang durch und verursachte einen gefährlichen Schwindel. Instinktiv war ihm klar, dass er gar nicht versuchen brauchte aufzustehen, weswegen er in seiner halb sitzenden, halb knienden Position verharrte und sich auf den Versuch beschränkte seine Atmung zu regulieren.
Erst als der unwirklich große Kopf des Fuchses in seinem Blickfeld auftauchte, rührte er sich. Langsam hob er den Kopf und suchte Augenkontakt.
Der Fuchs verharrte ebenso wie Craig in seiner Position ohne sich zu rühren und plötzlich ohne irgendeine Bewegung ertönte eine überirdisch wirkende Stimme, deren sanfter, tiefer Klang in Craig einzudringen vermochte und dort mit einem beruhigenden Hallen verklang.
„Was ist dein Name, Junge?“ Ohne zu registrieren, was er tat, antwortete er erschöpft: „Craig…“
„Du hast mir einen großen Dienst erwiesen. Niemals hätte ich es mir verzeihen können, wenn meiner Tochter etwas zugestoßen wäre.“ Craig nickte nur langsam. Aus irgendeinem Grund war sein Verstand zu ihm zurückgekehrt und die Schmerzen waren vergessen. Er fühlte nichts. Die Stimme des Fuchses hatte ihn gefesselt, hatte ihn eingelullt, sodass ihm es nicht einmal merkwürdig vorkam, dass jene Tochter des Fuchses nur das asiatische Mädchen sein konnte.
„Craig, als Dank sei es dir erlaubt mich Gakido der Mitte zu nennen.“ Wieder nickte Craig, ohne zu registrieren, dass der Faden, der sein Bewusstsein in seinem Körper hielt, drohte zu reißen. Auch wenn die Absurdität dieser Unterhaltung langsam durch sein Gehirn sickerte.
„Aber dem nicht genug“, fuhr Gakido fort, „ich biete dir die Ehre an einen Handel mit mir abschließen zu dürfen, indem die Heilung deiner Arme miteingeschlossen ist.“ Langsam schaute Craig auf seine schlaffen Arme herab. Im Grunde waren es nur noch zwei nutzlose blutige und verkohlte Stummel, wobei insbesondere die rechte Hand nicht mehr als solche wiederzuerkennen war. Langsam blickte er wieder auf, nickte erneut und krächzte: „Und was ist die Bedingung?“
„Da du nun weißt, dass wir existieren, dass eine Form von Leben existiert, die es laut euch Menschen nicht geben dürfte, wirst du eine für dich völlig neue Welt entdecken, die über lange Zeit zusammen mit der Welt der Menschen bestand und noch bestehen wird. Ich schenke dir eine Zukunft und du wirst mir helfen diese zu erhalten.“ „Ich akzeptiere.“, sprach Craig leise aus, ohne wirklich zu verstehen, was gerade geschah.
Im nächsten Moment drückte ihm der Fuchs seine feuchte Schnauze auf die Stirn. Ein unbeschreibliches Gefühl der Erfüllung ermächtigte sich Craigs Körper. Aber auch sein Geist ritt auf der Welle der Empfindung und einen Wimpernschlag später riss der Faden. Kraft und wehrlos kippte er bewusstlos zur Seite.