Autor Thema: Die magischen Vier I - Wasser  (Gelesen 366 mal)

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Offline Bonnie

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Die magischen Vier I - Wasser
« am: September 09, 2010, 07:51:20 Nachmittag »
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Als Taloras Großvater urplötzlich verschwindet, ahnt sie nicht, dass das Verschwinden mit den Geschichten, die sie als kleines Mädchen immer erzählt bekommen hat, zusammenhängen. Doch schon bald muss sie erkennen, dass diese Geschichten alle der Realität entsprechen und sie nicht vor ihrer Bestimmung als eine der magischen Vier entfliehen kann ...

Kurzum: Es soll eine Buchreihe werden, bei der ich jedes Buch nach einem der vier Elemente benenne. Einfallsreich, ich weiß.  :P
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Prolog

Als ich noch ein ganz kleines Mädchen war, verbrachte ich die kalten und eisigen Winter oft bei meinen Großeltern. In ihrem Haus war es stets warm und gemütlich und es roch immer nach der köstlichen Suppe, deren Rezept nur meine Großmutter wusste. Sobald wir zu dritt diese Suppe verspeist hatten, ließ ich mich auf den weichen Teppich fallen, der direkt vor dem Kamin lag, während meine Großeltern auf ihren Schaukelstühlen Platz nahmen. Alles erschien mir wie in einem Bilderbuch, bis mein Großvater anfing, mir seine farbenfrohen Geschichten zu erzählen. »Wusstest du eigentlich, dass es noch eine andere Welt gibt, die unserer gleich, jedoch voller Magie und Träume steckt?« Ich wusste es, denn mein Großvater hatte mir diese Geschichte schon tausend Mal erzählt. Trotzdem wollte ich sie mir immer und immer wieder erzählen lassen. Sie steckte voller Magie, voller Zauber, voller Menschen, die mir bekannt vorkamen und doch so fern zu sein schienen. Es waren Krieger, die die vier Elemente beherrschten und für das Gute kämpften. Sie lebten friedlich miteinander, in Harmonie, wie es mein Großvater immer sagte. Doch damals wusste ich nicht, dass mir mein Großvater etwas verheimlichte: Ich war auch eine dieser Krieger.

1. Kapitel

»Talora!«, ermahnte mich meine Mutter, als sie bemerkte, dass ich nicht an meinen Hausaufgaben, sondern im Garten saß und in die Ferne starrte. »Talora, ich glaube, morgen steht dir ein wichtiger Test bevor, oder nicht?«
   »Kann sein.«, murmelte ich und schaute weiterhin in die Ferne, in die Sterne, dorthin, wo mir die Welt sorgenlos erschien.
   »Was soll das heißen? Talora, geh sofort wieder deine Hausaufgaben machen!«
   »Nur noch ein bisschen, Mama.«, bat ich meine Mutter, den Blick nicht von den Sternen abwendend.
   »Ist dir eigentlich bewusst, wie miserabel deine Noten sind? Du kannst es dir nicht leisten, deine Hausaufgaben zu vernachlässigen, Talora.«
   Ich merkte genau, dass ihr Ton sanfter und ihre Stimme ein kleines bisschen weicher wurde. Obwohl sie mich bestimmt nicht noch einmal anschreien würde, erhob ich mich trotzdem von dem nassen Grasboden und lief rasch ins Haus, genau an ihr vorbei. Sie musterte mich, während an ihr vorbei lief, mit einem strengen Blick, der jedoch wegen ihrer Besorgnis und Traurigkeit nicht gelang.
   »Du machst dir wieder Sorgen um Opa, habe ich Recht?«
   Ich hatte nicht vor, ihr eine Antwort auf diese Frage zu geben. Es lag auf der Hand, dass ich mir um meinen Großvater, der schon seit einigen Tagen spurlos verschwunden war, Sorgen machte. Sie musste einfach blind sein, um dies nicht merken zu können.
   Als ich endlich die Tür meines Zimmer verschlossen hatte, ließ ich mich auf mein Bett fallen. Ich dachte nicht einmal im Traum daran, jetzt, in dieser Situation, Hausaufgaben zu machen. Selbstverständlich war mir bewusst, welch schlechte Noten ich in letzter Zeit geschrieben hatte, aber bei meinem größten Bemühen konnte ich nicht an die Schule denken. Alles, worum sich meine Gedanken kreisten, war mein Großvater. Ich sah sein mit Falten verziertes, jedoch immer noch junges und fröhliches Gesicht vor mir, seine Hände, die wild um ihn schlugen, wenn er mir von seinen frei erfundenen Abenteuern erzählte, und seine tiefen blauen Augen, die ich von ihm geerbt hatte. Das Schlimmste daran war jedoch, dass wir nicht wussten, wohin er verschwunden war. Als hätte ihn die Erde samt seinen Kleidern und anderen Dingen, die er stets bei sich getragen hatte, verschlugen hätte.
   »Talora?« Mein Vater klopfte drei Mal an. »Talora, machst du bitte die Tür auf?«
   »Ich kann nicht, ich sitze an meinen Hausaufgaben.«, log ich, um bloß nicht meinen Vater zu Gesicht zu bekommen. Ich wollte keine tiefgründigen Gespräche mit ihm führen, die mich immer zu bringen sollten, mich schlecht zu fühlen und bei meiner Mutter zu entschuldigen.
   »Tust du nicht. Jetzt mach schon auf, Spatz. Bitte.«
   Ich konnte nicht anders. Auch diesmal würde mich mein Vater dazu bringen, mit ihm über meine Probleme zu sprechen und mir dann anzuhören, dass Großvater bald auftauchen und wir wieder alle glücklich miteinander sein würden.
   »Ich will nicht mit dir reden. Nicht heute.«, sagte ich ihm, als ich meine Tür öffnete und mich wieder auf mein Bett fallen ließ.
   »Daran habe ich auch gar nicht gedacht. Wollen wir einen Spaziergang machen, du und ich?«
   »Wozu?«, protestierte ich und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Meinem Vater konnte ich ruhig zeigen, dass ich sauer oder wütend oder traurig war, meiner Mutter nicht-
   »Einfach so. Ich würde dich auch gerne alleine gehen lassen, aber draußen ist es schon dunkel und ich möchte nicht, dass dir etwas zustößt. Außerdem habe ich gedacht, das bringt dich vielleicht auf andere Gedanken.«
   Ich überlegte. Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, einfach mal den Wind in meinen Haaren zu spüren und alles um mich herum zu vergessen. »Einverstanden.«, willigte ich ein, sprang von meinem Bett auf, lief schnell in den Flur, zog mich mit der gleichen Geschwindigkeit an und wartete nur noch auf meinen Vater, der mit der Ruhe seine Jacke anzog.
   »Wo wollt ihr denn hin?«, fragte meine Mutter, als sie aus der Küche kam und uns beim Anziehen entdeckte.
   »Wir wollen ein wenig spazieren gehen.«, antwortete mein Vater.
   »Um diese Uhrzeit?«
   »Ich bin ja bei ihr, da kann nichts passieren.«
   »Talora muss aber für den morgigen Test lernen.«
   »Ich habe schon gelernt.«, mischte ich mich ein. Natürlich war das gelogen.
   »Wirklich? Dann kann ich von dir eine gute Note erwarten, oder?«
   »Ich –«
   »Natürlich kannst du das.«, antwortete mein Vater für mich. »Wenn wir wieder zu Hause sind, frage ich Talora noch ein letztes Mal ab, da kann nichts mehr schief gehen.«
   Die rechte Augenbraue meiner Mutter wanderte nach oben, dann entspannten sich ihre Gesichtsauszüge und sie gab uns mit einer Hand zu verstehen, das wir gehen konnten. Das taten wir schließlich auch.

Es war eine gute Idee von meinem Vater gewesen, einen kurzen und entspannenden Spaziergang zu machen. Ich erholte mich rasch und meine Gedanken wurden ein wenig klarer, sodass ich nicht mehr das Gefühl hatte, in meinen Kopf schwirrte das große Chaos.
   »Wie findest du den Mond?«, riss mich mein Vater aus den Gedanken und schaute hoch in den Himmel.
   »Wie meinst du das?«, fragte ich nach.
   »Wie findest du den Mond?«
   »Ich verstehe nicht, was du meinst.«
   »Findest du nicht, dass er so klar scheint und genau deshalb so schön aussieht?«
   »Ich habe keine Probleme. Mir geht es prächtig.«
   »Das sehe ich.«
   Darauf wollte ich diesmal nicht eingehen. Ja, es ging mir nicht besonders gut, weil ich meinen Großvater schrecklich vermisste, weil ich nicht wusste, wo er war, weil ich nichts für ihn tun konnte, weil ich nichts an der Tatsache, dass er spurlos verschwunden war, ändern konnte.
   »Es ist besser, wenn man über seine Probleme spricht. Wenn du alles für dich behältst, wirst du irgendwann platzen, weil du niemanden hast, mit dem du über deine Probleme sprechen und gemeinsam nach einer Lösung suchen kannst.«
   »Mir geht es gut.«
   »Wirklich? Du vermisst also Opa nicht, nein?«
   »Doch!«, rutschte es aus mir heraus, lauter, als es mir lieb war.
   »Na, also! Dann muss es dir doch schlecht gehen, oder?«
   Ich nickte.
   »Deine Mutter möchte nicht in deinen Augen wie eine Tyrannin aussehen. Sie ist nur um deine Schulnoten besorgt.«
   »Ich weiß.«, murmelte ich und schaute mit ihm gemeinsam in die Sterne. Ob es wirklich eine Welt gibt, in der alles besser ist?, fragte ich mich, während ich versuchte, die Sterne zu zählen, einen nach dem anderen.
   »Wo ist Opa?«, fragte ich ganz leise, um nicht in Tränen auszubrechen. »Weißt du es?«
   Mein Vater antwortete nicht. Er schaute in die Sterne, als wäre die Antwort in dem Himmel verborgen, als müsste ich nur in den Himmel schauen, um zu erraten, wo mein Großvater steckte.
   »Wo ist er?«, wiederholte ich, diesmal ein wenig lauter.
   »Wollen wir wieder nach Hause gehen? Es wird schon langsam ziemlich spät. Soweit ich weiß, hast du für den morgigen Test nicht gelernt, oder?«
   »Wo ist Opa?!?«, schrie ich, während meine Tränen anfingen über meine Wangen zu laufen, bis hin zu meinem Lippen, mit denen ich den salzigen und traurigen Geschmack schmecken konnte.
   »Komm, wir gehen heim.«, war alles, was er sagen konnte. Oder wollte.

2. Kapitel

Ich war mir nicht sicher, ob mein Vater etwas mit dem raschen und plötzlichen Verschwinden meines Großvaters zu tun hatte oder in irgendeiner Weise etwas davon Bescheid wusste. Aber falls dies dem so war, war mir klar, dass ich meinen Vater bis an mein Lebensende für seine Verschwiegenheit hassen würde. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er mir nichts über diese Merkwürdigkeit erzählen wollte, obwohl er doch genau wusste, dass ich sehr an meinem Großvater hing. Den ganzen Tag über versuchte ich, meinen Vater aufs Glatteis zu führen, doch dies war mir zu meinem Pech nicht gelungen – er blieb stumm und gab sich ahnungslos und unwissend. Erst am Abend, als ich bereits in meinem Bett lag, konnte ich meine Eltern bei einer heftigen Diskussion belauschen.
   »Wir müssen es ihr sagen.«, begann mein Vater, ruhig und entschloss.
   »Kommt nicht infrage! Gaubert ist schon verschwunden und steckt viel zu tief in dieser ganzen Sache, ich lasse es nicht zu, dass auch sie dort zugrunde geht!«
   »Mein Vater wurde nicht entführt, er ging absichtlich dorthin, um für sein Land zu kämpfen.«
   »Du vergisst wohl, dass Talora ein Mädchen ist und man sie dort nicht willkommen heißen wird. Es ist ein Fehler, Corvin, ein gewaltiger Fehler, den wir einfach vergessen müssen.«
   Es wurde still. Ein Teller fiel zu Boden, ich konnte gut und deutlich das Klirren hören. Danach folgte die sanfte und leise Stimme meines Vaters: »Dieser Fehler, wie du es nennst, kann alles verändern. Gott hat ihr diesen Fehler geschenkt, damit sie den Horror endlich beenden kann. Sie ist alt genug, sie muss endlich die Wahrheit wissen, sie muss –«
   »Halt den Mund! Sie ist noch ein Kind, sie muss sich auf die Schule konzentrieren, aus ihr muss jemand werden, der es in dieser Welt zu etwas bringen kann, und kein Krieger! Sie ist nun mal kein Junge, sie ist ein Mädchen, ein kleines, naives und doch sehr unwissendes Mädchen! Ich lasse es nicht zu, dass du sie in diese Welt schickst, niemals!«
   Ein weiteres Geschirr fiel zu Boden, diesmal war das Klirren lauter, unerträglicher, und dann hörte ich ein Schluchzen, das wahrscheinlich von meiner Mutter kam. Sie murmelte etwas, was ich nicht verstehen konnte.
   »Aber du kannst nichts daran ändern.«, antwortete mein Vater, anscheinend auf das Gemurmel meiner Mutter.
   »Wird Gaubert sie wenigstens beschützen?«
   »Das wird er. Sobald er wieder da ist, werden er und ich uns um sie kümmern, keine Sorge.«

In dieser Nacht konnte ich kein Auge schließen, so hin und her gerissen war ich von der ganzen Unterhaltung, die meine Eltern miteinander geführt hatten, von den ganzen Informationen, die mir im Kopf herumschwirrten und mir keine Ruhe ließen. Wo war denn nun mein Großvater? Woran sollte ich nicht zugrunde gehen? Warum sollte mich mein Großvater beschützen und, noch viel wichtiger, wovor? Noch einige Male wälzte ich mich hin und her, versuchte, eine angenehme Position zu finden, in der ich sofort einschlafen konnte. Sobald mir allerdings klar wurde, dass ich so oder so nicht einschlafen würde, stand ich von meinem Bett auf, ganz langsam, um keinen durch unnötige Geräusche zu wecken, und ging an meinen Schreibtisch, um dort eine kleine Nachricht an meine Eltern zu schreiben. Mir war sehr wohl bewusst, dass ich einen ziemlich großen Ärger bekommen würde, wenn ich einfach die Wohnung verließe, aber in diesem Moment war dies mir vollkommen gleich. Ich wollte an die frische Luft, ich wollte meine Ruhe haben, ich wollte nachdenken können, was ich hier nicht tun konnte.

Als ich endlich an der frischen Luft war, fühlte ich mich erheblich besser. Ich kam mir nicht mehr eingeengt vor wie eine kleine Maus in einem für sie viel zu kleinen Käfig. Ich konnte über dies und jenes nachdenken, ohne mich ständig davor zu fürchten, dass mich jemand dabei erwischen könnte, wie ich mit meinen Gedanken ganz woanders war. Wenn meine Eltern plötzlich nachts aufwachen sollten, würden sie in mein Zimmer gehen, um mich zudecken zu wollen. Dort würden sie dann meinen Zettel sehen und wenigstens wissen, wo ich war. Natürlich würden sie vor Wut toben, aber sie würden nicht ratlos sein und lange darüber grübeln, wo ich denn stecken konnte.
   Während ich mir meine Schuhe auszog und das frische Gras an meinen Zähen spürte, sah ich, wie die Sonne langsam aufging und die Landschaft an Farbe gewann. Das Gras nahm einen satten Grünton an, der Himmel ein schimmerndes Rosa. In meinen Gedanken ging ich noch ein letztes Mal das Gespräch meiner Eltern durch. Ich konnte mich an jedes Wort erinnern, so stark hatte sich diese heftige Diskussion in mein Gedächtnis eingeprägt. Nun war ich mir sicher, dass die beiden ganz genau wussten, wohin mein Großvater verschwunden und war.

»Bist du verrückt?!?«, schrie mich meine Mutter an, sobald ich nach Hause gekommen war. Anscheinend hatte sie mit meinem Vater auf mich gewartet und sich große Sorgen gemacht, was eigentlich kein Wunder war. »Ehrlich, Talora, manchmal habe ich das Gefühl, du seist nicht mehr normal!«
   »Ich bin doch nur ein wenig spazieren gegangen. Es ist ja nichts passiert.«, verteidigte ich mich und zog mir die Jacke aus.
   »Es hätte etwas passieren können!«, fuhr sie in ihrem lauten und panischen Ton fort.
   »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich bin ja jetzt hier und mir ist nichts passiert.«
   »Du spinnst!« Sie trat einen gewaltigen Schritt auf mich zu und holte mit ihrer Hand aus. Hätte mein Vater sie nicht zurückgehalten, wäre ich jetzt womöglich mit einer roten Stelle an einer meiner Wangen versehen.
   »Das ist nicht richtig, Tina.«, sagte mein Vater und hielt ihre Hand fest in seiner. »Gewalt ist keine Lösung.«
   »Sie weiß gar nicht, was ihr alles passieren konnte!«, schrie ihn meine Mutter an und riss sich aus seiner Umklammerung. »Wenn ihr etwas passiert wäre, dann –« Sie brach in Tränen aus, erst kullerte eine entlang ihrer Wange, dann folgten ihr sogleich mehrere.
   »Es ist doch aber nichts passiert, Mama. Warum machst du dir denn immer so große Sorgen?«, versucht ich, meine Mutter wieder zu beruhigen, doch sie ließ es nicht zu.
   Statt sich in meine Arme schließen zu lassen, stieß sie mich leicht von sich ab und verschwand im Schlafzimmer. Sie verschloss die Tür, um alleine sein zu können. Jedenfalls nahm ich das an.
   »Wir müssen reden, Talora.«, meldete sich nun mein Vater zu Wort. Sein Gesichtsausdruck sah entschlossen aus, so, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
   »Aber die Schule!«, protestierte ich.
   »Es ist wichtig, Talora. Lebenswichtig.«
« Letzte Änderung: September 10, 2010, 11:56:00 Vormittag von Bonnie »
»Du stehst auf der Liste der Dinge, die ich am meisten liebe - direkt hinter Schokolade.« Mary Englund Murphy

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Re: Die magischen Vier I - Wasser
« Antwort #1 am: September 10, 2010, 11:56:19 Vormittag »

3. Kapitel

Ich hielt es für falsch, die Schule ohne einen bestimmten Grund zu versäumen. Schließlich hatte mir meine Mutter immer und immer wieder gesagt, wie wichtig doch die Schule sei, und nun musste ich zu Hause bleiben.
   »Möchtest du mir nicht endlich sagen, was hier eigentlich vor sich geht!« Es klang vielmehr nach einem Befehl als nach einer Frage.
   »Gleich. Zieh dir erst einmal etwas Warmes an.«
   »Warum?«
   »Es ist wichtig.«
   »Lebenswichtig?«
   Er hatte den Ton in meiner Stimme bemerkt und verstand, dass ich mich über ihn ein wenig lustig machen wollte. »Ja.«
   »Mir geht diese Heimlichtuerei auf die Nerven.«, brummte ich vor mich hin, während ich meine blaue Jacke aus meinem Kleiderschrank herausholte.
   »Ich glaube, die blaue Jacke wird zu kalt sein.«
   »Wir sind doch nicht am Nordpol, Papa!«
   Er grinste. »Zieh dir trotzdem eine wärmere Jacke an, bitte.«
   »Aber –«
   »Talora, bitte.«
   Ich seufzte, schmiss meine blaue Jacke in irgendeine Ecke und holte nun meine wärmste und dickste heraus, um meinen Vater ein wenig zu provozieren. Er musste einfach etwas gegen diese Jacke einwenden. Schließlich hatten wir Frühling. »Besser so?«
   Er musterte solange meine Jacke, bis er schließlich nickte.
   »Du spinnst!«, rief ich und zog mir schnell die Jacke wieder aus. »Du willst, dass ich einen Hitzeschlag bekomme!«
   »Nicht dort, wohin wir jetzt gehen werden. Aber zuerst musst du dir diese Jacke anziehen.«
   »Du spinnst!«
   »Mag sein, aber ich möchte trotzdem, dass du dir etwas Warmes und Dickes anziehst. Ich werde es übrigens auch tun.«
   »Du kannst anziehen, was du willst, aber ich, möchte keinen Hitzeschlag bekommen.«

Zwar war ich von Natur aus eine sture Göre, aber letztendlich hatte mich mein Vater doch noch dazu überredet, die Jacke anzuziehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wozu ich dies tun sollte, doch ich vertraute meinem Vater und wusste, dass er sich nicht irren würde.
   Wir liefen also in diesem Spätfrühling durch die Gassen, überquerten fast alle Straßen, die es nur zu überqueren gab, und ließen uns von den anderen mit seltsamen und verwirrten Blicken mustern. Schließlich kamen wir an einem See an – dem Splittersee.
   »Was sollen wir hier? Hier ist es genauso warm. Ich will die Jacke nicht mehr tragen!«
   »Warte ab, bitte.«
   »Ich will aber nicht! Ich will nach Hause! Oder in die Schule! Ich will überall sein, nur nicht hier!«
   »Kannst du bitte deinen Mund halten, Talora? Ich kann nichts dafür, dass ich dich hierher schleppen musste. Es ist meine Aufgabe, die ich zu erfüllen habe. Ich würde dich auch lieber in die Schule schicken als hierher, aber habe leider keine andere Wahl.«
   Ich verstummte. Noch nie zuvor hatte ich meinen Vater so wütend und genervt gesehen. Wahrscheinlich ging es ihm genauso schlecht wie mir, also hielt ich ab sofort meinen Mund.
   Wir warteten. Es war ein langes und ziemlich nervtötendes Warten, doch schließlich rührte sich etwas in dem Splittersee. Die Wellen schlugen gegeneinander, es entstand ein riesiges Loch in dem See. Die Farben waren dunkel und trist, jedoch konnte ich auch ein wenig Licht erkennen, das aus dem Loch kam.
   Nach einer Zeit spürte ich die Hand meines Vaters an meinem Arm. Die Energie, die aus dem See kam, war so groß, dass er mich nun festhalten musste. »Hab keine Angst, einverstanden? Dir wird nichts passieren.«
   Selbst nicken konnte ich nicht mehr, weil mir am ganzen Körper kalt wurde und ich zu zittern begann. Zur Sicherheit verdeckte ich wie ein kleines Mädchen meine Augen mit meiner noch freien Hand und versuchte, die aus dem See kommenden Geräusche und Laute einfach auszublenden.

Irgendwann war es schließlich vorbei. Der See hatte sich mehr und weniger beruhigt, es schwammen sogar einige Enten und Fische umher, die so taten, es wäre nichts geschehen. Endlich konnte ich mich einigermaßen beruhigen. Ich nahm meine Hand von meinen Augen, musste sie jedoch wieder benutzen, um meine Augen zu reiben. Der Mensch, der nun vor mir stand, war mein Großvater.
   »Opa!« Ich wollte zu ihm rennen, ihn umarmen, ihn an mich drücken, doch mein Vater hielt mich zurück.
   »Hast du etwas Neues herausgefunden, Vater?«, fragte er. Er blieb kalt und neutral, so, als wäre Großvater niemals fort gewesen.
   »Leider. Alles ergibt nun einen Sinn.«
   »Können wir nichts daran ändern? Absolut nichts?«
   Mein Großvater schüttelte den Kopf. »Du und Margarete sowieso nicht. Ich gehörte zwar einmal zu den magischen Vier, aber auch ich kann nichts dagegen unternehmen. Es ist, wie es ist. Wir müssen uns damit abfinden und das Beste daraus machen.«
   In meinem Gedächtnis kramte ich nach dem Begriff »Die magischen Vier«. Ich war mir absolut sicher, dass ich diesen schon einmal irgendwo gehört hatte.
   Die Gesichtszüge meines Großvaters entspannten sich. Er breitete seine Arme aus. »Lass sie los, Corvin. Ich möchte sie umarmen. Ich habe sie vermisst und sie mich bestimmt auch.«
   »Wir können jetzt keine Zeit verlieren, Vater.«
   »Ich glaube, es findet sich schon eine kleine Minute, um den Großvater einmal zu drücken, oder?«
   Energisch befreite ich mich aus den Griffen meines Vaters und rannte auf meinen Großvater zu. Mir kamen die Tränen, als ich meine Hände um seinen Hals schlug und mich fest an ihn drückte.
   »Weiß sie schon etwas davon, Corvin?«
   Mein Vater schüttelte beschämt den Kopf.
   Die Gesichtszüge meines Großvater wurden wir ernst. »Ich habe dir aber befohlen, dass du sie darüber informieren sollst. Es ist wichtig, dass sie es jetzt weiß!«
   »Ich weiß, aber ich habe keine passenden Minute dazu gefunden, Vater. Margarete findet sowieso, dass es nicht richtig ist, sie gehen zu lassen.«
   »Ich respektiere deine Frau, aber mir ist dennoch egal, was sie findet. Es ist Taloras Bestimmung, weißt du das eigentlich? Wenn sie –«
   »Sie wird es eh nicht schaffen, Vater! Sie ist ein Mädchen. Ein Mädchen! Sie wird sich in der Welt der magischen Vier nicht zurechtfinden können, verstehst du? Dort ist sie fehl am Platz!«
   Mein Großvater drückte mich fester an sich. »Ja, du hast Recht, sie wird sich dort nicht zurechtfinden können, wenn sie nicht einmal weiß, worum es dabei geht, wenn sie nicht einmal weiß, wer sie wirklich ist!«
   »Sie ist ein ganz normales Mädchen und gehört hierher, Vater!«
   »Das glaubst du, weil du es immer noch nicht wahrhaben kannst, dass deine Tochter diese Gabe bekommen hat und nicht du.«
   »Ich bin froh, dass ich diese Gabe nicht bekommen habe. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich sage, dass sie sich dort nicht zurechtfinden wird.«
   »Worüber redet ihr eigentlich?«, meldete ich mich zu Wort und riss mich von meinem Großvater los. »Langsam möchte ich es auch wissen.«
   »Ich erzähle es dir, wenn wir zu Hause sind, einverstanden?«, beruhigte mich mein Großvater. »Wenn es dir dein Vater nicht gesagt hat, dann tue ich es eben.«
»Du stehst auf der Liste der Dinge, die ich am meisten liebe - direkt hinter Schokolade.« Mary Englund Murphy

 

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