Gegensätzliches Leben
Eine Geschichte, die ich bereits mehrere Monate auf meinem Stick liegen hab. Und ich finde, dass ich diesen Teil gut in meine neue Idee einbauen kann... mal sehen. Vielleicht gefällt es euch auch? Bin gespannt auf das Feedback - ich hab ja schon irrelang nichts mehr hier gepostet *total nervös*

Hier wird diskutiert:
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Kapitel 1
Fast schon sehnsüchtig beobachtete ich meine Mitschüler, wie sie sich lachend über alles Mögliche unterhielten, mich natürlich und wie immer ausschließend. Man wollte nichts mit jemanden zu tun haben, der außerhalb der Stadt in den Armenvierteln wohnte.
Aber konnte ich denn etwas dafür?
Seufzend senkte ich den Blick und starrte das neutrale, in der Farbe Grün gehaltene Cover des Englischbuches an. Grün, war das nicht die Farbe der Hoffnung? Wie irrsinnig, auf etwas zu hoffen, was niemals geschehen würde. Akzeptanz. Niemand würde mich eh akzeptieren, ehe ich nicht reich geworden wäre.
Im Armenviertel wohnten viele Menschen, doch die meisten lebten in der Großstadt, mit ihren wunderschönen Häusern, ihren Autos, ihren tollen Gärten, in denen man einfach nur träumen konnte. Ja, ich sehnte mich nach diesem Lebensstil, ich beneidete meine Mitschüler um ihr Geld. Endlich raus aus diesem Umfeld, in dem die Kriminalitätsrate wirklich hoch war, nichts war sicher, was nicht irgendwie befestigt oder wirklich gut versteckt war.
Mit einem leeren Kopf ging ich die schmalen Gassen entlang, die Schultasche über die eine Schulter tragend, drängte ich mich durch die Mitten der sich unterhaltenden Alten, die hier wohlmöglich in wenigen Jahren versterben werden. Die Meisten von ihnen waren krank, AIDS, Alkohol- und Drogenkonsum standen ganz oben auf der Liste der Todesursachen. Aber man tat nichts dagegen, was denn auch? Verhütungen kosteten Geld, und ein Vergewaltiger benutzte einfach kein Kondom, der Alkohol und die vielen Drogen brachten wenigsten für wenige Minuten eine zufriedene Umwelt, in der alles super verlief.
Ich hatte mich auch mal in den Drogen verlaufen. Verlaufen, das richtige Wort. Alles Mögliche ausprobiert, und nie kam die gewünschte Wirkung. Aber ich war clean geworden. Mit einem Schlag. Es war eigentlich fast unmöglich, aber Alica hatte mich damals aus dem Konsum geholt. Alicia, meine kleine Schwester.
Und da stand sie. Winkend vor unserem kleinen Häuschen. Als ich ihr ein Lächeln schenkte, rannte sie lachend auf mich zu und sprang mir in die Arme, ich wirbelte sie herum und wir beruhigten uns in einer langen Umarmung.
Wie oft haben wir es mitbekommen, dass andere sehnsüchtig auf ihre eigenen Geschwister warteten, und oft kamen sie niemals mehr. Getötet, in den nächsten Fluss geschmissen, vergewaltigt und liegen gelassen, an einer Überdosis verendet. Das war alles schon vorgekommen.
„Mia, ich hab uns Nudeln gemacht!“ Alicia unterbrach die wohlige Ruhe, die sich in meinem Herzen ausgebreitet hat. Ich durchwurschtelte ihre kurzen, schwarzen Haare und trug sie hinein ins Haus, ein leicht angekohlter Geruch stieg mir in die Nase. „Nudeln?“, wiederholte ich, als ich das Ergebnis sah. Das kleine Mädchen setzte sich neben den Topf und sah hinein. Die schwarzen Klumpen darin rauchten noch ein wenig. „Ja… ich glaube, sie sind mir ein wenig misslungen.“ Ich runzelte die Stirn. Mir waren noch nie schwarz gebrannte Nudeln untergekommen, das amüsierte mich, allerdings der Gedanke, dass das das einzige Essen der nächsten Tage war, stimmte mich besorgt. „Wie wäre es, wenn du mir demnächst das Kochen überlässt, Süße.“ Alica nickte schüchtern, erhob sich und setzte sich auf die abgenutzte Matratze unweit der Küche, wie wir den Abschnitt des Raumes nannten. „Ich habe vorhin ein bisschen Brot bekommen, das können wir essen.“, sagte ich, setzte meine Tasche ab und kramte die drei Scheiben Brot heraus, die mir eine freundliche Bäckerin auf dem Weg zugesteckt hatte. Sie mochte Alica und mich und versorgte uns ab und zu mit den Resten, die von einer Woche übrigblieben. Manchmal war es ein ganzes Brot.
Ich reichte Alica eine ganze Scheibe, ein Stück Käse, den wir in einer Plastiktüte im Boden vergraben hatten, brachte etwas mehr Geschmack dazu, meine Schwester mümmelte fröhlich an ihrem Mittagessen, das erste Mahl seit einem Tag. Aber wir waren daran gewöhnt.
„Willst du denn nichts essen?“, hörte ich sie schmatzen, während ich sorgfältig das Brot in eine weitere Tüte steckte. „Ich habe keinen Hunger!“, erklärte ich nur, legte das Brot in ein Regal über uns und setzte mich neben meine Schwester, den Arm um sie gelegt und sie selbst an mich gezogen.
„Wie war die Schule?“ Ich seufzte. „Wie immer, Kleines.“ „Und wirst du die Klasse schaffen?“ Alica biss ein kleinen Bissen vom Käse ab. „Natürlich.“ „Und dann kannst du arbeiten gehen!“ Alica lächelte und verschlang den Rest ihres Essens.
Arbeiten gehen. Mit meinem zukünftigen Abschluss würde ich es sicher schaffen. Ich war die Klassenbeste, ich kam, ohne wie alle anderen, ohne zusätzliche Stunden aus, die allerdings auch Unmengen von Geld kosteten. Zu unserem Glück war unsere verstorbene Mutter gut mit dem jetzigen Direktor befreundet, deswegen war es mir gestattet, die Schule zu besuchen. Andere hatten nicht das Glück. Und ja, heutzutage kommt man nur mit Geld und mit Kontakten in der Welt weiter.
Mit meinem Abschluss würde ich Geld verdienen können, Alica und ich würden in die Stadt umziehen, sie würde in eine Grundschule gehen und alles wäre in Ordnung.
Ich ließ den Blick durch den kleinen Raum schweifen. Obwohl jetzt mehr oder weniger alles in Ordnung war. Die Männer, die neben uns wohnten, hatten ein Auge auf unser Haus, die Frau gegenüber von uns, achtete tagsüber auf Alica, wir hatten ein Dach über den Kopf, eine Matraze, zwei Decken, ein kleines Kissen und einen kleinen Gasherd, den wir uns mit zwei anderen Familien teilten. Hier und da einen Topf, den man aus dem Fluss gefischt hatte. Um zu Leben hatten wir alles… bis auf Nahrungsmittel. Ich betrachtete meine kleine Schwester im Arm. Sie war unterernährt, ihre Rippenknochen waren deutlich zu erkennen, wenn ich sie des Morgens ankleidete, lange würde sie mit dem wenigen Essen nicht überleben können.
Ich schloss die Augen und lehnte mich gegen die Wand hinter mir, dessen Putz langsam bröselte. Niemals würde ich sie gehen lassen. Niemals in meinem Leben.
„Ich bin müde.“ Ein deutliches Zeichen, zumindest für mich, dass Alica langsam krank wurde. Morgens war sie nicht wachzubekommen, nachmittags aß sie etwas und wollte erneut schlafen. Ich hatte einfach nur Angst, dass sie irgendwann einfach nicht mehr aufwachen würde, aber ich musste sie schlafen lassen. Sie legte sich hin, den Kopf auf das kleine Kissen gebettet, ich zog die alte, löchrige Decke über sie und sang sie leise in den Schlaf, bis nur noch beruhigende Atemgeräusche von ihr kamen.
Nur kurz betrachtete ich sie, strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht, dann erhob ich mich leise und trat aus dem Haus.
„Hey, Mia!“ Simon, einer, der ganz in unserer Nähe wohnte, kam mit einem zerrütten Fußball daher. „Simon. Wo warst du gestern?“ Er zuckte zusammen, senkte den Blick und ich konnte mir eins und eins zusammenzählen. Gestern hatte mir Alica von einem Schuss erzählt, der sie geweckt hatte. Und wie wir es immer taten: wir schwiegen darüber. Es brachte uns nichts mehr, darüber zu sprechen.
„Wie war die Schule?“ Ich grinste, seine schnellen Themenwechsel waren sensationell. „Gut, danke.“ „Hör mal, ich hab gehört, dass die Alte wieder ´n Anfall hatte. Meinte was von Königen, die bald kämen, um uns zu retten.“ Die „Alte“, die einen Anfall hatte. In Wirklichkeit war es die Älteste im ganzen Viertel, ihre Augen waren bereits ganz grau geworden, und sie berichtete uns immer, dass sie Visionen hatte, von der Zukunft, von der Gegenwart und manchmal von dem, was bereits vergangen war. Ich hatte sie einst um Rat gefragt, weil Alica einfach verschwunden war, und ihr Rat, ich solle am Flusslauf suchen, war tatsächlich richtig gewesen.
„Könige?“, wiederholte ich, winkte, wie Simon auch, ab und wir sprachen nur kurz über andere Themen, schnitten hier und da einige Dinge an und dann verabschiedete sich der Junge wieder. Ich sah ihm kurz hinterher, dann ging ich wieder ins Haus, setzte mich in eine andere Ecke, direkt unter dem Fenster und machte meine Hausaufgaben.
Als die Sonne langsam unterging, klappte ich die Bücher, die um mich herumlagen, zu. Jetzt konnte ich sowieso nichts mehr lesen, natürlich hätte ich die Kerze anzünden können, aber den Rest konnte ich auch morgen früh beenden und dann zur Schule aufbrechen. Ich war müde, meine Augen brannten bereits, weil sie so angestrengt waren. Ich erhob mich, legte mich neben meine Schwester, griff die andere Decke und schlief schnell ein.
Irgendwann wachte ich erschrocken auf. Zu meinem Verwunden war es bereits hell draußen, hatte ich tatsächlich einmal die ganze Nacht durchgeschlafen? Dabei hatte ich doch einen solch unruhigen Schlaf. Blitzartig sah ich mich um, Alica war an ihrem Platz, wo ich sie zurückgelassen hatte. Ich hasste den Gedanken, sie könnte einfach mitgenommen worden sein. Wohlmöglich ein Grund für meinen unruhigen Schlaf. Die Angst, mir könnte etwas entgehen, war einfach zu groß.
Gähnend stand ich auf, trat in das kleine Badezimmer, wusch mich mit dem Wasser, das uns gestern Morgen der Nachbar gebracht hatte, richtete meine Haare, zog mir vernünftige Schulkleidung an und ging dann zu Alica. Sie schlief mal wieder, ohne sich stören zu lassen. Wie gerne hätte ich sie zum Arzt geschickt, aber er war einfach zu teuer, vor allem für uns Arme. Seufzend strich ich ihr über die Wange, packte meine Schulsachen in meinen Rucksack, schwang den über meine Schulter und trat aus dem Haus.
„Guten Morgen!“ Sahem, einer der Männer von nebenan, winkte mir kurz. Ich nickte ihm zu. „Alica schläft noch!“, teilte ich ihm mit, er nickte auch nur. Er würde auf sie Acht geben, solange die Frau von Gegenüber noch nicht wach war.
Der Schulweg war wie immer sehr trostlos. Einsame Gassen, die meisten waren noch am Schlafen und sonst ging niemand, den ich kannte, vom Viertel in die Schulen der Stadt.
Den Unterschied von Arm und Reich war sehr deutlich zu sehen. Ich trat aus dem Armenviertel heraus, hatte einen kurzen Weg durch ein Kartoffelfeld zu überbrücken, ehe ich durch das Stadttor in die Stadt trat. Prunkvolle Häuser, mit geputzten und heilen Glasfenstern, geputzte und glänzende Autos vor den Häusern, Gärten mit wunderschönen Blumen. Hier und da einige Schüler, die mir ihren Fahrrädern zur Schule fuhren, ihre Kleidung makellos, sauber, gebügelt. Ohne Löcher – es sei denn, sie sind modisch so gestaltet.
Einmal so leben zu dürfen. Es wäre wirklich ein Traum.
Der Tag ging dieses Mal noch viel langsamer um, als sonst. Woran das lag, konnte ich nicht sagen, es schien, als wollte die Uhr mich einfach davon abhalten, nach Hause zu gehen. Murrend betrachtete ich den langsam wandernden Sekundenzeiger, kritzelte gleichzeitig hier und da einige Notizen in mein Heft, eher der Blick wieder auf den Zeiger gerichtet war. Schneller… feuerte ich ihn an, doch es schien ihn einfach nicht zu kümmern. Schneller! Schrie ich in meinen Gedanken und musste zusammenzucken, als plötzlich die Schulglocke ertönte. Verwundert starrte ich die Uhr an, während alle anderen aufstanden und ihre Taschen zusammenpackten. Es waren doch noch gerade zehn Minuten zum Ende gewesen… oder hatte ich mich so getäuscht?
Es war ungewöhnlich still, während ich durch die Gassen des Viertels eilte, um nach Hause zu kommen. Bereits vor dem Ende der Schulzeit beschlich mich ein ungutes Gefühl, dass irgendetwas vorgefallen war, und da mir nur Alica am Herzen lag, konnte nur etwas mit ihr sein. Innerlich hoffte ich natürlich, dass es nur ein Gefühl war, das mir einen Streich spielen wollte, aber ich wurde enttäuscht.
Alicas Husten war bereits von weitem zu hören, vermutlich aber auch nur, weil alle anderen Menschen plötzlich verschwunden waren. Ich konnte niemanden sehen oder sehen, nur Alica und ihr besorgniserregender Husten.
„Alicia!“ Ich begann zu rennen und sah sie vor unserem Haus warten. Ihre kleine Hand hatte sie zu einer Faust geballt und hielt diese vor den Mund, während sie wieder hustete. Vor ihr stoppte ich, schmiss die Tasche mit den Büchern in den Sand und ging in die Knie, um meine Schwester in die Arme zu nehmen. „Atme tief durch, Kleine. Alles wird gut!“, flüsterte ich und drückte sie an mich, ich spürte ihren Herzschlag, der unregelmäßig ging, ich spürte ihren rasselnden Atem. „Hi Mia.“ Sie war total heiser. „Komm, wir besuchen die alte Frau.“, entschloss ich, nahm Alicia auf den Arm und ging die vielen Wege entlang, bis ich etwa die Mitte des riesigen Slums erreichte.
Hier traf ich auch auf alle anderen Menschen, die still und fast bewegungslos in eine Richtung starrten: zum Himmel. Verdutzt hob ich den Kopf und sah, wie sich der Mond nach und nach vor die Sonne schob.
Das erneute Husten meiner kleinen Schwester riss mich aus dem eigentlich wunderschönen Anblick. „Eine Sonnenfinsternis, mehr ist es nicht!“, murmelte ich vor mich hin, während ich mir einen Weg durch die bewegungslose Masse bahnte und die Älteste suchte.
Ich fand sie, sie stellte die Mitte der Masse dar, ihr Blick war jedoch auf den Boden gerichtet, ihre Augen waren geschlossen. „Älteste, ich brauche deinen Rat!“, sagte ich und kniete mich unverzüglich vor sie, Alicia weiterhin in meinem Arm haltend.
Nur langsam hob sie den Kopf, ihre grauen Haare wehten im Wind, der nach und nach immer mehr zunahm, ich vermutete, dass das mit der Temperatur zusammenhing, die während der Sonnenfinsternis niedriger lag als sonst üblich zu dieser Zeit.
„Mia, mein Kind. Deiner Schwester geht es nicht gut.“ Ihre Augen waren noch immer geschlossen. „Richtig. Und ich weiß nicht, was ich tun kann. Ich habe kein Geld für Medikamente!“, schoss es aus mir heraus. „Niemand von uns hat Geld, liebes Kind. Aber du wirst jemanden finden, der es dir finanzieren kann.“ Plötzlich öffnete sie ihre Augen und ihre grauen, starren Augen fixierten mich. „Jemand Großes wird kommen und dir helfen.“ Ich schluckte. Ihre Stimme hatte sich in der Tonart so dermaßen verändert, dass sich meine Nackenhärchen aufstellten. Alicias Husten unterbrach die kurze Stille, die entstanden war. „Jemand Großes? Wer?“, fragte ich leise. Die Älteste begann zu lächeln. „Das wirst du noch selbst herausfinden!“
Dann schloss sie ihre Augen, und ich bemerkte, wie sich alle anderen zu bewegen begannen, die Sonne brannte plötzlich auf meiner Haut und alles wurde wieder laut und durcheinander. „Älteste, ich habe keine Zeit, jemanden zu suchen oder etwas herauszufinden. Ich brauche die Medikamente jetzt!“ Sie reagierte nicht.
Verzweifelt stand ich auf, nahm Alicia huckepack und lief zurück zu unserem Häuschen. Auf dem Weg dahin dachte ich noch einmal über die Worte der Ältesten nach, doch ich konnte mir nicht vorstellen, was genau sie damit meinte. Vermutlich war sie wieder total wirr im Kopf und wollte mir im Grunde nur sagen, dass ich mir irgendwo Geld zusammenkratzen oder betteln musste, damit ich die Medikamente für Alicia bezahlen konnte. Das würde aber zu lange dauern.
Ich bettete die Kleine auf die Matratze und deckte sie zu. „Wir werden eine Lösung finden, Kleine…“, murmelte ich und schloss die Augen. Innerlich betete ich.