Autor Thema: Im Auge des Seher  (Gelesen 273 mal)

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Im Auge des Seher
« am: April 10, 2011, 10:57:27 Nachmittag »
Aloha,
das hier wird die zweite und auch ursprünglich geplante Version von "Im Auge des Sehers". Der Diskussionsthread wird der selbe bleiben, also einfach alle Anmerkungen/Kritiken etc. zum neuen "Auge" einfach in den alten Diskussionsthread posten.

Hier noch einmal der Link: http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/im-auge-des-sehers-371/



Prolog

Ich hasse Menschen.

Der Wächter zog meinen kraftlosen Körper durch einen hell erleuchteten Raum.

Ich hasse sie, weil sie mich hassen.

Grob schleuderte mich der Mann, der eine schillernde Uniform trug, in meine Zelle.

Sie hassen mich, weil ich anders bin.

Beim Aufschlag verlor ich kurz das Bewusstsein. Als ich aufwachte, fühlte ich nur das Blut, das aus meinen rechten Augen quoll und mein Gesicht benetzte.

Ich bin anders, also wissen sie nichts über mich.

Langsam und mühselig zwang ich meinen zitternden Körper sich aufzurichten.

Sie wissen nichts über mich, weil ich kein Mensch bin.

„Noch nicht genug gehabt Monster?“, drang die verhasste Stimme zu mir durch. „Soll ich dich gleich noch einmal zurückbringen und sie bitten, dass sie weitermachen sollen?“

Ich bin kein Mensch, also bin ich ein Ungeheuer.

Ich hob meinen Blick und heftete mein blutendes Auge auf die Gestalt meines Peinigers, der sich mit einem gehässigen Grinsen vor mir aufgebaut hatte.

Und da ich ein Ungeheuer bin, fürchten sie mich.

Der Ausdruck in den Augen des Wächters änderte sich.

Weil sie mich fürchten, wollen sie mich beherrschen.

Er stieß ein wütendes Grollen aus und schlug mir hart in den Magen. Ich ächzte, hielt mich aber durch pure Willenskraft auf den Beinen.

Da sie mich nicht beherrschen können, wollen sie mich meiner Macht berauben.
   
Augenblicklich suchte ich wieder den Blick des Wächters. Er zuckte zusammen, trat einen Schritt zurück. Langsam richtete ich mich wieder auf, wobei ich ihn gefährlich anlächelte. Er wich weiter zurück.

Nachdem sie hinter das Geheimnis meiner Macht gekommen sind, werden sie mich entsorgen.

 „Ich freue mich auf den Tag, an dem die Doktoren mit dir fertig sind. Ich werde es genießen dir dein verfluchtes Auge herauszuschneiden, Monster!“

Entsorgen?

Ich drückte meinen Rücken durch und zwang mich aufrecht zu stehen, während ich den Wächter weiterhin durch den blutroten Schleier fixierte.

Mich?

Ein gedämpftes Lachen entstieg meiner rauen Kehle. Doch den Wächter ließ ich nicht aus den Augen. Er wich erneut zurück und nach einem weiteren Moment knallte die Zellentür in ihr Schloss.

Lächerlich. Wie könnte ich es mir erlauben von solch verachtenswerten Kreaturen getötet zu werden?

Angestrengt leitete ich den Rest meiner Kraft in mein rechtes Auge. Langsam fing es an in einem unheimlichen Blau zu glühen, kleine blaue Blitze sprangen in Richtung des Wächters. „Verfluchte Bestie!“, brüllte er wütend, riss sich gewaltsam von meinem Starren los und flüchtete aus meiner Sichtweite.
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"Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt - die meisten Menschen existieren nur." Oscar Wilde

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Re: Im Auge des Seher
« Antwort #1 am: April 11, 2011, 10:50:04 Nachmittag »
Kapitel 1

Erschöpft sackte ich in mir zusammen und ließ mich kraftlos auf meinen Rücken fallen. Der kalte Steinboden war unangenehm, aber mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt. Immerhin vegetierte ich schon seit mehreren Wochen in diesem verflucht Loch vor mich hin und wartete auf einen günstigen Augenblick endlich zu fliehen. Aber das Schicksal hatte es noch nie gut mit mir gemeint.
Die Flucht würde alles andere als einfach werden. Nicht nur, dass ich mich einem Labor der Lichten befand und es hier dementsprechend vor Magiern nur so wimmelte, nein das Gebäude wurde auch noch durch eine mächtige Barriere geschützt. Ich könnte sie zwar durchbrechen, aber dafür bräuchte ich Zeit. Und die würde ich nicht so einfach bekommen. Das war das Entkommen aus meiner stinkenden Zelle noch das kleinste Problem.
Ein Seufzen entglitt mir und ich fuhr mir mit der Hand über mein Gesicht. Sofort spürte ich das klebrige Blut, das schon anfing zu trocknen. Ich würde nicht sterben. Aber das hinderte mich nicht daran zu hassen. Sie zu hassen. Diese verdammten Lichten sahen mich, oder besser gesagt mein Auge, als ihr rechtloses Forschungsobjekt. Jeden Tag zerrten sie mich in ihre Labore und versuchten dort die Eigenarten meiner Fähigkeiten zu ergründen. Ich lächelte überlegen. Aber bis jetzt haben sie noch nicht einmal herausgefunden, was genau mein Auge sehen kann… Und ich war mir sicher, dass es ihnen auch nicht gelingen würde. Nicht umsonst war ich einer der wenigen Seher, die auf dem Boden dieser Erde wanderten.  Kein Forscher, kein Lichter, kein sonstiger Magier, würde es schaffen... Ich war überlegen und sie wussten es, klammerten sich aber an die Vorstellung mich zu überwinden, indem sie zu verstehen versuchen. Aber das würde nicht klappen. Meine Fähigkeit die Magie in ihrem Wesen zu sehen, war nichts, was ein verkümmerter Mensch begreifen und verstehen konnte. Dafür bedarf es einer höheren Existenz.
Und sie wussten es, auch wenn es keiner eingestehen wollte. Sie versuchten sich zu entwickeln, sahen dabei aber nicht, dass ihr Streben vergeblich war. Eher würden sie sich selbst vernichten, da die Mächte mit denen sie spielten ihr Vorstellungsvermögen überschritt.

In meiner Situation half mir das allerdings herzlich wenig. Zuerst müsste ich wieder zu Kräften kommen.

Angestrengt wandte ich meinen Blick von der Decke ab und betrachtete die Gitterstäbe meiner Zelle. Mein linkes Auge nahm nur das dunkle, von bräunlichem Rost überzogene Metall wahr. Nur mein Rechtes sah den Zauber, der mich einsperren sollte. Feine, sorgfältig gewebte Fäden aus gelbem bis orangem Licht füllten die Metallstäbe von innen heraus und ließen sie bedrohlich leuchten. Ein überlegenes Lächeln stahl sich in mein Gesicht. Schließlich wussten die Lichten nicht, dass ihr eigener Zauber der Grund war, weshalb ich meine Kraft nicht verlor. Langsam rutschte ich in die hinterste Ecke meiner Zelle, um mich vor den Blicken meiner Wächter zu schützen und lehnte mich dort an die Wand. Danach schloss ich mein linkes Auge und fixierte die Gitterstäbe.
Sofort erkannte ich den langsamen Rhythmus in dem die Magie ihre eigentliche Aufgabe verrichtete. Ich stimmte mich ein und schon nach wenigen Sekunden fühlte ich den Fluss der magischen Kraft. Das Auge fing leicht an zu glühen und ein kleiner blauer Blitz schoss aus meiner Pupille mitten in den Zauber. Mein Lächeln wurde breiter. Die Verbindung war hergestellt, der Zauber, der mich einsperren sollte, lag nun völlig unter meiner Kontrolle. Deswegen wäre es auch kein Problem aus dieser Zelle zu entkommen. Theoretisch hätte ich die Tür einfach in die Luft sprengen können, indem ich eine Turbulenz im Zauber verursacht hätte. Aber da ich danach einfach überwältig werden würde, wäre es wohl eine der dümmsten Dinge, die ich hätte tun können. Sehr viel sinnvoller war es den Zauber anzuzapfen. Die Verbindung, die ich über mein Auge hergestellt hatte, gaukelte dem simplen Spruch vor, dass ich zum System gehörte. Dadurch floss ein großer Teil der magischen Kraft in meinen Körper, wovon ich allerdings auch nur einen Teil nutzen konnte. Schließlich wollte ich nicht, dass die Lichten bemerkten, dass ihr Zauber plötzlich aufgehört hat zu wirken. Dennoch reichte die abgezapfte Menge, um meine Kraftreserven aufzufüllen.

Ein weiterer Fakt, der mich über die Menschen stellte. Solange ich von Magie zehren konnte, brauchte ich keine Nahrung. Mein Körper funktioniert weiter, auch wenn er weiterhin Entzugserscheinungen zeigt. Die Magie hält mich zwar am Leben, spendet mir Kraft, stillt aber weder meinen Hunger, noch meinen Durst.

Nach einigen Minuten hatte ich die Grenze erreicht. Hätte ich noch mehr gesaugt, wäre der Zauber zusammengebrochen, womit ich den Lichten einen vermeidbaren Hinweis gegeben hätte. Mit aufgestockten Reserven schloss ich schließlich mein Auge und besann mich auf meinen schmerzenden Körper. Die Magie strömte durch mich hindurch, um zu den verletzten Stellen zu gelangen und diese zu heilen. Wer aber denkt, dass es ein angenehmes Gefühl ist, der irrt. Es ist das Gegenteil der Fall. Bei magiebedingter Heilung wird der Körper gezwungen sich in unnatürlichem Maße zu regenerieren, was sich je nach Ausmaß der Verletzung als äußerst schmerzhaft erweisen kann.
Bei mir begrenzten sich die Nebenwirkungen glücklicherweise nur auf ein paar stechende Schmerzen im Brustkorb und ein dumpfes Pochen im Kopf. Also nichts, was mich daran hätte hindern könnte erst einmal Erholung im Schlaf zu suchen.
Bedächtig zwang ich meine steifen Glieder sich aufzurichten und mich zu der kargen Holzpritsche zu tragen. Erschöpft legte ich mich nieder und schloss gerade die Augen, als im Raum vor meiner Zelle Stimmen laut wurden. Der einzige Grund warum ich aufhorchte war, dass unter ihnen eine verzweifelt schreiende Stimme war, die ich nicht zuordnen konnte. Neugierig hob ich meinen Kopf ein Stückchen an, öffnete mein linkes Auge und spähte durch die Gitterstäbe meiner Zelle. Doch bevor sich die Verursacher des Tumults in mein Sichtfeld begeben hatten, verstummte die Stimme mit einem schmerzerfüllten Schrei. Mein Mundwinkel zuckte hasserfüllt. Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, welches Schicksal den Unglücklichen getroffen haben muss.
Doch gerade als ich meine Augen wieder schließen wollte, hörte ich, wie sich die Kerkertür öffnete und die Wächter eintraten.

„Ich glaubs nicht, dieses kleine Biest hat mich tatsächlich gebissen!“, fluchte einer von ihnen, während sie meiner Zelle immer näher kamen. Ihre Schritte wurden von dem Schleifen eines Körpers begleitet.
„Du hättest es fester schlagen sollen… Dann hätten wir es gleich entsorgen können. Jetzt besteht Tersain noch darauf vorher seine Experimente zu machen.“, beklagte sich die angeekelte Stimme meines Wächters.
„Da hasse Recht…“, schnaubte der Andere, während sie vor meine Zelle traten. Mein Wächter schloss die Tür auf, warf mir einen hasserfüllten Blick zu und meinte: „Hier hast du Frischfleisch!“ Dann hielt er dem anderen Soldaten die Tür auf, worauf dieser einen kleinen, schmutzigen und regungslosen Körper achtlos in die Zelle schleuderte. Mein Magen drehte sich um, während ich mich so schnell aufrichtete wie ich konnte, ohne Schwäche zu zeigen. Von meinen neuen Magiereserven gespeiste Blitze zuckten aus meinem Auge auf die Menschen zu. Wut wallte in mir hoch und ich ballte meine Faust. Am liebsten wär ich diesen Mistkerlen an die Kehle gesprungen. Doch sie schlugen nur schnell die Zellentür zu und verschwanden eilig aus dem Kerker.

Zitternd stand ich vor dem regungslosen Körper, der zu einem zierlichen Mädchen von höchstens acht Jahren gehörte.
« Letzte Änderung: April 21, 2011, 10:01:47 Nachmittag von Ryoki »
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Offline Ryoki

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Re: Im Auge des Seher
« Antwort #2 am: Mai 09, 2011, 11:04:39 Nachmittag »
Kapitel 2
(unüberarbeitet)


Man sah ihrem regungslosen Körper nur zu deutlich an, dass die Lichten nicht zimperlich mit ihr umgegangen waren. Schon allein ihr Gesicht war bedeckt von mehreren dunklen Blutergüssen und Schrammen. Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie noch sehr viel schlimmere Verletzungen woanders davongetragen hatte.
Langsam trat ich näher und hockte mich vor ihr hin, um ihren Puls zu fühlen. Ich brauchte einige Momente, um ihn zu finden. Er war schwach. Aber immerhin war er da. Wahrscheinlich würde sie es sogar überleben. Armes Ding. Menschen waren wirklich Kreaturen, die es nicht verdienten zu leben. Wie konnte der schwache Strom der elementaren Magie, den mein rechtes Auge in ihrem Leib erblickte, ein Grund dafür sein ein Kind ihrer eigenen Art zu misshandeln und als Forschungsobjekt zu missbrauchen? Verfluchte Scheiße, was ging in diesen kranken Köpfen nur vor?!
Ich richtete mich wieder auf, sah einmal kopfschüttelnd auf den kleinen Körper herab und schluckte meine Wut herunter. Es nützte mir nichts ihr jetzt nachzugeben. Ihre Kraft würde ich in naher Zukunft bestimmt besser gebrauchen können.
Schließlich legte ich mich wieder auf die Pritsche und schloss die Augen in der Hoffnung, dass das Mädchen in absehbarer Zeit nicht ihr Bewusstsein wiedererlagen würde. Nach wie vor wäre es besser für sie, von all dem so wenig wie möglich mitzubekommen. Außerdem hatte ich ehrlich gesagt keine große Lust dazu meine Zelle mit einem nervigen kleinen Kind zu teilen. Ausnahmsweise schien sich meine Bitte zu erfüllen und nach wenigen Minuten überwältigte der Schlaf meinen erschöpften Körper.
Doch war es mir nicht vergönnt lange ungestört zu sein. Ich fühlte mich, als hätte ich die Augen gerade erst zu gemacht, als mich jemand sanft an den Schultern wachrüttelte. Verschlafen fuhr ich hoch und bereitete mich reflexartig darauf vor mich zu verteidigen, weil ich die hässliche Fratze meines Wächters erwartete.

Doch als ich das schmutzige Gesicht des Mädchens erkannte, entspannte ich mich und setzte mich erleichtert auf die Pritsche. Unbeschwert streckte ich meine steifen Glieder und betrachtete das schweigende Mädchen. Das Erste, was mir auffiel, war, dass das Mädchen keine Anstalten machte Angst oder Abscheu zu zeigen. Es war eher das Gegenteil. Ihr Blick haftete fasziniert auf meinem Auge. Das erste freundliche Lächeln seit langer Zeit stahl sich auf mein Gesicht und ich fragte: „Hast du mich nur geweckt, um mich anzustarren?“ Das Mädchen erschrak und fing beschämt an den Boden zu mustern. Mein Lächeln wurde größer. Dieser kleine Wicht schien mehr Intelligenz zu besitzen als alle Lichten in diesem Kerker zusammen.
„Zeigen wir Manieren, oder sind wir nur schüchtern?“, neckte ich sie und rückte ein wenig auf der Pritsche auf, um ihr Platz zu machen. Verunsichert beobachtete sie mich, während sie die Entfernung zu mir hielt. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Diese Reaktion hatte ich ohnehin erwartet. Sie schwieg, warf mir aber immer wieder verunsicherte Blicke zu.
„Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht deinen Mund aufmachst, Stöpsel.“, meinte ich, wobei ich ein Gähnen nicht unterdrücken konnte. Sie warf mir erneut einen Blick zu, wobei ich meinte etwas Beleidigtes in ihm zu erkennen. Dann folgten wieder Momente der Stille, doch bevor ich sie mit einem erneuten Gähnen durchbrechen konnte, fragte sie mit zittriger Stimme: „Was wird mit mir passieren… Wo sind wir?“
„Hast du den Namen Caliatia schon einmal gehört?“, fragte ich, doch sie schüttelte nur den Kopf. Ich seufzte und meinte tonlos: „Du solltest dich schon mal an den Gedanken gewöhnen, als Laborratte zu enden. Dieser… Ort ist das größte Forschungsgelände der Lichten.“
„Forschungsgelände?“, echote sie zittrig.
„Genau. Wahrscheinlich werden sie dich aufschneiden, um nach irgendeinem Organ zu suchen, das die elementare Magie produziert, die sie so verachten, oder so was in der Richtung. Mach dir keine Hoffnungen, Winzling. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass du die nächsten Tage gut überstehst.“, prophezeite ich düster.
Zwar tat sie mir leid, aber dennoch hatte sie das Recht auf die Wahrheit. Wenn sie damit nicht hätte umgehen können, wäre es schließlich nicht mein Problem gewesen. Doch anstelle in Tränen auszubrechen oder eine andere nervige Reaktion zu zeigen, schob sie trotzig ihre Unterlippe vor und starrte den Boden an. Entweder verstand sie nicht, was ich ihr gerade gesagt hatte, oder aber sie war interessanter als ich es erwartet hätte. Normalerweise sind alle Elementare und magischen Wesen, die hier eingepfercht werden schon von Anfang an gebrochen. Sie zitterte zwar wie Espenlaub, aber das war wohl eher auf ihre zerrissene Kleidung, die Käte des Bodens, den Schock und die Schmerzen zurückzuführen, als darauf, dass sie in Hoffnungslosigkeit ertrank.

Plötzlich schaute sie auf und blickte mir zögerlich in die Augen. Einen Moment reagierte ich gar nicht, doch dann hob ich überrascht und fragend eine Augenbraue. Darauf schluckte sie und flüsterte kaum vernehmlich: „Ich heiße Soria… Und… ich…“, der Rest war nur noch ein unverständlich leises Gemurmel.
„Deine Stimme ist also auch winzig… Versuch wenigstens so zu sprechen, dass ich dich verstehen kann.“, meinte ich trocken und erwiderte ihren Blick ruhig.
Sie zuckte leicht zusammen und etwas Aufgebrachtes schlich sich in den Ausdruck ihrer rehbraunen Augen.
„Ich bin nicht winzig! Und erst recht kein Winzling!“, brummte sie mit trotzig aufgeblasen Backen. Amüsiert zog sich mein rechter Mundwinkel nach oben und ich beugte mich ein wenig vor. „Wenn du kein Winzling bist, bin ich ein Lichter.“
Sie pumpte ihre Backen noch ein Stückchen weiter auf, schaute dann aber wieder auf den Boden und murmelte zu sich selbst: „Fiesling!“
Belustigt schnaubte ich und wollte sie über ihre Gefangennahme ausfragen, als mein rechtes Auge plötzlich einen äußerst schmerzhaften Strahl in mein Gehirn schickte.

Überrascht keuchte ich auf und schlug mir die Hände reflexartig auf das Auge. Soria stieß einen spitzen Schrei aus und bedrängte mich mit Fragen, die mich nicht erreichten. Der Schmerz pulsierte immer wieder durch meinen Körper, unkontrolliert zuckte ich jedes Mal zusammen. Doch dann ließen sie fast genauso schnell wieder nach, wie sie gekommen waren. Ich kannte diese Prozedur. Der Teleporter wurde wieder aktiviert, um einen der wichtigen Magier des Reiches zu seinen Versuchsobjekten zu transportieren. Wie ich das hasste. Schmerzen dieser Art waren meist die Vorboten für noch sehr viel schlimmere Stunden.

Doch für den Moment sollte es mich nicht weiter kümmern. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf das Mädchen, das aufgeregt um mich herum tapste und mich ängstlich musterte. „G-geht es dir gut?“, fragte sie besorgt, „Haben sie dich auch aufgeschnitten?“
Überrascht über ihre Anteilnahme schwieg ich vorerst und erwiderte stattdessen ihren forschenden Blick. Sie schien die Reaktion meines Auges auf die Magie wohl als Folge der Untersuchungen zu sehen. Verächtlich schnaubte ich, legte ihr meine Hand auf den Schopf und beugte mich vor, sodass ich mit ihr auf Augenhöhe war. „Eher fliegt das gesamte Imperium der Lichten in die Luft, als das ich mich von diesen Armleuchtern aufschneiden lassen würde.“
„D-du wirst also nicht sterben?“
Ein freudloses Lachen entfuhr mir, das zu einem gefährlichen Lächeln überging. „Allein ich entscheide wann, wie und wo ich sterbe.“, erklärte ich leise, mit einem bedeutenden Unterton, „Und ich habe vor noch eine ganze Zeit lang zu leben.“
Es entstand ein weiteres kurzes Schweigen, in dem ich mich wieder aufrichtete und die Arme hinter meinem Kopf kreuzte. Dann war das Mädchen plötzlich neben mir, legte mir eine Hand auf das Knie und nutzte es, um neben mir auf die Pritsche zu klettern. Es war als wäre ihre anfängliche Angst vor mir fast völlig verschwunden.
„Neh, du bist kein Mensch, oder?“
„Hoff ich doch.“, erwiderte ich knapp und legte mich hin. Doch sofort tauchte ihr Gesicht über mir auf und an ihrem fragenden Ausdruck erkannte ich, dass ich sie damit wohl kaum zufriedenstelle könnte.
„Ich bin ein Seher.“, gähnte ich und zwinkerte ihr mit meinem rechten Auge zu.
Die Verblüffung stand ihr ins Gesicht geschrieben und sie rückte ein Stückchen näher an mich heran. „Du kennst die Geschichten also?“, fragte ich.

Vorsichtig nickte sie und zitierte leise:
„Neben den Salvi, den Kreaturen der Nacht und den Iavi, den Wesen des Lichts, erschufen die Götter die Weber der Wahrheit. Als diese die irdische Welt betraten, sahen sie die Unvollkommenheit der Schöpfung und begannen neue Wahrheiten zu weben. Doch kein Mensch, kein Salvi, kein Geschöpf, das durch die Werte der alten Götter erschaffen wurde, vermochte es die neuen Wahrheiten zu begreifen. Sie verzweifelten an der neuen Realität, Chaos brach über die Welt hinein. Doch die Weber der Wahrheit sahen ihr Leiden nicht. Sie webten weiter, um eine Welt zu erschaffen, die perfekt war. Nur den vereinten Gebeten der Salvi und Menschen war es zu verdanken, dass die Götter von der Not der Welt erfuhren. Denn die Weber hatten einen Schleier über die Erde gelegt, der die Götter bis zum Tage der Zusammenkunft, ihre alte Ordnung vorgegaukelt hatte. Aber nachdem sie nun von den Bemühungen der Weber erfahren hatten, wurde ihr Zorn geweckt. In einem Gewitter ihres heiligen Zorns stoppten sie die Weber, die verzweifelt für ihre Vorstellungen gekämpft hatten. Doch sie waren zu spät. Selbst die Macht der Götter reichte nicht aus, um die neuen Wahrheiten, die in das Gedächtnis der Erde geprägt wurden, zu zerstören. In ihrer gnadenlosen Wut entfachten sie ein Himmelsfeuer, das heller brannte als die Sonne. Die Körper der Weber verbrannten, doch ihre Existenz war schon lange zu einem Teil der Welt geworden und so vergoss ein jeder Weber eine Träne aus seinem rechten Auge. Diese Tränen fielen zur Erde. Und ein jeder, der von solch einer Träne getroffen wurde, konnte sehen, was die Schöpfer der Wahrheit zu sehen vermochten. Sie sahen all das, was eine Kreatur der Schöpfung nicht sehen konnte.“

„Und sie waren auch die einzigen die sehen konnte, dass die neu entstandenen Sterne die letzten Funken des großen Himmelsfeuer waren, das der Seher ihrer Körper beraubt hatte.“, ergänzte ich und nickte zufrieden, „So ists. Ich bin ein Seher. Ein Feind der Götter und damit ein Feind der Menschen…. Ziemlich angsteinflößend, oder?“

Für einen Moment zögerte Soria, musterte mich verunsichert, kam näher mit ihrem Gesicht an mich heran und starrte mich durchdringend an. Fragend hob ich meine Augenbraun in einer Art und Weise die sagte: „Was hat dich denn jetzt gebissen?“
Dann schüttelte sie aber wild ihren Kopf, so dass ihre Haare umherflogen und meinte energisch: „Die doofen Magier sind viiieeeeeeeel böser als du. Die machen mir Angst,  du aber nicht! Du bist viel lieber, als alle von ihnen zusammen!“ Dabei schlug sie die Hände neben sich auf die Pritsche, beugte sich weiter über und stützte sich dabei auf den dünnen Armen ab, um ihre ersten Absichten zu betonen. Ihre Augen glänzten leicht.

Ich musste schmunzeln, als mich ihre ehrlichen Worte innerlich wärmten, jedoch brachte ich nur ein trauriges Lächeln hervor. Sie wusste nicht, wie sie behandelt werden würde, wenn sie dies öffentlich ausgesprochen hätte. Sie war jung, hatte keinen Blick für die Konsequenzen, sie war ein unbeschriebenes Blatt. Aber ich wünschte mir nichts anderes. Denn nur eine leere Seite würde Monstern, wie auch ich eines war, Augenblicke wahrer Akzeptanz schenken und sich von ihren Worten prägen lassen. Innerlich seufzte ich. Doch wie viele unbeschriebene Blätter gab es wohl noch? Wie viele Kindergeiste waren noch nicht von den Lehren der Eltern in eiserne Ketten gelegt?

So schnell wie dieser sentimentale Moment kam, flog er auch wieder vorbei. Mühelos verlieh ich meinem Lächeln einen Hauch von Dankbarkeit und strich Soria sanft über den Kopf. Es ist wirklich eine Schande, dass ich sie hier treffen musste. Bei dem Gedanken wallte erneut die Wut in mir hoch. Wie konnten diese glänzenden Affen es nur wagen! Kochend ballte ich meine Faust so fest ich konnte. Ich spürte schon wie mir mein Blut ins Auge rauschte. Irgendwie musste ich mich abkühlen, sonst würde hier heute noch ein Unglück geschehen. Ich musste warten bis die Zeit reif war. Eine unüberlegte Handlung würde nun nicht nur mich, sondern auch Soria tief in die Scheiße reiten.

Doch in diesem Moment hörte ich das Knarren der schweren Türen zu dem Trakt, in dem wir gehalten wurden. Eine düstere Vorahnung befiel mich, denn die Ankömmlinge waren zwei  Magier, die mein rechtes Auge zum Jucken brachten. Den einen erkannte ich fast sofort als Tarsian, den Magier, der den Befehl über diese Hölle hatte. Die Magie des anderen erkannte ich allerdings nicht wieder. Er musste derjenige sein, für den der Teleporter aktiviert wurde.
Beunruhigt registrierte ich, dass sie auf unsere Zelle zuhielten. Schon nach wenigen Augenblicken waren ihre leichten Schritte zu vernehmen. Langsam richtete ich mich auf und wollte gerade aufstehen, als sich Sorias dünne Arme plötzlich von hinten um meinen Brustkorb schlossen. Sofort spürte ich ihren zitternden Leib, der meiner Wut und meinem Hass neues Futter lieferte. Als die beiden Magier schließlich vor unsere Zelle traten, hatte sich bereits ein klarer Gedanke in meinem Kopf gefestigt.
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Re: Im Auge des Seher
« Antwort #3 am: Juni 04, 2011, 12:20:19 Vormittag »
*erste Überarbeitung*

Kapitel 3

Als erstes schob sich das Gesicht des fremden Magiers in mein Sichtfeld. Es war ein Mann von beeindruckender Statur, den ich ungefähr Mitte vierzig schätzte und das obwohl ich die ein oder andere weiße Strähne unter seinen braunen Haaren ausmachen konnte, die er in einem gepflegten, aber auch strengen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. In seinen Augen erkannte ich die typische Entschlossenheit der Lichten, die sich aus ihrer unglaublichen und unübertrefflichen Arroganz ergab. Doch zusammen mit dem Rest seines markanten Gesichts und seiner edlen Kleidung erzeugte sie eine Aura von Würde, Stolz und Überlegenheit. Meine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. Denn diese Aura stand in einem erheblichen Gegensatz zu seiner eigentlichen Macht. Die leicht glänzende Masse an funkelnden Strängen, die sich durch seinen Körper zog, zeigte zwar den ein oder anderen charakteristischen Unterschied zu der normalen Magie der Lichten, aber die insgesamt vorhandene Menge an Kraft konnte sich noch nicht einmal mit der eines durchschnittlichen Magiers messen. Und das war äußerst seltsam. Normalerweise wird der Stellenwert der Lichtmagier an ihrer magischen Macht gemessen. Also erhielten diejenigen, die viel davon besaßen entsprechend viele Rechte, Privilegien und gesellschaftlichen Einfluss. Aber dass nun dieser Schwächling in diesen Komplex teleportiert wurde, wiedersprach diesem System in jeglicher Hinsicht.

Ich starrte ihn noch einen weiteren Augenblick an, doch dann trat der Magier, den ich im Moment am meisten hasste, vor den anderen Besucher. Tarsian war sogar noch ein Stückchen größer als sein Begleiter, wenn auch nur in der Höhe. Seine Statur war die einer kümmerlichen Bohnenstange.
Wie immer wenn ich sein knochiges Gesicht mit den bohrenden, trüben blauen Augen sah, spülte eine Welle tiefer Abneigung über mich hinweg. Er sah mich neugierig an und schob währenddessen mit einer seiner schmalen Hände den Rand seines viel zu großen, weißen Hutes nach oben, um mich ungestört mustern zu können.
Als ich sein aufdringliches Starren kalt erwiderte, lächelte er mich freundlich an und trat bis zu der Zellentür vor. „Du bist wirklich unglaublich, mein lieber Seher. Wie du dich nach unseren gemeinsamen Stunden immer so schnell erholen kannst.“, in seiner freundlich klingenden Stimme lag die kalte Sensationslust, „Es ist fast so als würde dich der Entzug der Nahrung kein bisschen beeinflussen. Dein Auge wirkt noch immer so klar und interessant wie am ersten Tag. Wie ich mich freue so ein interessantes Subjekt gefunden zu haben!“
Auch nach seinem Monolog schwieg ich und starrte ihn nur weiter warnend an, worauf hin er auch in eine nachdenkliche Stille verfiel. Doch einen Augenblick später ertönte eine gebieterische Stimme hinter ihm.

„Tarsian, wie wollen wir Geschäfte machen, wenn Sie mir die Sicht auf die Ware versperren?“ Überrascht aus seinen Gedanken gerissen worden zu sein, drehte sich der weiße Magier langsam herum, trat dabei einen Schritt zur Seite und gab damit die Sicht auf eine dritte Person frei.
Es war die gedrungene Figur eines älteren Mannes, die mein schwaches Lächeln zu einem belustigten Grinsen erweiterte. Neben seinen beiden großen Begleitern wirkte er lächerlich winzig, obwohl er dennoch die breiteste Statur der Männer besaß. Deutlich spannten sich ausgeprägten Muskeln unter den seidigen Kleidern über seinen ganzen Körper und ließen ihn wie einen kleinen, breiten Felsen wirken. Leicht beugte er sich vor, wobei es das Licht schaffte sein lichtes Haar zu durchdringen und die schmierige Kopfhaut zu erreichen.
Überrascht blinzelte Tarsian, als er aus seinen Gedanken gerissen wurde und drehte sich schwungvoll zu dem Zwerg herum. „Verzeiht mir Baloh, aber dies ist mein wertvollstes Forschungsobjekt. Wenn ich es sehe, kann ich einfach nicht anders als meiner Faszination Ausdruck zu verleihen!“, entschuldigte sich der Wissenschaftler enthusiastisch. Währenddessen trat der Mann namens Baloh neben den Magier und betrachtete mich abschätzend.
„Und was soll an diesem Bengel so besonders sein?“, fragte er schließlich zweifelnd und sah mich mit einem Blick an, als wolle er sagen: Es wäre besser für dich, wenn du etwas ganz spezielles vorzuweisen hast. Dein Herr und Meister will unterhalten werden.
Regungslos verharrte ich in meiner Position und starrte ihn kalt an, während Tarsian zu einer begeisterten Rede ansetzte, wobei er die Erregung in seiner Stimme unterdrückte, sodass es so klang, als würde er durchgehend kurz vor einem Kicheranfall stehen: „Das, werter Herr Baloh, ist die Kreatur, der die Träne eines Webers der Wahrheit weitergereicht wurde. Auch wenn Sie aus unserem werten Nachbarkönigreich kommen und unseren Glauben nicht teilen, so müssten Sie die Geschichte doch trotzdem einmal gehört haben, nicht wahr?“ Tarsian wartete nicht auf das Nicken von Baloh und fuhr mit kichernder Stimme fort, „Seit ganzen zwei Monaten halten wir dieses Exemplar bereits gefangen und sehen Sie es sich genau an! Zwei volle Monate hat es kein Futter, kein Wasser bekommen! Aber das ist noch nicht das wunderbarste. Ich kann es kaum glauben, aber jeden Tag untersuche ich es eingehend. Erst vor wenigen Stunden habe ich versucht mit Hilfe spezieller Magie Aufschluss über seine Hirnstruktur zu finden, wobei ich keineswegs zimperlich vorgegangen bin. Und sehen Sie, sehen Sie! Hier sitzt es mit seinen Augen so besonnen, dass sich mein Innerstes am liebsten freiwillig zerreißen würde… Und trotzdem musste ich mich ein weiteres Mal seiner unglaublichen Resistenz beugen, ohne auch nur eine einzige Erkenntnis gewonnen zu haben… Der König der Bestien, hier in meinen Händen…  Ich…“
„Er ist keine Bestie!“, rief Soria plötzlich mit kindischer Empörung aus. Überrascht warf ich einen warnenden Blick über die Schulter und suchte den Blick auf Baloh fixierten Blick. Nicht, dass ich ihre Worte nicht gerne hörte, es war nur so, dass diese kleine Schmeichelei ihre Lebensdauert erheblich verkürzen könnte, ohne dass ich etwas dagegen zu tun vermochte. Aber glücklicherweise nahmen gingen die beiden Männer nicht weiter auf den Ausruf des Mädchens ein. Zwar sah Tarsian sie nur allzu interessiert an und Baloh zog seine Augenbrauen verärgert zusammen, aber schlussendlich waren dem alten Mann die Geschäfte wohl wichtiger.

„Das ist also der legendäre Feind der Götter. Jener der die Kraft der Weber vererbt bekommen hat.“, meinte Baloh unbeeindruckt von Sorias Ausruf und suchte meinen Blick. Wieder sagten seine Augen: Dein Herr und Meister wird dich brechen. Du wirst deinem Herr und Meister dienen.
Doch ich reagierte noch immer nicht, auch wenn die verschiedensten Gefühle in mir hochwallten. Im Moment gab es wichtigeres als meinem Hass nachzugeben.
„Ich will es. Wie viel?“, spie Baloh schließlich aus, ohne sich von mir abzuwenden. Doch Tarsian reagierte nicht sofort und es entstand eine kurze Stille, in der er mir der Zwerg das erste Mal sein Grinsen zeigte.

Trotz meiner Konzentration und meiner Bemühungen es zu unterdrücken, entschlüpfte mir ein gedämpftes Lachen. Die Grimasse seines Gesichts war von so grotesker Komik, dass ich mich fragte, ob mir tatsächlich ein Mensch gegenüberstand. Seine Mundwinkel wanderten, wahrscheinlich wussten nicht einmal die Götter wie, über sein halbes Gesicht und stoppten erst ein eine Fingerspitze vor seinen glänzenden Segelohren. Dabei spannte er seine Halsmuskeln an und senkte zugleich sein ausgeprägtes Kinn um nur wenige Zentimeter, was aber schon ausreichte, um die ersten Zeichen eines gesunden Doppelkinns entstehen zu lassen. Rund um jeden Muskeln, der dabei bewegt wurde, entstanden Furchen, die einem den Eindruck von tödlicher Tiefe vermittelten. Auf mein Lachen hin, zog er seine halb ergrauten Augenbrauen nach oben, wodurch sich seine Stirn ebenfalls in jene furchtsamen Falten legte.
Selbst der ehrliche, mörderische Ausdruck seines Blickes konnte mir nun meinen Ernst nicht mehr zurückbringen. Das zuerst noch gedämpfte Lachen schwoll an, die hüpfende Bewegung meines Brustkorbs weitete sich auf meinen gesamten Körper aus und schließlich brach es aus mir heraus. Lautes Gelächter schallte für einige Moment durch meine Zelle, in denen mich meine drei Besucher perplex musterten. Auch Sorias verwirrtes und verängstigtes Gesicht tauchte in meinem rechten Augenwinkel auf, um mich zu mustern. Doch ich beruhigte mich schnell wieder und wagte es Baloh noch einmal anzusehen, nur um festzustellen, dass die Furchen bis zu dem Bereich um seine Augen vorgedrungen waren. Ich schaffte es jedoch ein erneutes Lachen meine trockene Kehle hinunterzuschlucken und blickte darauf zu Tarsian.
„Was bitte ist das? Seit wann benutzt du den Teleporter für irgendwelche verschrumpelte, größenwahnsinnige Zwerge?“, fragte ich belustigt und noch immer bemüht mein Lachen zu unterdrücken. Tarsian wechselte einen schnellen Blick mit mir, antwortete aber nicht und schaute stattdessen wieder zu Baloh, dessen fassungslose Wut nicht zu übersehen war. Sein kleiner Körper zitterte, seine Hände waren zu Fäusten geballt und an seiner Stirn trat eine pulsierende Ader hervor. Mit einem Ruck drehte sich dieser dann wieder zu Tarsian um und öffnete seinen Mund. Doch zuvor stieß Tarsian ein spöttisches Prusten aus, wobei er seinen Kopf zu Seite drehte und seine geballte Hand zum Mund führte, als wolle er den Laut im Nachhinein noch dämpfen.

Balohs Mund stand offen, als er das amüsierte Gesicht des Magiers sah. Ich konnte seine Kiefer malmen sehen und beobachtete interessiert das aggressive Spiel seiner Muskeln. Doch er schien nicht gewillt die Kontrolle zu verlieren. So hasserfüllt sein Ausdruck auch war, er beherrschte sich und beging nicht den Fehler einen Gegner herauszufordern, der ihn in Sekundenschnelle zu einem Häufchen Asche reduzieren konnte. Stattdessen wartete er, bis sich Tarsian einmal geräuspert hatte und mit seiner typischen säuselnden Stimme erwiderte: „Tut mir leid, tut mir leid, aber ich muss gestehen, dass dieses Exemplar nicht zu verkaufen ist. Es ist nach wie vor mein persönliches Vergnügen mich um es zu kümmern.“
Gereizt starrte Baloh den Magier an, der seinen Blick nur ungerührt und noch immer selbstverständlich lächelnd erwiderte.
„Tarsian… Wie soll ich deine Bitte erfüllen, wenn du mir meine Wünsche verwehrst?“, fragte der Zwerg schließlich und drehte sich wieder zu mir herum, wobei seine Ader im unregelmäßigen Rhythmus seiner Worte pulsierte. „So werden wir uns nicht einigen können und ich glaube das liegt keinesfalls in deinem Interesse. Du bist auf mich angewiesen, egal wie sehr du es leugnen willst.“ Aufmerksam horchte ich auf und fing an Tarsian genau zu beobachten. Nicht nur, dass die Unterhaltung versprach sehr informativ zu werden, sondern auch das so mit dem leitenden Magier so umgesprungen wurde, weckte mein Interesse.
Doch ganz im Gegensatz zu dem, was sein Gesicht zeigte, kochte die Wut in ihm. Man sah es ihm nicht an, aber nach all den Wutausbrüchen von ihm, die ich während seiner Untersuchungen miterlebt hatte, erkannte ich dieses versteckte Brodeln, das sich in seinen Blick und seine Stimme mischte.

„Sehr geehrter Herr Baloh… Sie müssen mich wirklich entschuldigen, aber dieser Seher ist mein persönliches Eigentum und ist zugleich wertvoller als alles, was Sie in ihrem gesamten Leben errungen haben. Für Ihre Gesundheit wäre es also nur förderlich, wenn sie sich für eine andere Ware entscheiden würden. Dieses Gebäude beinhaltet immerhin das größte Sammelsurium magischer Kreaturen.“, meinte Tarsian mit überspitzter Freundlichkeit, die offenkundigem Spott ähnelte. Doch Baloh ging nicht weiter auf die Provokationen ein, auch wenn er Tarsians verträumtem Blick mit kalter Härte begegnete.
„Wie steht es mit dem Mädchen?“, wechselte der Zwerg urplötzlich das Thema. Augenblicklich spannten sich meine Muskeln an und ich wurde mir wieder des kleinen Körpers bewusst, der sich erneut hinter meinem Rücken verkrochen hatte. Die Zeit zu handeln war nahe. Ich spürte das Jucken meines Auges.
„Noch hatte ich keine Gelegenheit sie genauer zu untersuchen, aber laut meinen Berichten besitzt sie wohl eine beträchtliche Menge an elementarer Magie. Und das obwohl sie aus einer anerkannten Familie des Imperiums entsprang.“, erklärte Tarsian langsam, wobei er zuerst Baloh angesehen, sich dann aber zu der Zelle gedreht hatte, um mich zu mustern und dabei seinen Hut mit einer Fingerspitze, die in einem weißen Handschuh steckte, hochzudrücken. Offenbar war höchst daran interessiert, wie ich mich verhalten würde.
„Soso…“, meinte Baloh und schaute Soria nachdenklich an. „Nun gut. Besser als nichts. Setz die Missgeburt auf meine Einkaufsliste. In einigen Monaten wird sie eine gute Marionette abgeben.“, brummte er, wobei er mir schwerfällig den Rücken zudrehte.

In diesem Moment stampfte ich mit meinem linken Fuß auf den Boden. Wie als hätte ich einen Hebel in mir umgelegt, wurde darauf ein Teil meiner Kraft freigesetzt. Ich hatte die erste Phase betreten. Ein lautes, elektrisches Knistern erfüllte den Raum, während mehrere hellblaue Blitze aus meinem Auge in Richtung der Zellentür schossen. Gleichzeit verschärften sich die Konturen meiner Welt. Die Stränge der Magie, die sich allen Objekten und Lebenswesen befanden, trennten sich vor meinen Augen von der Materie und zeigten mir ihre typischen, teils rhythmischen, teils unberechenbaren Bewegungen.
Überrascht wirbelte Baloh herum, nur um dann erbleicht einen Schritt zurückzuweichen, während Tarsian seine ganze Aufmerksamkeit auf mein Auge gerichtet hatte.
Ein gefährliches Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, ich senkte meinen Kopf leicht, sodass sich ein dämonischer Schatten über mein blinzendes Auge legte. „An deiner Stelle würde ich das nicht tun, Zwerg.“, warnte ich ihn lächelnd.
Für einen kurzen Moment verwandelte sich die Überraschung auf Balohs Gesicht in eine Grimasse des Horrors. Doch diese hielt nicht lange an und wandelte sich nur wenige Augenblicke später in eine gierige Fratze aus Faszination, Begehren und Machtsucht. Seine Augen schrien: Ich werde herrschen, du wirst dienen! Knie Monster, erkenn deinen Meister und gib ihm all deine Macht!
„Und was willst du tun, um mich aufzuhalten? Du bist in keiner Position Forderungen zu stellen, du elendige Bestie!“, geiferte der Alte und lachte überzeugt.
Doch meine Mundwinkel wanderten nur weiter nach oben und ich entblößte meine Zähne mit einem überlegenen Grinsen. „Alter Mann… Hast du etwa schon vergessen, was Tarsian über dieses Auge gesagt hat? Dass er unter diesem Blick am liebsten sein Innerstes freiwillig zerreißen würde? Und was glaubst du passiert mit einem armseligen, alten Menschen, der nicht einmal die Grundzüge beherrscht?“, ich kicherte bösartig, als das Gesicht Balohs erblasste und er einen weiteren Schritt zurückwich, „Du wolltest doch die Macht des Feindes der Götter erfahren, oder nicht? Aber ich muss dich warnen. Der Preis könnte zu hoch für dich sein.“
Da trat Tarsian vor Baloh und sah mir ohne Angst direkt in die Augen. In seiner Hand hatte sich bereits die grell leuchtende Magie versammelt. Er war kampfbereit. Alles folgte meinem Plan. „Seher… Ich weiß nicht, was du dir von dem Ganzen erhoffst, aber dein Widerstand ist zwecklos. Solange du hier bist, wirst du dieses Mädchen nicht beschützen können. Wobei ich deine Macht gerne sehen würde! Zeige mir was das Auge eines Götterfeinds bewirken kann!“, säuselte Tarsian mit Anspannung in seiner Stimme.
Doch ich lachte nur gedämpft und durchbohrte ihn mit meinem Blick. „Tarsian, du langweilst mich.“, seufzte ich schließlich, „Glaubst du wirklich, dass du derjenige warst, der sein Interesse befriedigen wollte?“, ich lachte wieder, „Ihr Lichten seid einfach unglaublich dumm und arrogant. Ich habe genug euch, von dir gesehen, dein Anblick, deine Ziele ermüden mich.“
Sein Körper pulsierte. Mein Auge sah es. Ein grelles, pulsierendes Licht, bestehend aus abertausenden von geraden Spießen, ging von seinem Körper aus. Ich hatte es geschafft, Tarsian war ernsthaft wütend und kurz davor einen seiner grauenvollen Angriffe zu beginnen. Furchtlos blieb ich sitzen und legte den Kopf erwartungsvoll ein Stückchen zur Seite. „Komm du zweitklassiger Gaukler und ich werde dir zeigen, wie dieses einzige Auge, das du seit zwei vollen Monaten zu ergründen versuchst, deine Wissenschaft zertrümmern wird!“, spotte ich mit tiefer Verachtung und bereitete mich darauf vor mich auf seine Macht einzustimmen. Er stieß einen undefinierbaren Laut aus, der eine Mischung zwischen einem Kichern und einem tiefen Grunzen war, während er die Magie in seiner Hand zu einem tödlichen Speer von den Ausmaßen eines erwachsenen Menschen formte.
Doch kurz bevor er den verheerenden Zauber losließ, erschütterte ein mächtiges Donnern das gesamte Gebäude. Die Wände wackelten und staubige Gesteinsstücke rieselten von der Decke auf uns herab. Einen Wimpernschlag später ertönte ein piepender Alarm und die magischen Steine, die entlang der Wände etwa in drei Meter Höhe angebracht waren, färbten sich rot und tauchten den gesamten Komplex in ein warnend flackerndes Licht. Man spürte förmlich wie das gesamte Gelände augenblicklich in Bewegung geriet. Soldaten brüllten Befehle, Arbeiter stießen panische Schreie aus und magische Bestien brüllten verstört in ihren Zellen.
„Du Bastard… Was hast du getan?“, fragte Tarsian und musterte mich fassungslos. Mein Grinsen weitete sich und ich erwiderte nur: „Warum gehst du nicht und findest es selbst heraus? Sonst ist dein Forscherdrang doch auch immer unaufhaltbar.“ Schweigend musterte er mich, drehte sich dann aber schwungvoll um und meinte zu seinen beiden Begleitern: „Wir gehen. Irgendwas greift uns an und was auch immer es ist, es ist stark genug meine magischen Barrieren zu zerstören. Wenn ihr euer Leben behalten wollt, solltet ihr bei mir bleiben. Zieht ihr es vor zu sterben, will ich euch allerdings auch nicht aufhalten.“ Mit einem letzten gierigen Blick auf mich, folgte ihm Baloh.
Ein dumpfes Lachen entschlüpfte mir, das das Verschwinden der beiden begleitete. Darauf synchronisierte ich mich mit dem Zauber in den Gitterstäben, der mich gefangen halten sollte. Es war ein sehr seltsames Gefühl, das es immer wieder schaffte mir einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Zumindest sobald ich mich mit einem Zauber der Lichten verbinden musste. Denn eine Synchronisation war nichts anderes, als mich selbst in meinem ganzen Wesen auf den Zauber einzustimmen, ein Teil von ihm zu werden und auf diese Weise ihn von innen heraus zu verändern. Unangenehm war dabei nur, dass die Zauber der Lichten grundsätzlich von einer absurden Kälte waren, die sich tief zwischen Magen und Herz einnistete und sich langsam zum Kopf hin ausbreitete. Ich hasste dieses Gefühl. Als ich es die ersten Male gespürt hatte, konnte ich meinen Mageninhalt keine paar Sekunden bei mir behalten. Doch dann hatte ich mich dran gewöhnen müssen und mittlerweile hatte ich gelernt die Übelkeit zu beherrschen.
Und so schaffte ich es problemlos eine Blockade in das System des Zaubers zu legen. Wie bei einem verstopften Schlauch staute sich die magische Energie auf und im nächsten Moment explodierte sie mit einem lauten Knall und einer purpurnen Staubwolke. Fast zeitgleich ertönte ein ohrenbetäubendes metallisches Knirschen, das sich mit einem deutlichen Zischen und dem Gestank von verbranntem Stahl vermischte. Zufrieden blickte ich durch das erzeugte Loch in den Gitterstäben und suchte herausfordernd den Blick des namenlosen Mannes, der sich in Begleitung von Baloh und Tarsian befunden hatte. Mit seinem unveränderten arroganten Gesichtsausdruck stand er mit der Seite zu mir und musterte mich schweigend, aber gründlich. Seine Augen hatten einen gefährlichen, kalkulierenden Ausdruck, der mir nicht gefallen mochte. Aber dann wandte er sich noch immer schweigend von mir ab und verschwand unbeeindruckt, indem er den anderen beiden folgte. „Tse… Der Typ ist gefährlich.“, dachte ich laut, ohne zu merken, dass Soria plötzlich neben mir aufgetaucht war.
„Neh, was hast du getan? Warum bebt die Erde?“, fragte sie ängstlich.
Ich beugte mich zu herab und strich ihr über das weiche Haar. „Ich habe gar nichts getan und habe auch absolut keinen Schimmer, was gerade hier vor sich geht.“, gab ich ehrlich zu, „Aber lass uns das jetzt nicht unsere Sorge sein. Ich habe einen Plan, wie wir entkommen können.“ Ich bedeutete ihr mir zu folgen und machte mich auf zu der nächsten Treppe, die in die tieferen Stockwerke führte.
« Letzte Änderung: Juni 16, 2011, 11:36:40 Nachmittag von Ryoki »
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Re: Im Auge des Seher
« Antwort #4 am: Juni 16, 2011, 11:35:45 Nachmittag »
*leicht überarbeitet*

Kapitel 4

Während wir langsam den Gang entlanggingen, verringerte ich auf halber Strecke meine Geschwindigkeit und richtete meinen Blick auf die Decke. Ich schloss mein linkes Auge, um mich voll auf mein Rechtes konzentrieren zu können. Ein leichter Schmerz zuckte durch mein Gehirn, während ich meinen Blick dazu zwang die Decke zu durchdringen. Es verlangte mir eine große Menge an Konzentration ab, aber nach und nach schaffte ich es die Strukturen des magisch verstärkten Steins zu durchschauen und erkannte neben den typischen, grell gelben Auren der Lichten noch etwas anderes. Hunderte braungrüne, schummrige Lichter prallten beständig gegen den gelben Schutzzauber der Magier und brachten ihn hier und da gefährlich zum Flackern. Ich schnalzte missbilligend mit der Zunge, als ich genug gesehen hatte, und mein linkes Auge wieder öffnete, um mich auf den Weg vor mir zu konzentrieren. Die Situation war ernst. Jene krank wirkenden grünen Auren gehörten zu einer Plage, die alle Königreiche schon seit mehreren Jahren quälte. Ihr Ursprung war unbekannt und es gab nur eine sichere Tatsache, die man über sie wusste. Sie nutzten tote Körperteile, um ihrer Gestalt eine Form zu geben, wobei sich die Ausmaße ihrer Macht nach dem magischen Gehalt dieser Teile richteten. Der Arm eines einfachen Soldaten hatte nur einen Bruchteil seiner eigentlichen Kraft, aber der Arm eines Magiers verlieh dem Monster extreme körperliche, so wie magische Kräfte. Dabei war es egal von welcher Lebensform sie die Körperteile nahmen, solange sie Magie enthielten. Dadurch konnte ihre Erscheinung so lächerlich und ungefährlich, wie bedrohlich und angsteinflößend ausfallen. Deswegen war auch eine weitere Sache sicher. Als Gegner durfte man diese magischen Totengräber nicht unterschätzen. Und nun waren sie hier. Meine Kiefer mahlten missbilligend aufeinander und ich warf einen prüfenden Blick hinter meinen Rücken, wo Soria ungeschickt hinter mir her stolperte, bemüht mit meinem erneut angezogenen Schritt mithalten zu können. Bei einer direkten Konfrontation würde ich vielleicht unter Aufbietung all meiner Kräfte noch entkommen können, wobei das auch unwahrscheinlich war. Ich war vieles, nur kein Krieger. Würde auch nur eins dieser Viecher hinter meine Schwachstelle kommen, wäre mein Leben verwirkt. Wieder sah ich nach vorne und nahm die ersten Stufen der Treppe. Mein Plan musste funktionieren! Schließlich hatte mein ausgelaugter Körper absolut kein Verlangen danach sich in einen erschöpfenden Todeskampf zu werfen. Insbesondere nicht, wenn es ich gleichzeitig mit Lichten und der Plage zu tun bekommen würde. Mal ganz abgesehen von den Anstrengungen, die damit verbunden gewesen wären, hätte es das Todesurteil Sorias besiegelt. Niemals würde ich sie zwischen den Fronten beschützen können.
Mittlerweile kamen wir in die Nähe des Ausgangs zum nächsten Flur. Meine Laune wurde noch weiter gedämpft, als ein aufgeregter Chor verschiedener Stimmen zu mir durchdrang. Erneut schnalzte ich unzufrieden mit der Zunge, verringerte aber nicht mein Tempo. Soria bemerkte die Stimmen auch und ergriff im Laufen ängstlich meine Hand. Ein wenig erstaunt lächelte ich ihr zu, wobei ich keineswegs versuchte sie zu beruhigen. Ob wir den Teleporter erreichen konnten oder nicht, war ab sofort nur noch ein Spiel. Aber glücklicherweise standen unsere Chancen nicht allzu schlecht.

Sofort, als wir das Ende der Treppe erreicht hatten, sahen wir die Gruppe, zu der die Stimmen gehörten. Es waren sechs Magier, die mitten im Raum standen und so lebhaft über den Angriff und ihre Befehle diskutierten, dass sie Soria und mich nicht bemerkten. Das Problem an der Sache war nur, dass wir an ihnen vorbei mussten, um die nächste Treppe zu erreichen. Der Teleporter war noch immer mindestens drei oder vier Stockwerke weiter unter uns.
„Ich sag euch, wir sollten unseren Befehlen gehorchen und bei der Verteidigung helfen.“, meinte einer der Magier mit ängstlicher Stimme. „Du Idiot! Wenn wir dorthin gehen sind wir tot! Hast du vergessen, wo wir stehen? Die werden uns einfach als Kanonenfutter missbrauchen, bis Tarsian mit seinen Vorbereitungen fertig ist. Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass der uns gleich mit der Plage in die Luft jagen würde!“ „Aber wenn er herausfindet, dass wir uns drücken… Wir werden als Futter für den Seher enden!“
Ich sah die Chance, machte einen hallenden Schritt vorwärts, was ihre Köpfe zu mir herumschießen ließ und sagte mit einem grausamen Grinsen: „Dann scheint ihr vom Zorn der Götter verfolgt zu sein, denn es scheint, als stündet ihr mir in meinem Weg…“
Ich schwieg bedeutsam und ging unerschrocken auf die sechs Magier zu. Dabei formte ich bedrohliche Blitze, die begierig aus meinem Auge auf die Männer zuschossen. Jedoch lag das Grinsen wirklich nur auf meinen Lippen. Mein Innerstes zog sich aufs Unangenehmste zusammen und ein Kloß der Angst bildete sich in meinem Hals. Wenn die Lichten schlau genug wären gemeinsam auf mich loszugehen und gleichzeitig ihre Zauber abfeuern würden, würde mich mein Auge nicht mehr retten können. Mein Körper würde dies nach den zwei Monaten Gefangenschaft einfach nicht aushalten. Jetzt lag alles daran, wie stark sie mich fürchteten.
Nachdem sie sich von ihrem ersten Schock erholt hatten, breitete sich die Panik rasend schnell auf ihren Gesichtern aus. Einer von ihnen stieß sogar einen merkwürdig hohen und spitzen Angstschrei aus. Meine Innereien entspannten sich ein wenig und ich schritt zuversichtlich weiter vorwärts, während Soria sich mit großen Augen an meine Hand klammerte. „Habt ihr mich nicht gehört? Ihr steht mir im Weg.“ Unbeirrt schritt ich vorwärts, sie wichen ungeordnet zurück. Mein Blick wurde härter, das Lächeln gefährlicher und ich beugte meinen Kopf angriffslustig ein kleines Stückchen nach vorne. Schließlich erlangte einer von ihnen seine Fassung wieder und baute sich mitten im Gang auf. Es war derjenige, der sich zuvor über ihre Befehlsverweigerung beklagt hatte. Er streckte die Hand aus und rief mit zittriger Stimme: „Bleib stehen, B-Bestie! Im Namen von Tarsian gebiete ich dir sofort in deinen Käfig zurückzukehren. Andernfalls werde ich dich hier und jetzt richten!“ Dabei schien es als flößte ihm jedes Wort, das seine fetten Lippen verließ, neue Zuversicht und Kraft ein, als würde er eine unüberwindbare Wahrheit verkünden, gegen die sich niemand auflehnen könnte…
War es mein Auge, das mich lächelnd den nächsten Schritt machen ließ? Das mich seine Wahrheit anzweifeln ließ? Hatte ich es der Gift der Wahrheitsweber zu verdanken, dass ich eine grimmige Genugtuung verspürte, als der Lichte einen Lichtblitz aus seiner Hand entsandte, um mich zu töten? Oder war es der Hass, der in mir wallte und zu glühen anfing, als ich mich innerhalb eines Wimpernschlags mit dem Zauber synchronisierte und seine Richtung umkehrte? Warum fühlte ich Bedauern, als der Magier von seinem eigenen Zauber zerfetzt wurde? Was gab es an dem Tod eines Lichten zu bedauern?
Beim Anblick des verbrannten Körpers brach der letzte Widerstand der restlichen Magier gegenüber ihrer Angst. Ein paar stolperten, die anderen blieben ungläubig auf der Stelle stehen und starrten mich an. Die verzerrten Fratzen ihrer Gesichter weckten gemischte Gefühle in mir.
Einerseits genoss ich es, dass ich die Macht über sie hatte, auch wenn es im Grunde nur ihre Einbildung war, dass ich ihnen so weit überlegen war, dass ich ihr Leben in meiner Hand hielt. Andererseits fühlte ich noch eine mir sehr bekannte Trauer. Trauer über das Bild, das ich in ihren Augen las. Für sie war ich nicht mehr als eine unverständliche, unheilige Verkörperung von Gewalt, Umsturz und Tod. Der König der Bestien, der nur einen Blick brauchte, um sein Opfer von innen heraus zu zerfetzen.
Doch ich ließ mir meine Gefühle nicht anmerken und konzentrierte mich darauf die Fassade aufrecht zu erhalten: „Wenn ihr nicht wollt, dass euch das gleiche Schicksal widerfährt, solltet ihr euch schleunigst zur Verteidigung begeben. Dort sind eure Leben sinnvoller eingesetzt als bei dem Versuch mich aufzuhalten.“ Um meine Worte zu unterlegen, trat ich beiseite und machte damit den Durchgang frei. Zuerst schauten sich mich nur unsicher an, aber als ich meinem Blick eine dunkle Aufforderung verlieh, setzten sie ihre Beine schleunigst in Bewegung und stolperten mit weißen Gesichtern an mir vorbei.
Erleichtert atmete ich aus, sobald sie die Sichtweite meines rechten Auges verlassen hatten. An Soria gewannt meinte ich: „Alles in Ordnung.“ Sie nickte nur schweigend und starrte mich großen Augen an, die allerdings noch immer keine Spur von Angst zeigten, auch wenn ihre Hand angefangen hatte kalt zu werden und zu zittern. Dankbar schenkte ich ihr ein Lächeln. Vielleicht würde ich ihr irgendwann mal sagen, wie sehr es meine Seele beruhigte, dass in ihren jenes Bild nicht auftauchte. Dort war keine Bestie, kein Avatar der Zerstörung, kein verfluchtes Monster. Alles, was ich dort sah, war jemand, der ihre Hoffnung auf seinen Schultern trug. Jemand, der es sich nicht leisten konnte einfach aufzugeben und die Erwartungen, die an sein Auge gekoppelt waren, zu enttäuschen.
„Lass uns weiter gehen.“, meinte ich und ging auf die nächste Treppe zu.
Innerhalb der nächsten vier Stockwerke wiederholte sich das Schauspiel mit den Magiern noch drei Mal. Nur waren es diesmal Wächter, die angewiesen wurden ihre Posten nicht zu verlassen, um ein Entkommen der magischen Wesen zu verhindern. Die ersten beiden flohen allerdings freiwillig, sobald sie bemerkten, dass ihre Zauber gegen mich wirkungslos waren. Jedes Mal nutzte ich die Macht meines Auges, um die einfache Struktur ihrer Zauber zu erkennen und mich anschließend auf den Rhythmus ihrer Energie einzustimmen. Dadurch erhielt ich die Kontrolle über die Energie selbst und die Richtung, in die der Zauber flog. Der dritte Wächter ließ sich allerdings nur durch einen verschmorten Arm davon abhalten mir weiterhin den Weg zu sperren.
Und so hatten wir nach etwa einer Viertelstunde das Stockwerk des Teleporters erreicht.
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Offline Ryoki

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Re: Im Auge des Seher
« Antwort #5 am: Juli 27, 2011, 11:30:19 Nachmittag »
Kapitel 5

Sobald wir den Treppengang hinter uns gelassen hatten, eröffnete sich vor uns ein riesiger Raum, der von solch grellem Licht erleuchtet war, dass es mir schmerzhaft in die Augen stach. Erst als ich mich an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatte, erkannte ich, dass die kompletten Wände, die in ihrer Höhe mehr als zehn Meter und in ihrer Breite bestimmt über 100 Meter maßen, mit einem Lichtzauber überzogen waren. Überall wo man hinsah, strahlte einem jenes reines Licht entgegen. Nur das vier Meter hohe Gebilde des Teleporters, das sich in der Mitte des Raums befand, hob sich ab von den Wänden des weißen Lichts. Dessen vier dunkelbraune, fast schwarze Holzarme ragten in einem leicht geschwungenen Bogen nach oben, als ob sie dem strahlenden Licht entfliehen wollten. Dabei bildeten sie einen Kreis um eine bläuliche Glaskugel, die auf Augenhöhe in der Mitte des Gebildes schwebte. Innerhalb dieser Kugel schwirrten wiederum mehrere weiße und gelbe Lichtkugeln umher, die immer wieder miteinander verschmolzen, nur um sich wenige Augenblicke später wieder unter einem lauten, elektrischen Knistern zu trennen.

Vorsichtig wagte ich mich näher heran. Die Situation wollte mir nicht gefallen. Es war zu leer. Keine Wachen, keine Magier bewachten den wohl wertvollsten Schatz in diesem Gebäude. Erneut verlangsamte ich meinen Schritt und sah mich mit meinem rechten Auge aufmerksam um. Außer dem irritierenden Lichtzauber an den Wänden konnte ich allerdings keine weiteren magischen Spuren in dem gesamten Raum ausmachen. Es war wirklich niemand hier.
Verwirrt richtete ich meinen Blick wieder auf den Teleporter. Wie ich es erwartet hatte, war seine magische Struktur sehr viel komplizierter, als die der restlichen Zauber, der ich heute bereits begegnet war. Der Grund dafür war einfach. Dieses Kunstwerk der Magie war von einer völlig anderen Art, als die Magie der Lichten. Älter, komplizierter, schöner und mächtiger. Wahrscheinlich stammte das gesamte Teleporternetzwerk, das die Lichten so stolz ihr Eigen nannten aus der Zeit der Schöpfung, rund 1000 Zyklen vor Alastors Ankunft.
Schließlich stand ich direkt vor den kräftigen Armen und erkannte, dass das raue Holz von Ornamenten durchzogen war, die sich sanft mit den natürlich verlaufenden Holzadern und Ringen vermischten. Innerhalb der feinen, geschwungen Ornamente floss dann schließlich auch die komprimierte Magie, die sich nicht nur auf der Oberfläche der Arme, sondern auch durch ihr Innerstes zog und den Teleporter für mich in ein schummriges, einladendes, braun-grünes Licht tauchte. Dies alles zeigte mir ein Bild vergessener Schönheit, das einst garantiert nur die Götter gekannt hatten. Wehmütig zog sich mein Herz zusammen. Warum konnte nicht solch eine Magie die Welt erfüllen? Lieber lebte ich im freundlichen Schein der Dämmerung, als unter dem unbarmherzig kalten Licht der Mittagssonne…
Doch plötzlich verstärkte Soria den Druck auf meine Hand  und brachte mich damit wieder in die Gegenwart zurück. Durch einen kleinen Akt der Willenskraft schob ich die Gedanken an die Schönheit der Magie zur Seite und wandte mich den komplexen Strukturen zu, die es zu entschlüsseln galt. Allerdings kam ich nur schleppend voran. Zwar spürte ich den Rhythmus des Zaubers, so war er aber unstetig und eigentümlich. So sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte mich nicht einstimmen, geschweige denn den Anfang des Zaubers finden.
„Neh, es ist ganz still geworden!“, ertönte plötzlich Sorias piepsige Stimme und riss mich aus meiner Konzentration. Bevor ich anfing wild zu fluchen, horchte ich aufmerksam und musste auch feststellen, dass der Kampflärm verstummt war. „Beim Bastard Levro! Ich hab wohl keine Wahl. Egal was passiert, wirst jetzt keinen Ton von dir geben, auch nicht wenn, die Lichten den Raum stürmen, hast du das verstanden?“ Soria nickte nur und klammerte sich noch ein Stückchen fester an mich. Die Angst war ihr nun endgültig in die Knochen gekrochen.
Allerdings schenkte ich ihr bereits keine Beachtung mehr und wandte mich wieder dem Teleporter zu. Dann stampfte ich mit meinem rechten Bein auf den Boden und legte damit den Schalter um, der mich die zweite Phase betreten lassen sollte. Doch zuvor durfte meine Konzentration nicht wanken. Je näher ich dem Betreten der nächsten Phase kam, desto stärker wurden meine Kopfschmerzen, als mein Gehirn versuchte den ungewohnten Schwall an Informationen zu verarbeiten. Aber auch mein Auge meldete sich mit einem Gefühl des Brennens zu Wort. Stumm rannen mir meine Tränen die Wangen herunter. Doch ich zwang mich weiterhin nicht zu blinzeln, mein rechtes Auge auch nicht nur für einen Wimpernschlag zu schließen. Denn dann wären all meine Bemühungen umsonst gewesen und meine Kräfte wären wieder in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt.
Schließlich gelang es mir aber. Ich trat in die zweite Phase ein. Die Kopfschmerzen und das Brennen ließen etwas nach, verschwanden aber nicht.
Genau in diesem Moment vernahm ich das Scheppern von Rüstungen und das Geschrei der Menschen. Ich hatte keine Zeit es zu bestätigen, aber vermutlich befand sich gerade die siegreiche Streitkraft der Menschen auf dem Weg, um Tarsians persönliches Versuchskaninchen wieder einzufangen. Hoch konzentriert wandte ich mich wieder dem Teleporter zu. Schon auf den ersten Blick erschienen mir die Strukturen und Zusammenhänge viel klarer. Es dauerte keine zwei Minuten, bis ich endlich herausgefunden hatte, warum ich mich anfangs nicht auf den Zauber einstimmen konnte. Es war nicht ein Herzschlag. Es waren zwei. Der stammte aus den hölzernen Armen und pochte dumpf, beständig und mächtig. Der andere dagegen befand sich innerhalb der Kugel und war sprunghaft, leichtfüßig und lebendig. Der Teleporter bestand nicht nur aus einem, sondern aus zwei verschiedenen Zaubern, die nur eng miteinander verflochten waren.  Nach wenigen weiteren Wimpernschlägen erschlossen sich mir auch die Funktionen der beiden Teile.
In diesem Moment ertönte ein wütendes Geschrei und Gekeife. Noch war ich zu sehr in die Analyse vertieft, um zu registrieren, was die Unruhe zu bedeuten hatte. Erst als ich meinen Kopf ein Stückchen zur Seite drehte und der Treppe einen Blick aus dem Augenwinkel zuwarf, wurde mir wieder bewusst, dass wir verfolgt wurden. Und dass diese Verfolger nun am oberen Ende des Raums standen und mich ungläubig anstarrten.
Dabei gaben sie durchaus ein beunruhigendes Bild ab. Ihre Blicke huschten gehetzt von einem Ende des Raums zum andern. Angespannt jederzeit einem weiteren Feind zu begegnen, hielten die Wachen ihre blutgetränkten Waffen angriffsbereit, während sie sich hinter die hohen Turmschilde verkrochen. Dabei bildeten sie einen Kreis um die Magier, die in ihrer Mitte mit ängstlicher Miene ihre Blicke auf mich gerichtet hatten.
Nur Tarsian brach diese trainierte Kampfformation, indem er den Trupp anführte und an dessen Spitze stand. Noch immer mit seinem makellos weißen Kittel und Hut starrte er mich fassungslos an. Äußerlich merkte man ihm nicht an, dass er gerade einen Kampf gegen den gefährlichsten Feind der bekannten Welt angeführt hatte. Und trotzdem brach ich schallendes Lachen aus. Es war nur für einen kurzen Moment, aber ich hatte sie gesehen. Die Angst in seinen Augen, als er mich am Teleporter entdeckt hatte.
Mein Gelächter brach den Schockzustand der Lichten und im nächsten Moment stürmten die ersten Soldaten auf mich zu.

Jetzt wurde es eng. Ein Fehler in meiner Kalkulation und ich hätte meine Chance vertan.
Mit pochendem Herzen ignorierte ich die heranstürmenden Soldaten, trat ruhig an die Kugel in der Mitte des Teleporters heran und beobachtete dabei aufmerksam Tarsians Reaktion. Seine Reaktion war eindeutig. Um seine Miene nicht zu enthüllen, hatte er sich mit einer Hand an den Hut gefasst, ihn in sein Gesicht gezogen und schritt nun mit zügigen Schritten auf mich zu. Dabei erhob er seine gezwungen ruhige Stimme: „Es ist wirklich eine glückliche Überraschung dich hier zu treffen, mein lieber Seher. Ich dachte du hättest versucht mit und durch das Durcheinander der Schlacht zu fliehen. Oh das wäre eine Schande gewesen, wenn ich deinen Körper zwischen den Überresten der Totengräber hätte fischen müssen.“
Überlegen erwiderte ich: „Aber, aber Tarsian. Glaubst du wirklich, dass ich so dumm gewesen wäre? Dass ich mich freiwillig in die Bahn deiner Zauber geworfen hätte? Oh nein, dieser Weg wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt.“ Mit diesen Worten lächelte ich siegessicher und legte meine Hand auf die Glaskugel. Fast augenblicklich hatte ich mich durch den Kontakt auf den Zauber einstimmen können und Tarsian fiel auf meinen Bluff rein.
Innerhalb eines Wimpernschlags hatte er eine Hand hochgerissen, stieß einen schrillen, kreischenden Schrei aus und entließ damit eine sirrende Spirale aus gleißend heller Energie, die den ganzen Raum mit unnatürlich grellem Licht flutete. Aus Angst von dem vernichtenden Zauber getroffen zu werden, warfen sich alle Wächter, die schnell genug schalteten, wimmernd auf den Boden, um sich und ihre Augen vor der abnormalen Helligkeit zu schützen. Mit einer bestimmten Handbewegung zog ich Soria an mich heran, drückte ihr Gesicht gegen mich und wandte all meine Aufmerksamkeit der nahenden Energiespirale zu.
Da ich genau auf das vorbereitet gewesen war und mich bereits in der zweiten Phase befand, war ich bereits mit dem Zauber synchronisiert, als er Tarsians Körper verlassen hatte. Mit überlegener Ruhe streckte ich meine Hand aus, tat so als würde ich die Spirale umfassen wollen und kurz bevor sie mich durchbohrte ließ ich meine Hand eine ruckartige Bewegung zur Seite machen. Zeitgleich ignorierte ich, dass mir die ungeheure Macht des Zaubers den kalten Schweiß hatte ausbrechen lassen und konzentrierte mich auf den dumpfen Rhythmus der hölzernen Arme und das schwache Pochen von Sorias Magie. Ich entzog dem Mädchen einen Teil ihrer Kraft und leitete diesen zu den Armen. Die reagierten sofort, indem sie sich ein Stückchen bogen und sich darauf vorbereiteten die Magie zu empfangen. Und dann lenkte ich mit meiner Handbewegung Tarsians Zauber in einen der Äste. Ein ohrenbetäubendes Krachen begleitete den Einschlag, aber die Arme hielten stand. Sie absorbierten die gesamte Kraft des Zaubers und fingen an die Magie des Lichten umzuwandeln und speisten diese neue, wellenförmige Art der Magie der Glaskugel, die unter meiner Hand nun immer stärker anfing zu leuchten.
Tarsian kreischte erneut. Diesmal aus offensichtlicher Wut. Er hatte verstanden, dass mit ihm gespielt wurde, dass ich ihn kontrolliert hatte. Er brüllte den Soldaten zu mich aufzuhalten, doch noch ehe diese sich wieder aufgerichtet hatten, war der Teleporter vollständig aufgeladen. Ich spürte den kraftvollen Rhythmus mit meinem ganzen Körper. Während Soria und mich ein blauer Nebel, der der Glaskugel entstieg, einhüllte, konnte ich dem Forscher im weißen Kittel nur ein siegreiches Lächeln entgegenbringen. Wie ich diesen Moment des Triumphs genoss! Wie sehr er durch diesen Moment meines Triumphs gequält wurde!

Das letzte, was ich sah, bevor mir der blaue Nebel die Sicht nahm, war wie die Soldaten wieder anfingen auf mich loszurennen und die Magier sich bereitmachten ihre Zauber zu werfen. Doch sie alle waren zu spät. Im nächsten Augenblick wurden Soria und ich von der fließenden Macht des Teleporters ergriffen. Ich verlor den Boden unter den Füßen, wirre Farben flackerten, schwammen, verschwanden und vermischten sich vor meinen Augen. Doch noch hatte die Herausforderung nicht ihr Ende gefunden. Worin lag der Sinn zu fliehen, wenn man danach nur in die nächste Einrichtung der Lichten teleportiert wurde?
Fieberhaft suchte ich mit einem rechten Auge nach einer Möglichkeit das Gefüge des Zaubers zu zerreißen, bevor wir unser Ziel erreichten. Und ich schaffte es tatsächlich eine Schwachstelle in der Struktur zu erkennen. Ein Magiekanal lag offen. Alles was ich tun brauchte, war diesen zu verstopfen, dadurch die Magie zu stauen und die Verbindung zum Zielort abzubrechen.
Mit einem undefinierbaren Laut, der am ehesten durch eine Mischung aus dem Klirren von Glas, dem reißen von Papier und dem schrillen Quietschen von Metall auf Metall beschrieben werden konnte, entstand ein Riss in der Wand des Zaubers. Ein ungeheurer Sog packte uns und riss uns schließlich aus dem magischen Tunnel heraus.
Ich spürte nur noch, wie ich mit voller Wucht auf etwas Hartes knallte. Reflexartig schloss ich meine Augen und trat damit aus der zweiten Phase aus. Die Last fiel von meinem Gehirn, ein erschrockener Schrei Sorias drang aus hallender Ferne zu mir durch, doch reagieren konnte ich nicht mehr. Die Schmerzen des Aufpralls mischten sich mit der Erschöpfung der letzten Monate und so verlor ich das Bewusstsein noch ehe ich meine Augen wieder öffnen konnte.
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Re: Im Auge des Seher
« Antwort #6 am: August 22, 2011, 10:52:24 Nachmittag »
Kapitel 6

Nur sehr langsam erlaubte mir mein Kopf die Augen zu öffnen. Sobald auch nur der kleinste Lichtstrahl meine Pupillen berührte, wurde mein Gehirn von einem brennend stechenden Schmerz durchbohrt. „Verfluchte Nachwirkungen“, stöhnte ich, während ich versuchte mich zu orientieren. Ein schrilles Fiepen in meinen Ohrmuscheln verhinderte, dass ich die Geräusche meiner Umgebung in mich aufnehmen konnte. Und wieder einmal fühlte ich mich völlig verloren und hilflos. Wie ich dieses Gefühl hasste. Auch wenn es nur für eine kurze Dauer war. Nach einigen Minuten hatten sich meine Augen schließlich an das dämmrige Licht gewöhnt und auch das unangenehme Fiepen in meinen Ohren regulierte sich auf eine ertragbare Lautstärke.
Erkennen konnte ich trotzdem nur wenig. Schließlich gab es auf einer Lichtung nicht viel, was einem direkt ins Auge sprang, außer grünes Gras, eine bedrohlich wirkende Wand aus hohen Bäumen und ein kleines Bächlein, das wenige Meter neben mir vor sich hin plätscherte. Trotzdem sah ich mich ein wenig genauer um und erkannte den Grund für meine Ohnmacht. Direkt neben dem Bach ragte ein kleiner Fels aus dem Boden, der mit einer roten Schicht überzogen war, die für mich eine unliebsame Ähnlichkeit mit getrocknetem Blut hatte. Vorsichtig tastete ich mit meinen Fingerspitzen meine schmerzende Kopfhaut ab. Mit einem überraschten Stöhnen kommentierte ich meine Entdeckung einer beträchtlichen Beule. Stumm, aber mit fluchendem Blick betrachtete ich die Blutspuren an meinen Fingerspitzen.
„Und ich hatte schon gehofft unverletzt entkommen zu können…“, murrte ich und schaute mich erneut um.
Soria war nirgends zu entdecken. Mein Mundwinkel zuckte und stand langsam und mit zittrigen Beinen auf. In einer verstaubten Ecke meines Bewusstseins machte sich die Angst bemerkbar, dass sie eine tödliche Ankunft gehabt haben könnte. Über die Ironie, die sich dahinter verbarg, wollte ich gar nicht nachdenken. Doch glücklicherweise brauchte ich das auch nicht. Nachdem ich mich einige Schritte in Richtung Wald geschleppt hatte, schlüpfte das kleine Mädchen plötzlich zwischen den Bäumen heraus. In ihrem wilden Schopf hatten sich Äste und Blätter verfangen, ihre Kleidung war an einigen Stellen zerrissen und ihre Haut zerkratzt. Aber sonst schien es ihr gut zu gehen. Ich unterdrückte ein erleichtertes Seufzen, das mit Leichtigkeit meinen gesamten Brustkorb ausgefüllt hatte und sah sie kritisch an. „Du siehst aus wie eine Baumtänzerin. Was hast du gemacht? Mit Dornenbüschen gerungen?“, scherzte ich und bemühte mich dabei meine Stimme so fest klingen zu lassen, wie irgend möglich.
Soria zog eine schmollende und eingeschnappte Schnute, sagte aber nichts, sondern betrachtete nur mit einem Ausdruck der Sorge meine blutige Beule. Währenddessen suchte ich mir einen bequemen Platz, wo ich mich an einen Baum anlehnen konnte und ließ mich dort langsam nieder. „Also was hast du getrieben?“, wiederholte ich mich und hob dabei fragend die Augenbrauen. Doch ihre Antwort war nur eine Gegenfrage, während sie näher kam und sich neben mir auf das feuchte Gras niederließ: „Geht es dir gut? Die Wunde tut weh, oder?“ Ein gequältes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. „Solange ich alles langsam angehe, ist wohl noch alles in Ordnung. Auch wenn ich mich nicht so fühle. Die Hauptsache ist, dass ich demnächst etwas zwischen die Zähne kriege… Nach nun mehr mehreren Monaten brauche ich einfach etwas, das mir meinen Margen füllt.“
Darauf sprang das Mädchen mit einem kecken Lächeln auf, tigerte flink zu einem nahen Baumstamm, wo eine kleine Anhäufung von Steinen lag. Sie schaufelte diese beiseite, klaubte etwas auf und kam wieder zurück, um mir stolz ihren versteckten Schatz zu präsentieren. Mehrere Früchte und Beeren hielt sie mir vor die Nase. Sie hatten solch saftige Farben und einen kaum merklichen, für mich aber unglaublich intensiven Geruch, dass mir augenblicklich das Wasser im Mund zusammenlief und sich meine Geschmacksnerven vor lauter Vorfreude zusammenzogen. Ohne ein weiteres Wort schlug ich gierig zu. Auch wenn es nur Beeren und Früchte waren, auch wenn noch Erd und Blattreste zwischen ihnen waren, so war es wohl die Mahlzeit, die ich in meinem Leben bis jetzt am meisten genossen hatte.
Dennoch war ich nach der letzten Beere noch weit davon entfernt gesättigt worden zu sein. Fürs erste sollte es allerdings reichen, damit ich nicht vor Hunger umkippte. „Puh, du bist eine wahre Lebensretterin.“, komplimentierte ich Soria, die mich stolz anlächelte, „Aber sag, wie lange war ich bewusstlos?“ Das Lächeln wurde schwächer und sie antwortete besorgt: „Ich glaub mehrere Stunden. Ich hatte unglaubliche Angst! Obwohl ich dich gekniffen hab, bist du nicht aufgewacht!“ „Du hast mich gekniffen?“, erwiderte ich nur trocken und sah sie mit einer  gehobenen Augenbraue an. Sie setzte nur eine unschuldige Miene auf und wechselte schnell das Thema. „Neh, neh während ich die Früchte gesammelt habe, hab ich ein Dorf entdeckt. Meinst du die würden dir helfen?“, berichtete sie mit aufgeregter Stimme.
Ihrem Gesicht sah ich an, dass sie auf etwas ganz bestimmtes hinauswollte. Als ihr Blick kurz darauf zu meiner Wunde wanderte, war ich mir dessen auch sicher. Es war wirklich ein seltsames Gefühl zu wissen, dass jemand sich um einen sorgte. Für mich war es vor allem eine sehr seltene Empfindung, die mich das Kneifen ganz schnell vergessen ließ. Dann schob ich meine abschweifenden Gedanken beiseite und konzentrierte mich wieder auf die aktuelle Situation. Wahrscheinlich war es wirklich am sinnvollsten die Siedlung aufzusuchen. Immerhin bestünde dabei nicht nur die Chance endlich wieder etwas Fleisch zwischen meine Zähne zu kriegen. Die Wunde zu behandeln bevor sie sich entzündete, wäre sicherlich auch von Vorteil. Genauso wie zu erfahren, wo wir uns eigentlich befanden. Was dies anbelangt war ich nämlich völlig ratlos. Die flache Waldlandschaft erinnerte in keiner Weise an die hügelige Umgebung von Caliatia, was in mir die Befürchtung weckte, dass wir quer über das halbe Land geschleudert wurden.
„Wir sollten der Stadt wenigstens einen Besuch abstatten.“, meinte ich und stand langsam auf, um zu vermeiden, dass mich der Schwindel packte. Sie folgte mir mit besorgtem Blick und vergaß dabei selbst aufzustehen. „Soll ich die Stadt selbst suchen, oder willst du mich führen?“, fragte ich und beobachtete amüsiert, wie eine Schnute zog, quirlig aufsprang und zu mir ging. Dann schnappte sie sich trotzig meine Hand und fing an mich durch den Wald zu führen.

Ich musste mich nicht lange durch den Wald zu quälen, bis er sich erneut lichtete und den Blick auf die nahe Stadt freigab. Allerdings bezweifelte ich, ob man diese Stadt auch wirklich so nennen konnte. Meiner Einschätzung war es lediglich ein etwas größeres Dorf, dessen Bewohner auf die Idee gekommen waren eine etwa zwei Mann hohe Holzmauer zu errichten. Das war mir allerdings auch recht so. Je kleiner das Dorf, desto uninteressanter war sie für die Lichten und die Bewohner waren dementsprechend noch nicht von ihren kranken Gedanken geprägt. Zumindest hoffte ich das, während wir langsam auf das Tor zugingen. Die Abwesenheit von Wachen bestärkte diese Hoffnung. Aber trotzdem hielt ich mein rechtes Auge durchgehend geschlossen und unter einer Schicht verschmutzter Haare verborgen damit, ich nicht mehr als nötig auffallen würde. Mittlerweile hatte Soria meine Hand auch wieder losgelassen und versteckte sich nun halb hinter meinen Beinen, während wir auf der unbefestigten Hauptstraße standen und uns umsahen. Zuerst fiel mir auf, dass wir zwar einige misstrauische und neugierige Blicke der Bewohner ernteten, aber niemand schien sich an uns zu stören. Meine Laune stieg und ich ließ mein linkes Auge umherwandern.
Alle Häuser, bis auf eins, waren aus Holz gebaut. Einige davon wirkten eher schief als gerade, anderen sah man ihr Alter augenblicklich an. Aber kein einziges von ihnen zeigte die Spuren der Verwahrlosung. Insbesondere nicht jenes steinerne Haus, das alle anderen überragte. Obwohl noch zwei Häuserwände und ein überschaulicher Marktplatz, um den kreisförmig mehrere Läden und Stände aufgebaut waren dazwischen lagen, konnte man das Gebäude einfach nicht übersehen. Genauso wenig wie die grell gelben Fahnen mit der fast zur Unkenntlichkeit verschnörkelten Sonne Iodars, die an den Ecken des quadratischen Baus wehten. Das Glück war mir wohl doch nicht hold. Aber dank dem Drang zum Prunk und Auffälligen, der den Lichten wohl erblich weitergegeben wurde, wusste ich nun, wovon ich mich fernzuhalten hatte.
Nichtsdestotrotz würde es uns nichts nützen unsere Zeit weiter am Tor zu verschwenden. Mit vorgespielter Sicherheit, aber entschlossener Zielstrebigkeit folgte ich der Straße in Richtung Marktplatz, während ich meine Umgebung genau im Auge behielt. Auch wenn unsere Flucht erst wenige Stunden her war, hatten die Lichten trotzdem die Möglichkeiten Nachrichten schnell zu verschicken. Und in meinem aktuellen Zustand würde ich nicht hoffen können bei einer weiteren Konfrontation die Überhand behalten zu können.
Soria hielt sich weiterhin hinter meinen Beinen versteckt und schwieg, während sie mich unsicher zu imitieren versuchte. Als wir schließlich unbehelligt auf dem kleinen Marktplatz ankamen, bot sich mir ein Bild reger und Großteils freundlicher Beschäftigung. Immer wieder schallte Gelächter zu uns rüber und die vermischten Gerüchte verschiedener Speisen ließ meinen Magen aufheulen, was es mir erschwerte klar zu denken.
Als ich mir meinen Weg in die Mitte des Platzes bahnte, um einen besseren Überblick über die Geschäfte zu bekommen, stieß ich, wegen meinem geschlossenen Auge, mit jemanden zusammen. Sofort vernahm ich ein dumpfes Rumpeln, begleitet von einem derben Fluch. Ich drehte mich um und erkannte eine genervt dreinblickende Frau mittleren Alters, die mich mit einem auffordernden Blick beschoss. Zusammen mit ihren in die schmalen Hüften gestemmten Händen, dachte ich nicht einmal daran sie zu ignorieren und ließ meinen Blick zu Boden wandern. Verstreut über drei Schritte lagen die verschiedensten Gemüsearten am Boden. Wie es von mir erwartet wurde, bückte ich mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck und fing an ihre Einkäufe aufzuklauben und in ihren Korb zurückzulegen. Daraufhin ging die Frau neben mir in die Hocke, bedachte mich von Seite mit einem prüfenden Blick, rümpfte die Nase und meinte schließlich mit irritierter, aber zugleich versöhnlicher Stimme: „Du solltest aufpassen, wo du deine Plattfüße hinsetzt, Freundchen! Dann musst wegen solchen Ungeschicken auch nicht am Boden herumkriechen.“ Ich erwiderte ihren Blick mit einem gequälten Lächeln. Die hatte gut reden. Ich wette sie hatte noch nie versucht sich mit nur einem Auge über einen Marktplatz zur Mittagszeit zu schieben, nachdem sie aus dem größten Gefängnis der Lichten geflüchtet war. 
„Tut mir leid, ich war gerade in Gedanken und habe Sie übersehen. Ich hoffe Sie nehmen es mir nicht allzu übel.“, antwortete ich, während ich beständig Äpfel und Kartoffeln zurück in den Korb legte. Ihr Gesicht nahm einen verblüfften Ausdruck an, während sie mich betrachtete. „Ich hab dich hier noch nie gesehen…“ Genau in dem Augenblick jagte Soria einem Kohlkopf hinterher, der zwischen den Beinen der anderen Marktbesucher hin und her rollte. Schließlich hatte sie ihn schnappen können und kam mit roten Backen zurück zu uns. Die Frau betrachtete nun auch sie verblüfft und fragte frei heraus: „Gehört ihr beide zusammen?“ Innerlich fluchte ich, aber zeitgleich fuhr ich Soria noch während sie den Kohlkopf mit beiden Händen auf Brusthöhe hielt, durch die Haare und meinte: „Richtig geraten. Sie ist meine kleine Schwester.“ Soria warf mir einen schnellen Blick zu, blinzelte einmal, sagte aber glücklicherweise nichts mehr und jagte schließlich dem nächsten Kohlkopf nach. Ein einfaches „So, so“ war alles, was die Frau dazu zu sagen hatte und machte sich nun wieder selbst daran ihre Einkäufe aufzuklauben. Als die Arbeit schließlich getan war und alles gerettet worden war, wollte ich die Gelegenheit nutzen und die Frau nach einem Arzt fragen. Doch bevor ich dazu kam, baute sich die zierliche Gestalt vor mir auf und drückte mir kompromisslos den Korb in Hand. Mit einem zufriedenen Lächeln bedachte sie mich mit dem gleichen auffordernden Blick, wie zu Beginn unseres Zusammentreffens. Mein Mundwinkel zuckte verärgert und ich entgegnete ihr nur mit all der Kühle meines verbleibenden Auges. Daraufhin schnaubte sie amüsiert und meinte: „Du bist schuld, dass ich alles vorm Kochen noch einmal richtig putzen darf. Stell dich also nicht an und tu einer Dame mit Rückenproblemen einen kleinen Gefallen. Immerhin wohne ich am anderen Ende des Dorfs!“
„So, so einer Dame, huh? Nun gut wertes Fräulein, um meine tiefe Schuld bei Ihnen zu tilgen, erfülle ich Ihnen gerne diesen einen letzten Wunsch.“, gab ich mit sarkastischer Freundlichkeit zurück. Aber ihr Lächeln weitete sich nur, während sie sich umdrehte und fröhlich pfiff: „Na dann immer mir nach, Bursche. Und guck diesmal, wohin du trittst!“
Mit Soria tauschte ich verdatterte und überraschte Blicke, zuckte dann aber mit den Schultern und folgte der zierlichen Frau. Das Mädchen sah dabei so verunsichert drein, wie ich mich fühlte. Mir wollte die Situation nicht gefallen. Aber uns blieb nichts übrig als stumm zu lächeln, um nicht unnötig Aufmerksamkeit zu erregen. Einen lautstarken Streit konnten wir uns wahrlich nicht leisten.

Bei dem Standort ihres kleinen, aber ordentlich wirkenden Hauses hatte die Frau nicht gelogen. Es lag wirklich am anderen Ende des Dorfes. Meine Arme kommentierten das mit einem erschöpften Schmerzen und die Wunde an meinem Kopf jagte mir ein rhythmisches Stechen durch den Schädel. Ich hoffte nur, dass aus dem Ganzen wenigstens noch ein paar Informationen herauszuholen waren.
Schließlich hielt mir meine Peinigerin noch immer siegreich lächelnd die Tür zu ihrer Stube auf. Stumm trat ich ein und fand mich in einem kleinen und beengenden Flur wieder, dessen Wände aus massiven glatten Holzbrettern bestanden.
„Würdet ihr bitte…“, setzte die Frau an, wobei sie verstummte, als ihre Augen an uns herab wanderten und unsere nackten Füße entdeckte, „eure Schuhe ausziehen.“, führte sie ihren Satz trotzdem in einem trockenen Ton zu ende. „Nun gut, das erspart euch das.“, meinte sie schließlich nach einem Moment nachdenklicher Stille und wandte sich dann wieder an mich: „Stell den Korb doch bitte auf den Küchentisch. Einfach bis zum Ende durch und dann links.“
Ich nickte noch immer schweigend, wobei ich mich noch für einige weitere Momente weigerte den Kontakt mit ihren forschenden Augen abzubrechen.
Schließlich aber riss ich mich los, folgte ihrer Bitte und betrat mit einem beklemmenden Gefühl die Küche. So wie das ganze Haus war sie ebenfalls nicht sonderlich groß, glänzte aber mit erstaunlicher Sauberkeit und guter Ausstattung. Erleichtert stellte ich den Korb auf den Tisch und drehte mich nach der Frau suchend um. Mit den Armen in die Hüfte gestemmt, stand sie wie eine überlegene Wächterin im Türrahmen und lächelte mich triumphierend an. Mein Mundwinkel zuckte. Diese Frau provozierte mich. Sie wusste ganz genau, dass es an meinem Stolz kratzte wie ihr Schoßhündchen springen zu müssen. Zudem weckte es in mir den Eindruck, als ob sie uns noch lange nicht gehen lassen wollte.
Darauf beugte sie sich ein Stückchen vor und kniff die Augen zusammen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich unbewusst damit begonnen hatte ihr tödliche Blicke zuzuwerfen. Schnell kühlte ich meinen Kopf wieder ab, tat drei Schritte vorwärts und wollte mich mit den Worten: „Die edle Dame wird uns jetzt wohl nicht mehr brauchen… Dann…“, doch bis zu dem „entschuldigen wir uns jetzt“, sollte ich nicht mehr kommen. Plötzlich legte sie mir mit überraschender Stärke den Arm von Hinten um den Hals und zog mich lachend wieder in die Küche hinein. „Nicht so schnell Bursche.“, meinte sie schließlich, schubste mich mit sanfter Gewalt rücklings auf einen Stuhl und baute sich noch immer lächelnd, aber gleichzeitig herrisch vor mir auf. „Mit dir bin ich noch nicht fertig, Freundchen!“, meinte sie mit bedeutendem Unterton, drehte dann ihren Kopf zu Soria, die das ganze Spektakel erschrocken beobachtet hatte. Als ihre Blicke sich kreuzten zuckte das Mädchen heftig zusammen, als wäre sie so eben aus einer Schockstarre erwacht. „Und du gehst am besten den Flur entlang und betrittst den zweiten Raum auf der rechten Seite. Dort sollte alles bereit stehen… Du wirst wissen, was du zu tun hast, sobald du da bist.“, befahl sie Soria schließlich in einem sanften Ton, der bei mir trotzdem für stehende Nackenhaare sorgte. Wer zum Teufel war diese Frau? Dabei lag die Antwort auf der Hand, auch wenn ich es nicht wahr haben wollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir geradewegs in die Fänge einer Lichten gelaufen sind, war einfach zu lächerlich hoch. Schnell verdrängte ich meine Schuldgefühle und versuchte Soria einen beruhigenden Blick zuzuwerfen. Dann nickte ich, worauf sie zögerlich mit ängstlicher Miene umdrehte und sich auf den Weg machte.
Sobald sie den Raum verlassen hatte, verschwand das Lächeln aus meinem Gesicht, meine Augen zuckten zurück zu der Frau, die sich nun direkt vor dem Stuhl positioniert hatte. Langsam senkte ich meinen Kopf und fragte mit gefährlicher Ruhe: „Was hat das zu bedeuten?“ Doch ihre Antwort war nur ein verspieltes Kichern. Verfluchte Hexe.
Wütend biss ich mir auf die Lippe und wollte ruckartig aufstehen, als plötzlich mein rechtes Auge explodierte. Ein strahlender Schmerz schoss von dort aus durch meinen gesamten Kopf. Alle Sinne schwanden mir, laut stöhnte ich auf. Unfähig zu denken, wollten meine Hände reflexartig zu dem Auge wandern, doch ich konnte sie nicht bewegen. Es schien als lägen meine Arme unter einem Amboss. Nicht einmal die Finger konnte ich bewegen. Erst als der Schmerz wieder zurückging, verstand ich was geschehen war.
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Re: Im Auge des Seher
« Antwort #7 am: August 28, 2011, 06:14:53 Nachmittag »
Kapitel 7

Meine Arme wurden durch hell leuchtende Fäden fest an die Armlehnen des Stuhls gefesselt, während sich der Zauber mit schlangengleichen Bewegungen daran machte meine Beine ruhig zu stellen. So schnell, wie es mir meine müden Gedanken erlaubten, reagierte ich. Wütend öffnete ich mein rechtes Auge und fixierte meinen Blick auf den Fesselzauber. Allerdings waren Schmerzen das Einzige, was es mir brachte. So sehr ich mich anstrengte, so sehr ich versuchte das Schreien meiner Nerven zu verdrängen, es gelang mir nicht hinter die Struktur des Zaubers zu kommen. Noch nicht einmal seinen Rhythmus konnte ich fühlen.
„So so… Das ist also das Auge eines Sehers…“, murmelte die Frau gedankenverloren, während sie mich fasziniert betrachtet, ohne dem Zauber weitere Beachtung zu schenken. Es war mir klar, dass sie eine Weberin sein musste. Und eine mächtige noch dazu. Kein normaler Lichter war fähig solch einen Zauber zu wirken. Dafür hatten sie viel zu wenig Gefühl für die Strömungen der Magie. Aber diese Frau vermochte jene Kraft in eine Form zu bringen, die mein Auge nicht auf Anhieb durchblicken konnte. Zudem verfiel sie nicht in einen meditativen Zustand des Webens, wie es bei den meisten ihrer Art der Fall war. Stattdessen war sie sogar noch in der Lage doofe Kommentare von sich zu geben.
„Was hat das zu bedeuten?“, knurrte ich und funkelte sie hasserfüllt an. Sie kicherte und antwortete in amüsiertem Ton:
„Gefährlich, gefährlich. Ich glaube, ich habe Glück dich gerade nach der Flucht aufgegabelt zu haben.“ Auf meine Frage ging sie erst gar nicht ein… Sie wusste, dass ich nur Zeit schinden wollte. Ich musste die Kontrolle über meinen Körper wiedererlangen, um die erste Phase betreten zu können. Sonst würde ich keine Chance haben ihren Zauber zu durchschauen.
Dann trat sie aber plötzlich näher und beugte sich mit gerümpfter Nase über meine Wunde.
„Du scheinst aber nicht das gleiche Glück gehabt zu haben.“, mit diesen Worten tippte sie mit verspielter Sänfte die verletzte Stelle an. Meine Kiefer mahlten aufeinander, während ich versuchte dem Drang zusammenzuzucken zu wiederstehen. Mein Stolz ließ es nicht zu ihr meine Schmerzen zu zeigen.
Dann kicherte sie wieder und verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Verdattert starrte ich für wenige Augenblicke auf die Tür durch die sie verschwunden war. Dann witterte ich allerdings meine Chance meine Konzentration zurückzuerlangen. Zuerst versuchte ich meine Gedanken vom Schmerz zu befreien, was mir nur durch einen puren Willensakt gelang. Allerdings drang dadurch ein neues Gefühl ans Tageslicht, das alle Hoffnung in mir erstickte. Es war eine unstetige Kälte, die in jedem meiner Muskeln, jedem Knochen und jedem Gedanken saß. Fast so, als würde sie versuchen die letzten Flammen des Lebens, die noch in mir brannten, zu verdrängen. Noch nie hatte ich solch eine Empfindung gehabt. Doch instinktiv wusste ich, was es zu bedeuten hatte. Meine Reserven waren fast aufgebraucht. Der Vorrat an Magie, von der ich zehren konnte, war durch die Flucht fast völlig verschwunden und die paar Beeren, die Soria mir gepflückt hatte würden niemals mehrere Monate ohne einen Bissen ausgleichen können. Die kalte Gewissheit breitete sich in meiner Brust aus. Ich würde sterben.
Doch mein Herz schlug krampfhaft weiter. Als würde es das Ende nicht wahrhaben wollen. Es wusste, dass ich noch etwas zu tun hatte.
Allein ich entscheide wann, wie und wo ich sterbe. Ich erinnerte mich, wie ich es zu Soria gesagt hatte… War ich ein Lügner? Wie würde ich mein Ziel erreichen können, wenn ich einem Mädchen nicht einmal die Wahrheit sagen könnte? Nein. Ich würde es nicht soweit kommen lassen. Ich hatte zwar keine Wahl als Seher geboren zu werden, aber ich hatte die Wahl mein Wort zu halten oder es zu brechen.
Mit neuer Entschlossenheit schloss ich meine Augen und sammelte meine Kräfte. Ich musste einfach durchhalten, bis ich den Zauber in mich aufnehmen konnte.
Ich war bereit. Behutsam und konzentriert leitete ich die letzten Reste meiner Kraft in mein Auge, um die erste Phase zu betreten. Und dann würde ich es dieser verfluchten Lichtweberin zeigen. In Zukunft würde sie sich zwei Mal überlegen mich zu demütigen!

Im nächsten Moment ertönte ein lautes Klatschen und etwas kaltes durchnässte mich völlig. Meine Wunde sandte augenblicklich ein schmerzhaftes Ziehen und Stechen in mein Gehirn, während mir meine Konzentration durch die zitternden Finger glitt. Darauf riss ich überrascht die Augen auf und entdeckte die Frau mit einem großen Wassereimer, der nur noch bis zur Hälfte gefüllt war neben mir stehend. Sie rümpfte stirnrunzelnd die Nase und meinte resignierend: „Schade… Gegen den Gestank hat es dann doch nicht geholfen.“
„Tut mir wirklich leid, aber ich wurde mehrere Monate wie ein Tier in einer Zelle eingesperrt. Dort kann man sich nicht jeden Tag baden.“, presste ich mit wütendem Sarkasmus zwischen den Zähnen hervor. Wie gerne wäre ich aufgesprungen und hätte ihr den Hals umgedreht. Sie zuckte darauf nur mit den Schultern und meinte kichernd: „Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass du riechst, als seist du geradewegs den tiefen eines Komposthaufens entstiegen.“ Mit diesen Worten zog sie einen Stuhl zu sich heran und setzte sich mit noch immer dem gleichen triumphierenden Lächeln neben mich. Ich drehte den Kopf zu ihr und zischte: „Was hast du vor?“ Sie erwiderte meinen Blick nur genervt, worauf sich der Fesselzauber plötzlich erneut regte. Mein Auge verzog sich schmerzhaft, während die Fesseln langsam nach oben wanderten, meinen Nacken erreichten, den Hals hinaufkrochen und schließlich meinen Kopf in eine gerade Position zwangen, sodass ich die Frau nur noch aus den Augenwinkeln beobachten konnte.
„Was hast du vor, Lichte?“, keifte ich. Langsam breitete sich die Verzweiflung in mir aus. Vielleicht würde ich ja doch sterben.
„Du fängst an dich zu wiederholen… Ach und wenn du dich nicht bewegst, werden sich die Schmerzen in Grenzen halten.“, war ihr einziger Kommentar. Ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Es wurde auch nicht besser, als vom Tisch ein beständiges Hämmern herüber schallte. Auch der beißende Geruch, der mir darauf in die Nase stieg und meine zu Tränen brachte, vermochte dieses Gefühl nur verstärken.
Dann hörte das rhythmische Klopfen auf. Ihre nächsten Sätze wurden von den leisen Schritten begleitet, während sie immer näher kam.
„Weißt du mein kleiner gefährlicher Seher eigentlich, dass du unter… uns für erheblichen Aufruhr gesorgt hast? Der Feind der Götter flieht aus Caliatia, während dieses zufällig von der Pest angegriffen wird. Die ganz hohen Zungen sagen sogar, dass Caliatia nur angegriffen wurde, damit du fliehen kannst. Zudem wurde das Teleporternetzwerk beschädigt.“
„Schwachsinn…“, murrte ich, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben. Darauf klatschte sie mir plötzlich von hinten etwas auf meine Wunde, das eine äußerst eklig, schleimige Substanz hatte. Doch das störte mich nicht so sehr, wie das scharfe Brennen, das es auf meiner Wunde erzeugte. Doch bevor ich mich beschweren konnte, tauchte ihr fragendes Gesicht vor meinem auf.
„Was daran entspricht denn nicht der Wahrheit?“, bohrte sie mit einer gehobenen Augenbraue weiter nach. Trocken erwiderte ich:
„Ein Seher würde sich niemals mit solch niederen Geschöpfen einlassen!“, erwiderte ich aufgebracht. Es war offensichtlich. Auch in ihren Augen war ich ein Monster…
Sie kicherte wieder und entzog sich meinem Sichtfeld.
„Sag mein kleiner Seher… Hast du bei deiner Flucht Tarsian nicht rein zufällig eine übergebraten?“, fragte sie fast beiläufig.
„Huh?!“, war meine einzige, perplexe Reaktion auf ihre Frage. Was bei Levro wollte sie?
Sie kam wieder in mein Sichtfeld und setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl.
„Ich möchte wissen, ob du Tarsian seinen arroganten Hut vom Schädel gezogen hast.“, fragte sie erneut in einem seltsamen, fast kleinlauten Tonfall mit unüberhörbarem Ernst.
„Warum willst du das wissen?“
„Wenn du mir eine gute Antwort gibst, bin ich auch ganz sanft zu dir.“
„Das beantwortet meine Frage nicht…“
„Aber es gibt dir einen guten Grund sie zu beantworten.“
„Du… Auch wenn ich ihn gerne in einer Explosion verbrennen gesehen hätte, hab ich ihm leider keine Schmerzen zufügen können… Aber er hat uns durch seinen Fehler die Flucht erst ermöglicht…“
Ihr Lächeln wurde breiter und sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.
„So so… Dann ist sein Ego wohl fürs Erste auf eine klägliche Größe zurechtgestutzt worden. Immerhin etwas… Dafür hast du meinen Dank, mein kleiner Halbgott.“, meinte sie mit spöttischem Unterton, der die letzten Worte begleitete.
„ Vor allem da du eigentlich nichts Besonderes bist. Sonst wärst du mir nicht so blind in die Arme getapst. Aber gleichzeitig ist, dass du hier bist Beweis genug. Du musst irgendeine Art von Macht besitzen, sonst wärst du niemals in der Lage gewesen den Teleporter zu nutzen.“, sinnierte sie vor sich hin, während sie meine nassen Haare zur Seite schob und mein Auge betrachtete.
„Wahrscheinlich bist du nur zu sehr geschwächt, um mir diese Macht zu zeigen, nicht wahr?“, dabei wanderte ihr Blick zu meiner Wunde. Dann stand sie wieder auf und drückte die schleimige Substanz fester auf meinen Kopf, was einen brennenden Schmerz gefolgt von Schwindel auslöste.
„Und wahrscheinlich brauchst du dafür eine gehörige Menge an Konzentration, die du aber dank deinem kleinen Loch im Kopf nicht hast.“, murmelte sie weiter.
„Und wenn schon! Glaub ja nicht, dass du schon gewonnen hast, verfluchte Lichte! Ich bin Tarsian entkommen und aus deinen Klauen werde ich flüchten können!“, brauste ich auf, nicht zuletzt um mir selbst Mut zu machen.
Doch sie antwortete nicht, sondern ging nur einmal um mich herum und setzte sich dann wieder vor mir hin. Ihr Blick war geradewegs auf meinen gerichtet, während sie sich vorbeugte, ihre Ellbogen auf die Knie legte und dann den Kopf auf die Hände legte. So verharrte sie mehrere Augenblicke regungslos, bis ein wütender Blitz aus meinem Auge schoss, der sich allerdings schon auf der Hälfte der Strecke bis zu ihrem Gesicht kümmerlich auflöste.
„Du bist einer der langsamen Sorte. Ich kann noch immer nicht glauben, dass du tatsächlich aus Caliatia entkommen bist.“
Ich schwieg und starrte sie nur weiter unbeugsam an. Worauf wollte sie hinaus?
In diesem Moment kam aus dem Flur ein leises Rumpeln. Soria! Ruckartig versuchte ich meinen Kopf zu drehen, was mir aber durch den Fesselzauber nicht gelang. Gleichzeitig meinte die Frau amüsiert: „Sie sollte es mittlerweile begriffen haben.“. Dann folgte ein Moment der Stille, in der ich kleine, tapsende Schritte hörte. „Komm her Mädchen.“, befahl die Frau und kurz darauf tauchte Sorias kleiner Körper am Rand meines Sichtfelds auf. Doch ich mochte zuerst nicht glauben, was ich sah. Sie trug ein einfaches, aber feines Stoffkleid und die feuchten Haare schmiegten sich zahm um ihr kindliches Gesicht.
So verwirrt wie Soria dreinblickte schaute ich nun auch die Frau an, die mich schon wieder mit diesem triumphierenden Lächeln ansah.
„W-was hat das zu bedeuten?“, fragte ich langsam.
„Du bist wirklich einer der langsamen Sorte… Aber nun gut. Mädchen, Soria war dein Name, nicht wahr? Komm bitte mal her. Die Wunde von deinem missmutigen Beschützer muss dringend behandelt werden und du wirst mir dabei helfen.“
Diese verfluchte Hexe. Sie wickelte Soria mit ihrem Schauspiel um den Finger, um nachher als die Magierin dazustehen, die den unverwundeten Seher besiegt hat. Lichten taten alles, damit die anderen Magier ihre Macht anerkannten und sie in der Hierarchie nach oben klettern konnten. Ich wollte aufbegehren, doch schon der erste Laut erstickte in meiner Kehle. Der Fesselzauber erwachte erneut zu leben. Nur drang er diesmal in mich ein und stahl mir meine Sinne. Die Welt wurde immer dunkler, während ich dagegen ankämpfte das Bewusstsein zu verlieren. Doch es war ein vergeblicher Kampf. Meine Kraft hatte mich schon lange verlassen und glitt ich das zweite Mal an diesem Tag in das Reich der Ohnmacht.
« Letzte Änderung: August 29, 2011, 04:05:01 Nachmittag von Ryoki »
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