Autor Thema: Im Auge des Sehers - veraltet  (Gelesen 497 mal)

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Im Auge des Sehers - veraltet
« am: Oktober 04, 2010, 09:25:54 Nachmittag »
Endlich bin ich mal wieder dazu gekommen zu schreiben. :-)
Dies ist eine Adaption von mehreren Ideen, die ich in letzter Zeit hatte. Also wundert euch nicht, wenn der ein oder andere Name bereits in einem anderen Text von mir zu lesen ist... Es sind dann auch sehr wahrscheinlich komplett andere Personen.

Zur Handlung möchte ich eigentlich noch nicht allzuviel sagen... Nur dass ich sie diesmal ein wenig klassischer halten werden. Vielleicht hilft mir das ja endlich mal eine Geschichte zuende zu führen.

Diskussionsthread: http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/im-auge-des-sehers-371/

Hier ist das erste Kapitel:
1
Im Auge der Bürger


Ich hatte gewusst, ich war nicht beliebt. Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich hegte ein jeder Bewohner des Hafenviertels einen tiefen, so wie auch unbegründeten Groll gegen mich.
Daher war es für mich auch schwer, ja schon fast unmöglich, sie von meiner Unschuld zu überzeugen.
Insbesondere wenn die aufgebrachte Menge mit schartigen Macheten, blitzenden Säbeln, blutigen Fleischermessern und grausamen Todesflüchen auf den Lippen hinter mir her jagte.

Keuchend kauerte ich mich in die Ecke eines kleines Boots. Irgendwie hatte ich es geschafft mich den Blicken meiner Verfolger zu entziehen und mich dort zu verstecken. Mein Herz hämmerte, meine Lungen brannten und mein Körper zitterte. Die alte Decke, die mir als Blickschutz diente, stank nach altem Fisch, was die höllischen Schmerzen beim Atmen nur noch verstärkte. Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass mein Brustkorb kurz vorm Bersten war, zwang ich mich ruhig und flach zu atmen. Das Rauschen des Meeres übertönte wahrscheinlich meine Atmung, dennoch befürchtete ich, dass sie das dumpfe Hämmern meines Herzens hören würden.

Das Geschreie kam näher. Verzweifelt drückte ich mich gegen das Holz der Kisten in meinem Rücken. Als könnte ich mich in den Schatten zwischen den Kisten und der Reling verkriechen. Zur Sicherheit presste ich mir die Hand auf Mund und Nase. Meine Lunge protestierte mit höllischen Schmerzen, Schwindel ergriff mich, doch ich wagte nicht zu atmen. Niemals würde ich ihnen in die Hände spielen! Niemals würde ich mich einfach so gefangen nehmen und richten lassen! Ich hatte ein Versprechen gegeben und ich hatte nicht vor dies zu brechen.
Doch diese Zuversichtlichkeit, die ich mir selbst eingeredet hatte, wurde schlagartig zerstört. Das Boot schwankte verdächtig und ich vernahm einen dumpfen Schritt auf dem morschen Holz. „Ich schau auf den Booten nach. Sucht ihr dort drüben weiter nach diese Stück Dreck!“ ertönte eine tiefe Männerstimme. Entmutigt sackte mir mein Herz in die Knie kehlen. Der Sauerstoffmangel trieb mich über meine Grenzen und zwang mich dazu wieder zu atmen. Ich betete inständig, dass es mein Verfolger nicht hören würde, obwohl mir mein Atem so laut wie ein tosender Sturm erschien. Die Schritte kamen immer näher. Ich spannte meine schmerzenden Muskeln an, bereit jederzeit aufzuspringen und zu fliehen. Aufgeben hatte ich noch nicht. Plötzlich stieß der Mann ein siegreiches Grunzen aus und tat einen Schritt auf mein Versteck unter der Decke zu.

Schwer schluckte ich den Kloß in meinem Hals herunter. Erneut brach mir der Angstschweiß aus und tränkte meine zerrissene Kleidung. Es folgte ein weiterer schwerfälliger Schritt in meine Richtung. Jeden Moment könnte er mich in meinem provisorischen Versteck entdecken. Er würde die Decke wegreißen, mich an der Gurgel packen. Wenn ich Glück hatte, würde er mich sofort umbringen. Wenn nicht, dann würde ich mitten in der Stadt am Pranger hängen, was einen langsamen und überaus grausamen Tod bedeutet hätte.
Ganz schwach schüttelte ich den Kopf. Das waren eindeutig die falschen Gedanken. Ich presste meine Zähne angespannt aufeinander. Vielleicht würde ich es schaffen ihn zu überraschen und über Bord zu werfen. Das würde mir wenigstens ein paar Sekunden Zeit verschaffen.

Und dann hörte ich den letzten Schritt. Er war nun genau vor mir. Ich sah schon sei hasserfülltes Gesicht, roch seinen verfaulten Atem, erkannte das wütende Funkeln in seinen stechenden Augen und spürte die brennenden Schläge auf meiner Haut.
Und tatsächlich griff er nach der Decke. Nur ein kleines Stückchen neben meinem Kopf krallten sich seine Finger in die alte Decke. Ich spannte meine Muskeln an. Ich würde losstürmen, sobald er sie wegriss. „Habe ich dich...“ knurrte er gefährlich. Doch bevor mein letzter Schutz weggerissen wurde, ertönte hinter ihm eine ruhige, aber schneidende Frauenstimme. „Was bei den Heiligen tust du dort? Runter vom Boot und bring dich in Sicherheit! Was ist so schwer daran zu verstehen, dass ein Dämon hier sein Unwesen treibt? Ich habe es nach dem letzten Todesfall überall verkünden lassen!“ „Gesandte... Und wir haben Ihnen schon gesagt, dass es dieses Monster war. Hier gibt es keine Dämonen!“ brummte der Mann nur missmutig und verunsichert. Doch ich bemerkte nur, dass sich sein Griff gelockert hatte. Vielleicht kam ich ja doch noch davon. „Ihr habt doch alle keine Ahnung! Allein die Tatsache, dass ihr einer Magierin nicht geglaubt habt, könnte euer gesamtes Dorf in Schwierigkeiten bringen. Also rette dein Leben, folge meinen Worten und bringe eine sichere Entfernung zwischen dich und den Hafen. Dann wirst du auch sogleich das Wesen sehen, welches wirklich für den Tod des Bürgermeisters verantwortlich ist!“

Der Mann zögerte eine Sekunde, ließ löste dann aber seinen Griff und verließ fluchend das kleine Boot. Ich konnte nicht fassen, dass ich noch einmal davon gekommen war. Doch eine Garantie, dass ich den Tag überleben würde, war dies noch lange nicht. Immerhin musste ich noch einen Weg aus der Stadt finden.
Aber ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als die Decke plötzlich ein Stück zur Seite geschoben wurde. Ich war zu geschockt um zu reagieren. Weder hatte ich ihre Schritte nahen hören, noch habe ich gespürt, als sie das Boot betreten hatte. Unfähig zu handeln blinzelte ich ein paar Mal, um meine Augen an das Sonnenlicht zu gewöhnen. Langsam zeichnete sich aus den bunten Lichtflecken ein junges, hübsches Frauengesicht ab. Klare blaue Augen musterten mich, während ich nur still zurück starren konnte. Plötzlich seufzte sie und flüsterte: „Es ist besser, wenn du vorerst versteckst bleibst. Diese Hafenbewohner haben doch echt einen Schaden... Wenn ich dich jetzt rausschmeiße, wirst du deren sinnlosen Zorn keine zwei Minuten überleben. Also sei brav Junge und reg dich nicht, bis ich dir sage, dass du raus kannst... Und fang schon einmal an zu beten, dass du diesen Tag überleben wirst.“ Dann schenkte sie mir ein schwaches Lächeln und zog mir die Decke über mein verdutztes Gesicht.
« Letzte Änderung: April 10, 2011, 10:52:49 Nachmittag von Ryoki »
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Offline Ryoki

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Re: Im Auge des Sehers
« Antwort #1 am: November 01, 2010, 10:32:32 Nachmittag »
>2<
Im Auge des Dämons

Ein sanfter Ruck brachte das Boot in Bewegung und ich spürte wie es langsam auf das offene Meer hinaus glitt. Langsam beruhigte sich mein Atem wieder und der brennende Schmerz in meiner Lunge ließ nach. Doch so wirklich begreifen, was mir gerade passiert war, konnte ich trotzdem nicht. Entweder spielte diese Frau ein perverses Spiel mit mir, oder sie wollte mir wirklich helfen, wobei meine Erfahrung die erste Möglichkeit als sehr viel wahrscheinlicher erachtete. Sie musste wissen, was ich war. Sie musste es von den Bürgern doch gehört haben! Doch warum half sie mir dann? „Irgendwas stinkt hier ganz gewaltig... Und das ist weder die Decke, noch bin ich es.“ flüsterte ich und fuhr mit einer Hand geistesabwesend über die Ränder meiner Augenklappe.
Erneut wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als plötzlich die sanfte Stimme der Frau zu mir durchdrang. „Du kannst jetzt rauskommen. Wir sollten weit genug vom Hafen entfernt sein.“ Langsam schob ich die Decke beiseite und hob schützend eine Hand gegen die Sonnenstrahlen. Neugierig schaute ich mich um und stellte mit einem mulmigen Gefühl fest, dass wir uns mitten auf dem Meer befanden. Nicht dass es mich überraschte, bei einer Magierin war dies in der kurzen Zeit durchaus möglich. Viel mehr beschäftigte mich jetzt die Frage, welche Fluchtwege mir noch offen blieben. Doch ich wusste, dass es, wenn es wirklich hart auf hart kommen sollte, sehr schlecht für mich aussah. Weder der Magierin, noch dem Dämon, den sie zu jagen schien, würde ich entkommen, wenn ich mich kopfüber in die Fluten stürzen würde.
Nachdem ich mich umgeschaut hatte, blieb mein Blick an der jungen Frau hängen. Hätte ich mich nicht in solch einer brenzligen Situation befunden, wäre mir wohl die Kinnlade heruntergeklappt. Auch wenn ich noch nicht einmal meine Volljährigkeit erreicht hatte, erkannte ich auf Anhieb, dass sie eine Schönheit ohne Gleichen war. Allein für ihre Augen und ihre azurblauen Haare, die wie Wasser im Licht glänzten, könnten Könige verheerende Kriege führen. Zumindest waren das die ersten Gedanken, die mir bei ihrem Anblick durch den Kopf schossen.

Während ich sie musterte und versuchte sie einzuschätzen, schenkte sie mir plötzlich ein beruhigendes, aber auch trauriges Lächeln. Misstrauisch stand ich langsam auf, wobei ich sie nicht aus den Augen ließ und die Kisten hinter mir als Stütze benutzte. Sie fixierte mich ebenfalls mit ihrem Blick, in dem ein freundlicher Ausdruck lag. Doch ich ließ mich nicht beirren. Sie hatte keinen Grund mir zu helfen. Niemand hatte es.
   
„Bist du in Ordnung?“ fragte sie schließlich und brach damit die unbehagliche Stille, die sich trotz dem beständigen Rauschen des Meeres zwischen uns ausgebreitet hatte.
Ein Schwarm von Vögeln zog kreischend über uns hinweg. Ich musterte sie noch einen Augenblick lang bevor ich langsam antwortete: „Ich lebe noch...“ Wieder folgte ein Augenblick unangenehmer Stille. Doch diesmal war ich es, der sie brach. „Was hat das zu bedeuten? Warum bin ich hier? Warum hast du mich nicht einfach den Hafenleuten ausgeliefert?“ brach es aus mir heraus. Sie schmunzelte und fragte: „Wäre es dir lieber gewesen, hätte ich es getan? Hätte ich dich deinem Schicksal überlassen?“ Verdutzt starrte ich sie an. Dann zeigte ich misstrauisch auf die Augenklappe, die sich über meine linke Gesichtshälfte erstreckte. „Du weißt doch, was ich bin, oder?“, fragte ich nervös, doch die Fremde nickte nur und lächelte mich weiter an. „Dann warum?! Wenn du glaubst, dass ich dafür freiwillig zu deinem Sklaven werde, hast du dich geschnitten!“ „Beruhig dich doch erst einmal, kleiner Mann. Ich will dir weder was tun, noch will ich dich versklaven. Mein Auftrag ist es den Todesfall zu untersuchen und da ich weiß, dass du unschuldig bist, gibt es für mich keinen Grund dich dem lächerlichen Zorn dieser beschränkten Primaten auszuliefern.“ erklärte sie geduldig und lächelte mich offen an.
Ich konnte es noch immer nicht fassen. Diese Frau, die offensichtlich eine Magierin war, wusste ohne Zweifel, dass ich kein Mensch war und doch behandelte sie mich wie einen. Sie war sogar der Meinung, dass mir Unrecht getan wurde. Wortlos starrte ich sie an. Doch bevor sich erneut Stille zwischen uns ausbreiten konnte, deutete sie auf die Kiste hinter mir und fragte: „Könntest du die bitte aufmachen und mir den Inhalt geben? In der Stadt wurde mir verboten damit herumzulaufen, aber ich werde es wohl gleich brauchen.“ Langsam nickte ich und folgte ihrer Bitte.

Was ich in der Kiste fand, ließ mich staunen. Es war ein, in feinste Stoffe eingewickelter Stab, der ungefähr so lang, wie ich groß und etwa zwei Finger dick war. Schöne Verzierungen und funkelte Edelsteine säumten die beiden Enden, während die raue Oberfläche der Seite mit einem fesselnden Ornament graviert war, das den Eindruck von fließendem Wasser erschuf.
Ich betrachtete den Stab, der wohl mehr wert war, als ich jemals in meinem Leben besitzen würde, und schälte ihn schon fast ehrfürchtig aus dem sanften Stoff. Und erst, als ich das hintere Ende freigelegt hatte, wurde mir klar, dass es gar kein Stab, sondern ein tödlicher Dreizack war. Beim Anblick der dreigeteilten Spitze jagten mir misstrauische Gedanken durch den Kopf. Was würde sie tun, wenn sie diese Waffe in ihren Händen hielt? Wenn ich völlig hilflos war? Die mahnenden Stimmen verharrten in meinem Hinterkopf, auch wenn mir meine Vernunft zu sagen versuchte, dass ich im Unrecht sei. Dass sie keinen Grund hatte mich hinterrücks zu erstechen. Sie hätte mich einfach ausliefern brauchen. So hätte sie sich weder die Hände schmutzig gemacht, noch hätte sie riskiert mit mir in solch einer Situation entdeckt zu werden. Denn ich konnte es drehen wie ich wollte. Sie war gerade dabei mir zu helfen. Diese völlig Fremde hatte mich  -zumindest kurzzeitig - vor dem Tode bewahrt.

Und so gab ich den Dreizack kommentarlos an die Frau. Diese nahm ihn mit einem dankenden Lächeln entgegen, wandte sich von mir ab und drehte sich dem Meer zu. Dort verharrte sie einige Minuten ohne sich zu rühren. Lediglich die azurblauen Augen huschten unablässig hin und her, als würden sie etwas äußerst lebendiges verfolgen. Langsam lehnte ich mich ein Stückchen über den Bootsrand und starrte ebenfalls in das klare Wasser. Doch erkennen konnte ich nichts. Jene unendliche Schwärze der Tiefen vermochte mein schwacher Blick nicht zu durchdringen. Reflexartig griff ich wieder zu meiner Augenklappe. Ich widerstand dem Drang sie abzunehmen, um zu sehen, was ich nicht sehen sollte. Es war eine Sache es unbeobachtet zu tun, aber eine ganz andere, wenn jemand dabei war. Immerhin war es auch der Grund, weswegen ich so gehasst wurde...

Doch urplötzlich breitete sich ein unangenehmes Ziehen unterhalb meines Auges aus. Unwillkürlich presste ich meine flache Hand auf die Augenklappe und wirbelte zur Magierin herum. Ich brauchte wirklich nicht mein zweites Auge, um zu wissen, was gerade geschah. Nur zu deutlich spürte ich die wirbelnden Magieströme, die aus der Spitze des Dreizacks heraus strömten und das Meer um das kleine Boot herum in Bewegung versetzten. Sanfte Wellen schlugen gegen das Holz und urplötzlich erhob sich die Stimme einer sanften Brise. Ein durchdringendes Gefühl der Lebendigkeit, wie ich es noch nie zuvor gespürt hatte, durchströmte mich. Bis in meine kribbelnden Finger und Zehen erstreckte es sich und ließ mich für einen Moment den Ernst der Lage vergessen.
Erst als die warnende Stimme der Magierin ertönte, riss ich meine Gedanken wieder in die Gegenwart zurück. „Halt dich fest Junge! Gleich wird es ungemütlich und ich kann nicht garantieren, dass du es unbeschadet überstehen wirst.“
Mein Magen drehte sich um, als ich begriff, was mich erwartete. Die Stärke der magischen Ströme nahm zu, die Magierin nahm eine gebückte Haltung ein und krallte sich mit ihrer freien Hand in die Reling des Boots.

Gerade noch rechtzeitig folgte ich ihrem Rat und klammerte mich so fest, wie es mir möglich war an das morsche Holz. Keinen Wimpernschlag später türmte sich das Wasser direkt vor uns zu einem beängstigenden Turm auf. Gischt spritzte mir entgegen, das Salzwasser brannte in meinem freien Auge. Mächtige Wellen, die von dem Wasserturm ausgingen, trieben uns wie eine Feder im Sturm über das Meer. Mein Magen protestierte, doch das Adrenalin rauschte in mein Blut und verjagte die Übelkeit. Und da teilte sich die Wand aus Wasser. Ohne jegliche Vorwarnung schoss eine dunkle Gestalt schoss aus dem Turm geradewegs auf uns zu.
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Re: Im Auge des Sehers
« Antwort #2 am: November 22, 2010, 11:12:41 Nachmittag »
>3<
Im Auge der Magierin


Mit einem lauten Donnern brach der Wasserturm zusammen. Mächtige Wellen erfassten unser Boot und trieben es spielend umher. Doch die Magierin ließ sich nicht beirren. Sie stand vorne, ihre Augen geradewegs auf den Dämonen gerichtet. Ihr Mund bewegte sich, aber die geflüsterten Worte vermochten nicht zu mir zu durchzudringen.
Ich brauchte es auch nicht zu verstehen. Wenige Sekunden später stieg die magische Konzentration ein weiteres Mal an, worauf mein linkes Auge verheißungsvoll juckte. Der Dämon näherte sich schnell. Unaufhaltsam schien er über die wütende Wasseroberfläche zu springen. Er gewann immer mehr an Geschwindigkeit.
Ich wollte sie warnen, ihr irgendwie helfen. Doch ich war unfähig mich auch nur von der Reling loszureißen, ohne dabei von den wilden Fluten mitgerissen zu werden. Mein Stolz rebellierte. Mein Auge juckte noch heftiger. Trotz der gewaltigen Wellen wanderte meine Hand zur Augenklappe und verharrte dort regungslos.
 
Genau in diesem Augenblick hatte die Magierin ihren Spruch beendet. Entschlossen richtete sie die Spitze ihres Dreizacks auf das dunkle Wesen, dessen Silhouette ich wegen seiner irren Geschwindigkeit nur verschwommen erkennen konnte.
Geschwind, wie als wäre das Wasser lebendig, fing es an in dünnen Fäden aus dem Meer aufzusteigen und sich vor den drei Spitzen zu sammeln. Es formte eine kleine Kugel, die unaufhörlich wuchs. Doch währenddessen kam der Dämon immer näher. Und meine Panik wuchs. Ich konnte schon sehen, wie dieses Monster das kleine Boot zertrümmern würde. Schreckliche Bilder, wie es mich danach in die Tiefen des Meeres zog und jämmerlich ertrinken ließ, blitzten vor meinem geistigen Auge auf.
Doch bevor ich mir noch schlimmere Szenarien ausmalen konnte, riss mich die Magierin aus meinen Gedanken.

„Tobender Sturm, Hüter der ewigen Quelle, erhöre mich. Als Gesegnete des sanften Stroms gebiete ich dir die Wellen deines Zorns zu glätten!“, rief sie plötzlich aus, während sie dabei mit dem Dreizack eine komplizierte Form in die Luft zeichnete. Sobald das letzte Wort ihre Lippen verlassen hatte, schossen tausende Wasserfäden aus der Kugel heraus. Innerhalb eines Wimpernschlags hatten die Fäden den Dämon erreicht. In atemberaubender Geschwindigkeit wickelten sie den muskulösen Körper ein und zurrten ihn mit einem einzigen Ruck zusammen. Das Monster kämpfte gegen die Magie an. Seine unmenschlichen Schreie durchdrangen mich bis ins Mark, sie paralysierten meine Gedanken. Ich konnte mich nur an das Boot klammern und zu sehen, wie die Bestie aus ihrer Flugbahn geschleudert wurde und neben mir auf der Meeresoberfläche einschlug. Gischt spritzte mir entgegen, Salzwasser durchnässte die letzten trockenen Reste meiner dünnen Kleidung. Doch selbst das Brennen des Salzes in meinem Auge beachtete ich nicht.

Ich war wie gelähmt. Eine seltsame Taubheit ergriff meinen Körper. Ich wollte mich bewegen, meinen Blick abwenden, doch kein einziger Muskel schien mir zu gehorchen. Ich war gefangen. Gefangen in dem schier unendlichen Blick dieses Wesens. Regungslos trieb er an der Oberfläche und starrte mich aus seinen saphirblauen Augen an. Mir fiel auf, dass die Farbe der Augen der Haarfarbe der Magierin erstaunlich ähnlich war. Nur waren sie viel reiner und von einer göttlichen Schönheit, deren Einzigartigkeit ich in diesem Moment nicht begreifen konnte. Ich versuchte mich zu wehren, zu wiederstehen, doch diese Augen ergriffen mich. Wie im unaufhaltsamen Sog eines Strudels zerrten sie meinen Geist aus mir heraus. 

„Wage es dich! Was ist in dich gefahren, Hüter der ewigen Quelle?“, rief die Magierin wütend aus und schlug mir mit der flachen Seite des Dreizacks sanft gegen mein rechtes Auge. Sofort wurde ich aus dem seltsamen Bann gerissen und plumpste ungeschickt auf meinen Hintern. Ich schluckte schwer, blinzelte und schaute starrte währenddessen abwechselnd zu der Magierin und ihrem gefesselten Gegner, dessen Augen noch immer auf mir ruhten. Vielleicht mochte ich nicht verstanden haben, was gerade geschehen war, aber daraus gelernt hatte ich alle Male. Sofort, als ich den Blick des Ungetüms zu treffen drohte, starrte ich zu Boden.

Und plötzlich brach eine Stimme über uns herein, die einer Flut glich. Donnernd spülte sie über mich hinweg und ich schnappte unwillkürlich nach Luft. „Sie gehen immer weiter. Unaufhörlich drängen sie vorwärts, nehmen uns unser Land und stehlen uns unsere Kraft. Der Samen wollte nur leben und doch haben sie ihn aus der Erde gerissen. Gesegnete des sanften Stroms, ich kann nicht mehr nur zusehen. Das strahlende Licht hat seinen Glanz eingebüßt und ist verrottet. Und trotzdem folgen die Menschen ihnen, wie Motten dem Feuer in der Nacht. Öffne deine Augen Gesegnete! Du hast erkannt, dass dein Volk den falschen Weg eingeschlagen hat, aber die Menschen haben breitwillig ihre Rolle akzeptiert!“
„Und deswegen ist es besser sich ihrer zu entledigen? Oh Hüter der ewigen Quelle, du bist gefallen! Sie wissen nicht, was sie tun. Selbst ihr, die ältesten und weisesten Wesen dieser Welt, wisst nicht, wie es das fahle Licht schafft, sich ihrer zu bedienen! Sie zu richten, steht euch nicht zu!“, brauste die Magierin nicht weniger wütend auf. Und sie schien damit etwas bewirkt zu haben. Eine gespannte Stille kehrte zwischen den beiden ein und ich schaute langsam zu der Magierin auf. Mit einem Schlucken stellt ich fest, dass sie dem Dämon direkt in die Augen sah. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Was, wenn der Dämon gerade das Gleiche versuchte, wie mit mir? Was, wenn das Ungetüm sie irgendwie außer Gefecht setzen würde? Doch dann stieß sie plötzlich ein erschöpftes Seufzen aus und verlagerte ihr Gewicht ein Stückchen auf den Dreizack. Ich wollt noch gefragt haben, ob alles in Ordnung sei, allerdings wurde ich davon abgelenkt, wie sich das Netz aus Wasserfäden langsam auflöste. Mit gemischten Gefühlen beobachtete ich den massigen Leib des Dämons, der sich langsam auf unser Boot zubewegte. Panisch wanderte mein Blick zurück zur Magierin, doch sie schenkte mir nur ein erschöpftes, aber selbstsicheres Lächeln. Dann stupste das Wesen das kleine Boot mit der Schnauze an und plötzlich fing mein linkes Auge erneut an zu jucken. Reflexartig presste ich die Hand auf die Augenklappe und starrte entgeistert zum Dämon. Dieser fixierte mich ein letztes Mal mit seinen unergründlichen Augen und tauchte dann ohne Vorwarnung ab. Ein paar Bläschen verrieten noch seine Anwesenheit, doch dann war er endgültig verschwunden. Auch der Wellengang hatte sich beruhigt und nach einigen Momenten, in denen ich nur das friedliche Rauschen des Meeres hörte, wandte ich mich langsam der Magierin zu.
Sie begegnete mir mit einem Blick, aus dem ich Zufriedenheit, als auch Mitleid herauslesen konnte. Zögernd fragte ich: „Was bei den sieben, verfluchten, Heiligen war das?“
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Re: Im Auge des Sehers
« Antwort #3 am: Dezember 28, 2010, 11:07:10 Nachmittag »
>4<
Im Auge der Veränderung

„Was das war?“, echote die Magierin erschöpft schmunzelnd, während sie mich ruhig mit ihren azurblauen Augen musterte. Ich versuchte meine Unsicherheit zu überspielen und erwiderte mit gespielter Wut: „Ganz genau! Ich will wisse, was hier geschehen ist! Wer bist du? Und…“, doch dann verstummte ich. Ein schwacher, aber plötzlicher Ruck hatte das Boot in Bewegung gesetzt. Ungläubig beobachtete ich, wie es geradewegs auf die östliche Küste zuhielt. Es kehrte nicht zurück zu der Stadt. Verwirrt schaute ich wieder zur Magierin, doch sie lächelte nur schweigend vor sich hin. Meine Wut verlor ihren gespielten Charakter und ich fuhr sie ungehalten an: „Was geht hier vor? Wohin fährt dieses verfluchte Boot, Magierin?!“ „Beruhig dich doch erst einmal, Junge.“, meinte die Frau sanft und ließ sie sich dann vorsichtig auf der Reling nieder, wobei sie ihren Dreizack noch immer als Stütze benutzte. Nach einem widerwilligen Zögern folgte ich schließlich ihrer Aufforderung und setzte mich vor ihr auf die alten Bretter. Erwartungsvoll fixierte und beobachtete ich sie. Und erkannte, dass ich sie wohl kaum drängen konnte. Ihre Haut war vorher schon sehr hell gewesen, doch nun glich ihr Gesicht einer verschneiten Blumenwiese. Ein Hauch von Mitleid, wie auch von Schuld zog leicht an meinem Gewissen vorbei. Seufzend zügelte ich also meine Ungeduld und wartete, bis sie mit leiser Stimme anfing zu sprechen: „Du hast etwas gesehen, dass du nicht hättest sehen sollen.“ Etwas an ihrer klaren, sanften Stimme schaffte es mich zu beruhigen. Doch als ich den Sinn ihre Worte begriff, wanderte meine Hand unwillkürlich zu meiner Augenklappe und ich erwiderte gleichgültig: „Das ist für mich nun wirklich nichts Neues…“ Ich verstummte und es entstand eine Pause, in der ich ungebetene Erinnerungen in eine versteckte Ecke meines Bewusstseins zurückscheuchte. Dann fasste ich sie wieder in den Blick. „Also? Was ist hier los?“
Doch ihre Antwort bestand zuerst nur aus einem schwachen Kopfschütteln. „Du wärst beinahe ein Opfer eines unheiligen Kriegs geworden.“ Sie machte eine Pause, in der sie mich mit ihrem klaren Blick fixierte. „Junge, mehr kann ich dir nicht sagen. Für dein, wie auch für mein Heil, ist es besser, dass du vorerst unwissend bleibst. Denn bevor du eingeweiht werden kannst, müssen ein paar wichtige Fragen geklärt werden. Doch leider liegt deren Antwort in der Zeit. Also gedulde dich.“ Zähneknirschend hörte ich ihr zu. Ihre Erklärungen stellten mich nicht zufrieden. Ganz im Gegenteil. Sie wollten mir absolut nicht gefallen! Trotzdem sah ich ein, dass sie mir die Gründe für diesen Kampf wohl nicht offenbaren würde. Und ein kleiner Teil in mir wollte es auch gar nicht wissen. Dennoch hinterließ meine Unwissenheit einen bitteren Nachgeschmack und ich wünschte mir, ich hätte die Augenklappe abgenommen. Vielleicht hätte ich dann etwas gesehen, dass mir die Situation hätte erklären können.

Doch bevor ich weiter darüber sinnieren konnte, schlug eine kleine Welle seitlich gegen das Boot und das sanfte Schaukeln lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf das Meer. Unruhig betrachtete ich die immer kleiner werdende Stadt und plötzlich hallten die vorherigen Worte der Magier mahnend durch meinen Geist. »Doch leider liegt deren Antwort in der Zeit. Also gedulde dich.«
Geschockt fuhr ich zu ihr herum. „Was hast du mit mir vor?“ Die Magierin lächelte jedoch nur und erklärte seufzend: „Ich habe doch schon gesagt, dass ich dir nichts tun werde. Ich bringe dich sogar in Sicherheit! Die Bewohner sind alle auf der Suche nach dir, oder? Und sie haben sich nicht so angehört, als wollen sie schöne Dinge mit dir anstellen.“ Wütend biss ich mir auf die Unterlippe. Ich wusste, dass sie Recht hatte. Ja, verdammt es war offensichtlich, dass es so war. Aber trotzdem bäumte sich der Widerwillen in mir auf.
Da fingen die Augen der Magierin plötzlich an zu glänzen und sie beugte sich mit einem leisen Kichern ein wenig zu mir herüber. „Sag bloß du hast eine kleine Seherin, die auf dich wartet? Jaja, Jugend ist etwas Schönes, wenn man verliebt ist, ist es einem egal, was die anderen denken, nicht wahr?“, flüsterte sie fröhlich und musterte dabei mein Gesicht mit schon fast beunruhigender Aufmerksamkeit. „Glaubst du wirklich, dass ich noch hier wäre, wenn du Recht hättest?“, brummte ich und starrte dabei zum Hafen. Hilflos ballten sich meine Fäuste und ratlos öffneten sie sich wieder. Verblüfft fragte die Magierin dann: „Stimmt, nach deinem grimmigen Blick zu urteilen, wärst du wahrscheinlich ins Wasser gesprungen, sobald das Boot sich in Bewegung gesetzt hat. Aber was hält dich dann an diesem Ort? Sag bloß du hast dort normale Freunde gefunden?“
Ich antwortete nicht und eine kühle Stille breitete sich zwischen uns aus. Es war eine trügerische Ruhe. Meine Gedanken rasten, mein Gewissen klagte mich der Feigheit und Hilflosigkeit an. Niemals hätte ich erwartet, dass mich so etwas aus der Stadt reißen würde. Bis jetzt konnte ich immer irgendwie fliehen, mich in Sicherheit bringen und solange warten, bis sich die Wogen der Wut wieder beruhigt hatten. Doch jetzt war es anders. Ich war gefangen. Weder konnte ich fliehen, noch konnte ich mich verstecken. Und kämpfen? Da hätte ich auch gleich Selbstmord begehen können. Zu sehen, was mich umbringen würde, würde nichts an meinem Tod ändern. Ich war einfach machtlos.
Schließlich entschlüpfte meiner Kehle ein resignierendes Seufzen und ich sackte kraftlos zusammen. Ich suchte den sanften Blick der Magierin und antwortete: „Erinnerungen. Nichts weiter…. Nur Erinnerungen…“, »und ein Versprechen…« fügte ich in Gedanken hinzu. „Jetzt machst du mich neugierig. Sind es vielleicht Gedanken an eine frühere Liebe?“ Mein Blick wurde wieder kühler, tadelnd. „Führst du eigentlich alles auf den gleichen Grund zurück?“ „Warum denn nicht? Wenn man jung ist, glaubt man noch, dass die Gefühle Berge versetzen und Wunder geschehen lassen können. Liebe ist ein guter Grund, kleiner Mann. Aber was ist nun? Wenn es sie nicht ist, was ist es dann?“ Erneut seufzte ich. Diese Frau war mir wirklich zu neugierig. „Das geht dich nichts an.“, erwiderte ich kühl. Einen Moment lang starrten wir uns gegenseitig in Augen, versuchten uns zu lesen und die Gedanken des Anderen zu ergründen. Doch plötzlich zog sie einen kindlichen Schmollmund und murmelte: „Spielverderber… Und ich dachte ich hätte da einen interessanten Zeitgenossen aufgegabelt.“ „Tut mir wirklich fürchterlich Leid, dass ich mich mit dieser Situation nicht sofort anfreunden kann und dir nicht gleich meine ganze Lebensgeschichte erzähle, hochverehrte Magierin.“, gab ich bissig zurück. Ich konnte diese Frau einfach nicht einschätzen. Abgesehen davon, dass sie nicht zu dem Bild, das ich mir von Magiern gemacht habe, passte, wurde ich aus ihrem Verhalten nicht schlau. Zuerst rettet sie mich. Dann will sie mich nicht gehen lassen, will mir aber auch nicht schaden. Sie entführt mich, benutzt aber mein eigenes Wohl als Begründung. Was war ihr Ziel?
„Da anscheinend kein Weg darum herum führt, dass wir die nächste Zeit wohl zusammen verbringen werden, solltest mir wohl deinen Namen sagen. Ich habe keine Lust dich immer mit Magiern anzusprechen.“ Sie lächelte und erwiderte: „Oha du bist ja doch interessant. Nur damit du es weißt, ich bin viel älter, als ich aussehe, also mach dir erst keine Hoffnung, mein kleiner Seher.“ Mein Mundwinkel zuckte genervt und ohne darüber nachzudenken gab ich bissig zurück: „Könntest du deinen Frust darüber, noch nie einen gescheiten Geliebten gehabt zu haben, bitte nicht an mir auslassen? Ich halte nicht viel davon Opfer deiner seltsamen Fantasien zu werden.“ Doch leider erzielte ich damit nicht die Wirkung, die ich mir gewünscht hatte. Anstatt mich böse zu mustern, sich zu verteidigen, oder sonst irgendwie aus ihrem Verhaltensmuster zu fallen, fing sie an zu kichern und sah mich amüsiert an. Ich schnalzte genervt mit meiner Zunge und wandte meinen Blick wieder dem Meer zu. Doch dann verstummte das Kichern und sie sagte in einem versöhnlichen Ton: „Meine Name ist Misu, ich bin erfreut dich kennenzulernen, junger Seher.“ Überrascht sah ich sie an und rang mich ebenfalls zu einem Lächeln durch. „Na also.“, meinte ich, „Und ich bin nicht der junge Seher, sondern Rahsol.“
« Letzte Änderung: Februar 01, 2011, 09:47:57 Nachmittag von Ryoki »
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Re: Im Auge des Sehers
« Antwort #4 am: Januar 10, 2011, 11:38:58 Nachmittag »
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Im Auge der Ankunft

„Und wo soll die Reise uns hinbringen?“, fragte ich Misu, die mich die ganze Zeit nicht einmal aus den Augen gelassen hat. „Es ist verständlich, dass du das wissen willst, aber ich muss leider sagen, dass es zu den Sachen gehört, die ich dir noch nicht sagen kann.“, erwiderte sie. Missbilligend schnalzte ich mit der Zunge. „Gibt’s einen Zwischenstopp?“, bohrte ich weiter nach. Amüsiert lächelte sie und meinte: „Natürlich…“, sie deutete mit der Spitze ihres Dreizacks auf eine kleine Landzunge vor uns, entlang der sich ein kleines Gebirge bis weit in das Innenland zog, „Hinter der Landzunge liegt gleich die nächste Stadt. Dort werden wir von diesem unbequemen, kleinen Bötchen absteigen und uns eine Überfahrt auf einem etwas größeren Schiff besorgen.“ „Huh… Verlassen wir den Kontinent?“ „Genau. Bist du schon gespannt, was dich erwartet? Ich wette du bist jetzt nur sehr wenig herumgekommen, oder?“, fragte sie interessiert nach, während das kleine Boot durch unsichtbare Ströme auf dem Kurs zur Stadt gehalten wurde. Langsam nickte ich. „Solange ich mich erinnern kann, habe ich in Salorth gelebt. Zwar gab es immer wieder Möglichkeiten Händler und Barden zu belauschen, während sie über die anderen Städte und Kontinente geredet haben, aber wirklich ergiebig waren die Informationen aber auch nicht.“ „Und? Freust du dich, etwas Neues zu sehen?“, sie beugte sich wieder ein Stückchen vor und musterte mich genauer. Ich erwiderte ihren Blick, schloss dann aber die Augen und seufzte resignierend. Gegen die Neugierde dieser Frau kam ich einfach nicht an. Schließlich öffnete ich sie wieder und blickte in Richtung des Gebirges. Dann meinte ich leise: „Ja, das tue ich.“ „Hm… Dann verstehe ich nicht, was für Erinnerungen sind, die doch an diesen Ort gebunden haben… Ich mein die Gegend um Salorth ist nun wirklich nicht so gefährlich. Du hättest ohne Probleme auf Wanderschaft gehen können.“
Abweisend erwiderte ich ihren Blick und antwortete: „Erstens ist die Gegend für einen Seher sehr viel gefährlicher, als du es dir vorstellen kannst. Und zweitens gehen dich diese Erinnerungen nichts an. Egal wie oft du mich fragst und egal wie sehr du mich nervst, das wirst du nicht erfahren.“ „Unfair… Du weißt, dass es für dich schwierig sein wird eine Frau zu finden, wenn du ihrem Interesse an dir mit solchen Antworten begegnest? Du hast noch viel zu lernen, Junge.“, schmollte sie mit einem frechen Funkeln in ihren Augen.
Unbeeindruckt gab ich zurück: „Sollte dich das überhaupt interessieren? Du bist ja schließlich zu alt für mich, nicht wahr?“ Sie kniff die Augen kaum merklich zusammen und meinte dann, noch immer schmollend: „Ich habe nur versucht dir einen Rat fürs Leben zu geben. Du könntest ruhig ein wenig dankbarer sein.“ „Jaja… Ich bin es nur nicht gewohnt, dass sich jemand derart in mein Leben einmischt.“, erwiderte ich zögernd und erwiderte erneut ihren Blick.
Und sehr zu meiner Überraschung packte sie ihren Dreizack in das untere Ende des Boots, wo er nicht störte, legte sich halb auf die Reling und meinte zu mir lächelnd, während sie den Himmel betrachtete: „Lass dir Zeit. Auch wenn du noch skeptisch bist, behaupte ich, dass es leicht mit mir auszuhalten ist, dass der Ort, an den ich dich bringen werde, sicher ist und dass dein Leben in keiner unmittelbaren Gefahr schwebt. Zumindest nicht mehr. Du stehst jetzt unter meinem Schutz und kannst dich damit brüsten eine Magierin zu kennen.“, dann drehte sie sich zu mir herum und zwinkerte mir zu, „Allein mein Wort hat schon mehrmals die Meinung eines Königs oder Feldherren geändert. Du kannst mir also deine Sicherheit anvertrauen.“
Misstrauisch musterte ich Misu. Noch nie hat ein Mensch so mit mir gesprochen, noch nie wurde ich gebeten zu vertrauen. Verwirrt rieb ich mir die Schläfe und antwortete müde: „Nun gut. Ich nehme dich beim Wort und werde deinen Stand zu meinem Schutz benutzen. Aber bitte erwarte nicht, dass ich allein auf dich und deinen Namen vertraue.“, ich ballte die Fäuste, als unangenehme Erinnerungen in mir hochkamen, „Ich habe mein Leben lang schon auf meine eigene Weise für mein Überleben gesorgt. Und selbst mit deinem Schutz werde ich mich weiterhin auf mich selbst verlassen.“
Darauf murmelte sie plötzlich leise zu sich selbst: „Ich hatte doch Recht…“ Es folgte ein leises, abwesendes Kichern, doch ich wurde neugierig: „Ach? Und womit hattest du Recht? Dass du wirklich zu alt für mich bist?“
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, den ich nicht deuten konnte und erwiderte nach kurzem Schweigen: „Nein, das meinte ich nicht… Vielmehr hatte ich doch damit Recht, einen interessanten Weggefährten aufgegabelt zu haben.“ Dieser Satz brachte das Fass in mir zum Überlaufen. „Interessant?“, echote ich verblüfft und blinzelte sie verständnislos an. Und dann brach es durch. Die Absurdität dieser Entwicklung erzeugte eine Lachattacke, wie ich sie noch nie gespürt hatte. Schon nach kurzer Zeit schmerzten meine Bauchmuskeln, die Tränen traten mir in die Augen und ich verlor den Sinn für meine Umgebung, schaltete das erste Mal in meinem Leben einfach ab. So als, könne mir nichts passieren. Als wäre ich in Sicherheit.
Der Lachkrampf entließ mich langsam aus seinen, zugleich erlösenden und quälenden, Klauen, ich öffnete die Augen und starrte den blauen, mit weißen Wolken getupften, Himmel an. Dann schob sich langsam der Kopf von Misu in mein Blickfeld, die mich nur irritiert und breit grinsend musterte. Langsam schüttelte sie den Kopf, lachte einmal verhalten für sich selbst, ließ sich neben mir auf den Brettern nieder, lehnte sich an die Reling und schaute entspannt der Landzunge entgegen. Ich dagegen blieb liegen und musterte weiterhin die lebendigen Formen der Wolken. Meine Gedanken kreisten ohne zu einem Ergebnis zu kommen, irgendwann erschöpften sie und ehe ich es merkte, übertrug sich ihre Müdigkeit auf meinen Körper. Die Augen fielen mir zu und ich fiel in einen leichten, aber erholsamen Schlaf.

Ich erwachte, als jemand sanft an meiner Schulter rüttelte. Blinzelnd öffnete ich die Augen und blickte in Misus strahlendes Gesicht. „Wir sind da flötete sie.“, flötete sie und ihr Kopf verschwand aus meinem Sichtfeld, weshalb ich den Himmel betrachten konnte. Ungerührt nahm ich zur Kenntnis, dass es bereits tiefe Nacht war. Ein Meer aus Sternen glitzerte über meinem Kopf sorgenlos vor sich hin. Das Boot schaukelte sanft auf den kleinen Wellen, die leise gegen den Bug plätscherten, während der Mond uns der Mond sein silbriges Licht spendete. Nie hätte ich gedacht, dass meine Entführung einmal so friedlich verlaufen würde.

Langsam richtete ich mich auf, blinzelte noch ein paar Mal und sah mich um. Misu saß direkt neben mir und lächelte mich müde, aber verspielt an. Ich wurde misstrauisch und bevor ich meine Umgebung in Augenschein nahm, blickte ich prüfend an mir herab. Aber alles war, so wie es sein sollte. Trotzdem warf ich ihr noch einen misstrauischen Blick zu, den sie aber nur mit einem leisen Kichern quittierte. Einmal mehr fragte ich mich, was nur in ihrem hübschen, aber wirren Köpfchen vorging. Dann schüttelte ich jedoch den Kopf und schickte meinen Blick auf Wanderschaft. Die Nacht war, dank der so gut wie wolkenlosen Nacht, hell genug, um die grobe Landschaft zu erkennen. Wir befanden uns ein gutes Stück hinter der Landzunge. Hinter dem Ufer auf unserer Höhe erhoben sich die Vorläufer eines mächtigen Gebirges, dessen Höhe mir kurz den Atem stocken ließ. Ich hatte die Berge von Salorth aus zwar deutlich erkennen können, aber jetzt, wo ich sie mehr oder weniger aus der Nähe betrachten konnte wirkten sie wie Ungeheuer, Monster der Natur, die ein Passieren mit all ihren Kräften verhindern würden. Von einer unerklärlichen Ehrfurcht ergriffen verharrte mein Blick noch für einen Moment, wanderte aber schließlich wieder weiter und richtete sich in die Fahrtrichtung des kleinen Boots. Vor uns öffnete sich Land und gab eine gewaltige Bucht frei, die mit beeindruckenden Bauten von den Menschen in Besitz genommen wurde. Ein Hafen, riesiger als ich ihn mir hätte vorstellen können, lag vor uns. Noch konnte ich wegen der Entfernung nicht alles erkennen, aber es war schon jetzt klar, dass er mindestens dreimal so groß war, wie derjenige in Salorth. Unwillkürlich stieß ich ein beeindrucktes Pfeifen aus, was Misu als Anlass nahm mich aus meinem Staunen zu reißen.
„Das ist Mirat, die wichtigste Hafen und zugleich Bergbaustadt des ularischen Reiches.“, erklärte sie mit einem unterdrückten Gähnen, wobei sie mich aber nicht aus den Augen ließ. Ich antwortete nicht, sondern erwiderte nur nachdenklichen ihren Blick. Meine Lebensgeister wurden langsam wieder munter, wobei mir die Müdigkeit noch immer in den Knochen saß. Jedoch war dies genau der Punkt, der mich nachdenklich stimmte und Misu regte meine Gedanken unbewusst noch weiter an, in dem sie fragte: „Hast du gut geschlafen, Rahsol?“ „Hmm“, brummte ich und musterte sie.
Reichten wirklich ein paar süße Worte, um mich so sehr in Sicherheit zu wiegen, dass ich neben einer völlig fremden Person einschlafe? Wo war das Misstrauen, die Angst, der Sinn zur Vorsicht hin, der solange mein Überleben garantiert hat?

„Das ist wohl ein Ja, oder?“, schmunzelte sie, „Jedenfalls sahst du so aus. Ach und du bist übrigens richtig niedlich, während du schläfst.“

Diese Person war eine Magierin, die mich innerhalb von einem Wimpernschlag zu Staub zermalmen könnte. Ich habe etwas mitangesehen, dass ich nicht sehen sollte. Sie konnte sich nicht sicher sein, dass ich nicht bei der ersten Gelegenheit versuchen würde zu fliehen. Warum kümmerte es mich so wenig? Wieso spürte ich dieses zaghafte Vertrauen, das sich langsam in meiner Brust ausbreitete?

„Mädchen lieben so etwas! Insbesondere, da du auch nicht Gefahr läufst sie mit deinem Schnarchen aus dem Bett zu vertreiben… Du schliefst so friedlich, wie ein kleines Kind. Einfach zum Knuddeln!“, schwärmte sie mit diesem frech verspielten Funkeln in den Augen.

 „Jaja, wie auch immer… Du bist zu alt, als dass ich dir bei so etwas noch glauben könnte…“ Diesmal fing ich mir einen bösen Blick ein, aber ich fuhr fort, „Ich nehme an, dieses Mirat ist unser Zwischenstopp?“, murmelte ich, gähnend und ging nicht weiter auf ihre Ausführungen über mein potentielles Liebesleben ein. „Ganz genau, aber mach ja keine Dummheiten. In Makat werden schon kleine Verbrecher sehr hart bestraft.“, erwiderte sie mit einem seltsamen Unterton. Ich schnaubte. Für was hielt sie mich? Einen diebischen Triebtäter? Zugegeben als Straßenkind musste man klauen, um zu überleben, aber das hieß noch lange nicht, dass ich mich nicht zurückhalten konnte. Außerdem nahm man sich schließlich nur so viel, wie man auch brauchte. Wobei ab und zu mal die Abneigung gegen meine Peiniger die Menge beeinflusste… Nun gut, eigentlich tat sie es immer… Es war immerhin eine meiner wenigen Möglichkeiten den arroganten und dummen Menschen eins auszuwischen. Trotzdem kratzte ihre Warnung an meinem Ego. Auch wenn sie vielleicht nicht unberechtigt war…

„Schon gut, schon gut. Ich werde mich nicht unnötig in Schwierigkeiten bringen.“, murmelte ich, wobei ich es vermied sie anzusehen. Sie lachte verhalten und nickte, „Dann ist gut. Du bist ein braver Junge.“ Ich strafte sie mit einem kühlen Blick, schwieg aber und richtete meine Aufmerksamkeit auf das näherkommende Ufer. Irgendwie freute ich mich. Ein Bett und eine warme Mahlzeit waren für mich durchaus äußerst freudige Aussichten. Insbesondere da ich nichts davon klauen müsste.

Der Rest der Fahrt verlief so schweigend, wie ereignislos. Nach weniger als einer Stunde trafen wir im Hafen ein, der aus der Nähe noch beeindruckender war, als aus der Ferne. Selbst mitten in der Nacht herrschte hier noch ein halbwegs reges Treiben. Ladungen wurden auf Schiffe verfrachtet, vermummte Gestalten huschten zwischen den verschiedenen Lagerhäusern hin und her und Wachen sorgten herrisch für Ordnung unter den betrunkenen Seemänner, die aus einer nahgelegenen Schenke getorkelt kamen. Mit einem schnellen Zauber ließ Misu das Boot aus dem Hafen treiben und bedeutete mir zu folgen. Die Wachen beäugten uns misstrauisch, ließen uns aber gewähren. Wahrscheinlich hatten wir das Misus Erscheinung zu verdanken. Man konnte zwar nicht erkennen, dass sie unglaublich mächtig war, aber dass sie reich war, wurde deutlich genug. Und wer reich war, der war entweder so gefährlich, dass ihn einfache Wachen nicht belästigen sollten, oder ein Bürger aus gutem Haus. Deswegen war es für mich auch ziemlich klar, dass ich der Grund für das Misstrauen und die argwöhnischen Blicke war. Was machte eine Person, wie Misu in Begleitung eines Streuners, wie mir? Allein das war schon äußerst ungewöhnlich. Aber ich ließ mich nicht daran stören und lenkte meine Aufmerksamkeit lieber auf das sich verändernde Bild der Stadt.
Die mächtigen Lagerhäuser und Hafenbauten wichen und machten Platz für elegantere, aber genauso beeindruckende Steinhäuser. Oder sollte ich besser sagen kleine Villen? Die Straßen, über die mich Misu zielstrebig führte, waren sorgfältig befestigt und zeugten von dem Reichtum der Stadt.
Nach einiger Zeit kamen wir schließlich vor einem Gebäude stehen, das sich von in seiner Größe und Sauberkeit deutlich von dem Rest seiner Umgebung abhob.
„Da wären wir.“, erklärte Misu zufrieden und lächelte mir zu. „Na dann bin ich mal gespannt.“, meinte ich und wollte das Haus betreten. Doch bevor ich auch nur einen Schritt machen konnte, traf mich das runde, metallene Ende des Dreizacks mit einem dumpfen „Dong“ am Hinterkopf. Ich fluchte vor Schmerz, sprang ein paar Schritte vor und rieb mir die pochende Stelle. „Wofür war das denn bitte?“ Sie lächelte unschuldig, kam näher und bohrte mir sanft den Finger in die Brust: „Ich habe nicht einplanen können, dass ich dich mitversorgen muss…“ Das entlockte mir ein leises Lachen und ich erwiderte unterbrechend: „Tschuldige, aber ich habe nie auch nur mit einem Wort gefordert, dass du für mich aufkommen sollst.“ „Aber das versteht sich doch von selbst.“, antwortete sie entrüstet, bohrte mit ihrem Finger weiter und schob mich dadurch ein paar Schritte rückwärts vor sich her, bis ich schließlich mit dem Rücken an der Wand stand. „Und da gibt es auch keine Widerrede. Sobald wir drinnen sind wirst du auch ein Bad nehmen, damit du endlich diesen Schweißgeruch los wirst und morgen werden wir dir erst einmal ein paar vernünftige Klamotten und vielleicht sogar eine Waffe beschaffen.“ Verdutzt starrte ich sie an. Sie meinte das wirklich ernst. Und in ihrer anderen Hand lag noch immer der Dreizack, dessen runde Ende förmlich nach meinem Hinterkopf lechzte. „In Ordnung.“, brummte ich schließlich teils ungläubig, misstrauisch und dankbar. Ich würde es nicht eher glauben, als dass sie ihre Worte in Taten umgesetzt hatte. „Gut.“, meinte sie schließlich, doch sie nahm ihren Finger nicht von meiner Brust, sondern verlieh ihm sogar noch ein wenig mehr Nachdruck, „Übrigens… Das hat mich schon die ganze Zeit über geärgert… Ich habe zwar gesagt, dass ich zu alt für dich bin, aber das heißt noch lange nicht, dass ich alt bin, du Grünschnabel. Haben wir uns da verstanden?“ Ein breites Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen, trotzdem nickte ich langsam. Sobald sie ihren bohrenden Finger entfernt hatte und mich zufrieden anlächelte, drehte ich mich um und murmelte gerade so laut, dass sie erahnen konnte, was ich sagte: „Alte Hexe…“
„Rahsol?! Was hast du da gesagt?“ „Bitte? Du musst dich verhört haben. Das war der Wind.“ „Undankbarer, kleiner…“
« Letzte Änderung: Februar 08, 2011, 09:55:43 Nachmittag von Ryoki »
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