Autor Thema: Textprobe zu -Die verbotene Prophezeiung-  (Gelesen 70 mal)

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Offline Saturngirl

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Textprobe zu -Die verbotene Prophezeiung-
« am: September 03, 2011, 02:40:07 Nachmittag »
Hallo meine Lieben,

ich hätte gerne eure Meinung zu einer Textprobe, die ich gerne an Verlage raus schicken würde. Sie besteht aus zwei Kapiteln.
Sie sollte ansprechend und interessant sein, dass der Verlag sich auch den Rest des Manuskripts ansieht.

Einen Diskussionsbereich dazu gibt es hier: http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/textprobe-die-verbotene-prophezeiung/new/#new

Bitte lest erst beide Kapitel, bevor ihr kommentiert. Danke.

Ein paar Vorabinformationen:
hierbei handelt es sich um einen Roman, den ich mit meinem besten Freund zusammengeschrieben habe. Kapitelweise wechselt die Ich-Person von Jonathan zu Lymle und wieder Jonathan. Dies wird auch in der Kapitelüberschrift angedeutet.
Es geht in dem Roman um eine Prophezeiung, die die Stadt Malan in Angst und Schrecken versetzt. Die beiden Hauptcharaktere Jonathan und Lymle werden immer mehr in die Geschehnisse rund um die Prophezeiung verstrickt.

Die Textprobe ist noch recht am Anfang, Kapitel 3 + 4. Der Roman umfasst einen Prolog und 80 knackige Kapitel.

Liebe Grüße
Saturngirl
« Letzte Änderung: September 03, 2011, 04:13:11 Nachmittag von Saturngirl »
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Re: Textprobe zu -Die verbotene Prophezeiung-
« Antwort #1 am: September 03, 2011, 02:40:50 Nachmittag »

Kapitel 3 | Jonathan
-Flucht-

Mist! Die Stadtwachen kamen genau zum falschen Zeitpunkt. Ich war eben erst auf dem Platz angekommen, da hatten sie mich schon eingeholt. Es waren mindestens fünf, also war schon Verstärkung eingetroffen.
Ich hätte auf meinem kleinen Streifzug besser aufpassen müssen. Ich war wieder einmal durch die dunklen Gassen geschlichen und hatte nach offenen Fenstern gesucht, um meine Taschen zu füllen und die der Reichen zu leeren. Ich konnte es nicht ertragen, wie die Menschen in dieser Stadt in zwei Gruppen geteilt waren: Die Reichen, meist Magier, Technomanten und Händler, und die Armen, die kaum mehr hatten, als ein Dach über dem Kopf. Doch selbst das gehörte meist einem Reichen, der viele Häuser gekauft hatte und sie nun zu Wucherpreisen vermietete.
Schon früh war ich von meinen Eltern so erzogen worden, mich nicht unterdrücken zu lassen. Sie waren Magier gewesen, die den Armen halfen, sie in der Not heilten und auch immer wieder mit Geld unterstützten. Doch dafür hatte man sie gehasst und sie hatten sich zu viele mächtige Feinde gemacht. Nun waren sie tot. Eines Tages waren sie vom jährlichen Mondfest nicht zurückgekehrt.
Sie waren ermordet worden, so hatte man mir erzählt. Ich hatte nicht viele Erinnerungen an meine Kindheit, und die wenigen, die ich behalten hatte, waren mehr das Gefühl, dass sie anständige Menschen gewesen waren. Ich hatte keine Bilder mehr von ihnen.
Ihre Mörder waren nie gefasst worden. Sobald ich meine Ausbildung beendet hatte, würde ich sie suchen und zur Rechenschaft ziehen!
Seit dem Tag nahm ich es in meine Hand, die Wehrlosen zu unterstützen. Ich ging auf Streifzüge durch die Villen der Reichen und suchte nach Gegenständen, die sie nicht sofort vermissen würden, wie kleinere Geldbeträge und Wertgegenstände, doch oft einfach nur Nahrung.
Es konnte ja nicht immer gut gehen und so wurde ich heute von einer Wache entdeckt, als ich unachtsam aus einer Villa kletterte. Auf meiner Flucht bis hier her waren sie immer mehr geworden und ab und zu schrillten Pfiffe durch die Luft, um nach weiterer Verstärkung zu rufen.
Die Wachen waren sehr aufmerksam in den letzten Nächten. Etwas war im Gange, wovon der normale Bürger noch nichts wusste.
Ich drängte mich durch die Menschenmenge und die Wachen schwärmten aus, um mich auf dem Platz einzukreisen. Die Menge wurde langsam unruhig, als sie die bewaffneten Wachen bemerkte. Ich war mir sicher, für einen Moment meine Ruhe zu haben und nutzte die Gelegenheit, um mich zu erholen. Die Wachen würden noch ein paar Minuten brauchen, um mich zu entdecken, aber ich brauchte auch dringend eine Pause.
Ich blickte mich auf dem Platz um und erkannte erst jetzt, wo ich gelandet war: Es war der Übungsplatz der Künstler. Hier trainierten alle Akrobaten, Tänzer und manchmal sogar Zauberer ihre Stücke, bevor sie diese in Wettbewerben zeigten. Die Stimmung des Publikums hier war ein sehr guter Indikator für die Qualität des Stückes. Ich sah einen berauschenden Tanz und in den wehenden Lichtern meinte ich, ein bekanntes Gesicht zu erkennen. War das etwa Lymle?
Ich stockte kurz und wie durch einen Zauber trafen sich unsere Blicke. Es war bezaubernd. Mir blieb für einen Moment die Luft weg. Auch Lymle schien abgelenkt zu sein und starrte mich etwas länger an, als normal gewesen wäre. Doch dann beendete sie ihren Tanz in einem Funkenregen. Sie hatte offensichtlich die Stadtwachen bemerkt und wurde unruhig. Sie warf noch eine Kusshand in das Publikum, doch ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie sie recht zielsicher in meine Richtung geworfen hatte. Mit einem schnellen Schritt wand sie sich um und sprang in zwei Sätzen über ein paar Kisten auf ein Hausdach im Hintergrund und verschwand in der Nacht.
Ich hatte jetzt keine Zeit, mir deswegen den Kopf zu zerbrechen, warum sie vor den Stadtwachen geflohen war und folgte der Masse. Die Menschen waren dabei, den Platz zu verlassen. Ich wählte den schnellsten Weg durch die Menge und gelangte so in eine Gasse, die ich noch nicht kannte. Ohne zurückzuschauen rannte ich durch die Dunkelheit.
Die Wachen waren mit Sicherheit noch auf meiner Spur. Meine Beine trugen mich weiter in die dunkle Stadt hinein. Nur hier und da waren magische Lichter angebracht, die jede Nacht die Straßen beleuchteten. Die Nacht war noch warm von dem sonnigen Tag und keine Wolken verdeckten die Sterne. Es war wie eine große Blumenwiese bei Nacht, auf der vereinzelt Glühwürmchen leuchteten. Auch heute Nacht waren die Sterne so hell, dass man schon einen Schatten warf. Jedes Jahr um das Lichterfest herum, bekamen die Sterne eine ganz besondere Leuchtkraft. Doch leider hatte ich wenig Zeit, diesen Anblick zu genießen.
Hinter mir erklangen erneut die wilden Rufe der Wachen, die nun erschreckend nahe waren. Ich bog um eine weitere Häuserecke und brachte mich so aus ihrem direkten Sichtfeld, doch sie mussten mich gesehen haben, denn kurz darauf kamen auch sie um die Ecke gebogen und kamen langsam aber sicher näher.
Ich war nun im Handwerkerviertel angekommen und die Gebäude glichen nun mehr und mehr großen Werkstätten, in denen Dampf betriebene Ungeheuer und wundersame Maschinen gebaut wurden.
Ich konnte mich bis heute nicht so recht mit den rätselhaften Gebilden und Erfindungen der Technomanten anfreunden, zu fremdartig und neu waren sie. Doch ich wusste auch ihren Nutzen zu würdigen. Es gab Geräte, die einen ohne Zauber fliegen lassen konnten oder Geräte, die einen vor den Zauberangriffen in einem Kampf schützen konnten.
Die Stadtwache war zum Teil mit Waffen der Technomanten ausgerüstet und damit um einiges gefährlicher geworden. Seit ihrer Einführung wurden angeblich nur noch halb so viele Verbrechen verübt. Doch waren da auch Geschichten, die von der wahren Gefährlichkeit berichteten, von schrecklichen Wunden, die ihre Waffen rissen, die normale Zauber nicht zu heilen vermochten, weil sie bis tief in den Körper reichten und das Blut vergifteten.
Trotzdem waren es nicht nur erschreckende Erfindungen, sondern es wurden auch viele nützliche Gegenstände entwickelt. Es gab für fast jeden Zauber einen Gegenstand, der einem Nichtzauberer dieselben Fähigkeiten verleihen konnte.
Wieder tauchten die Wachen hinter mir auf. Wie schafften sie es nur, so hartnäckig meiner Spur zu folgen? Ich war langsam außer Atem und würde nicht mehr weit kommen, ohne eine Pause einzulegen. Es würde zu einem Kampf kommen, früher oder später. Besser ich wählte den Ort und die Zeit, ehe ich keine Wahl mehr hatte. Doch hier in der Gegend kannte ich mich nicht so gut aus. Wie sollte ich so eine passende Stelle finden?
Die ersten Schüsse fielen und die Geschosse aus den Waffen der Wachen flogen sirrend an mir vorbei. Ich schnellte wieder in die nächste Gasse, um so aus der Schussbahn zu gelangen. Mehrere Geschosse schlugen direkt hinter mir in der Wand ein und große Steinsplitter brachen heraus.
Die Gasse erwies sich als Sackgasse. Zwischen zwei Lagerhallen der Handwerker endete die Gasse an einer Mauer. Die Wachen waren da, ehe ich aus der Falle fliehen konnte.
„Halt! Stehen bleiben!“, schrie eine von ihnen. Um ihre Aussage zu bekräftigen hoben alle fünf Wachen ihre Waffen gegen mich. „Endlich haben wir dich, du verdammter Dieb! Jetzt kannst du uns nicht mehr entkommen!“
Wie oft hatte ich diesen Spruch schon gehört? Die Gasse war dunkel, das Licht von den weit entfernten Laternen ließ mich nur ihre Umrisse erahnen. Vorsichtig und ohne hastige Bewegungen zu machen griff ich hinter meinen Rücken an den Gürtel. Da waren sie! Das Letzte, was mich jetzt noch retten konnte: Meine Karten. Ich umschloss die Karten kraftvoll und ich merkte sofort ein leichtes Vibrieren – sie wollten eingesetzt werden.
Ich blätterte mit einem Finger langsam über die Karten und suchte etwas, was mir helfen konnte. Ich konnte die Karten zwar nicht sehen, aber ich spürte ihren Zauber und suchte nach etwas Passendem.
„Ihr habt den Falschen“, rief ich den Wachen entgegen, um mir Zeit zu verschaffen.
„Ach, red doch keinen Unsinn! Wir haben dich doch die ganze Zeit verfolgt“, ging eine der Wachen auf mich ein. „Außerdem können wir das Zauberpulver an dir sehen, seit du in die Falle getappt bist.“
„Zauberpulver?“, frage ich, weiter den Unwissenden mimend. „Was soll das denn sein?“
„Ha! Eine Erfindung der Technomanten! Damit und mit diesen Brillen hier können wir euch Gesindel im Dunkeln verfolgen, weil ihr von Kopf bis Fuß leuchtet. Und du bist in eine der Fallen getappt“, erklärte eine der anderen Wachen.
Die Klügsten waren sie ja nie gewesen, aber mir so einfach zu verraten, warum sie mich so gut verfolgen konnten, grenzte schon an Dummheit. Natürlich kannte ich das Zauberpulver, von dem sie sprachen, aber ich hätte solch eine magische Falle nicht erwartet. Beim nächsten Mal würde ich vorsichtiger sein.
„Und jetzt wirst du dich ergeben“, endete die Wache.
Sie rückten langsam näher auf mich zu. Doch noch immer hatte ich keine Karte, die mir helfen konnte.
„Ok, ok! Ich gebe auf, ich komm mit euch“, beruhigte ich die Wachen. Erleichtert senkten sie die Waffen ein kleines Stück. Als sie kaum noch zwei Meter vor mir waren, hatte ich dann endlich die richtige Karte gefunden.
So schnell ich konnte zog ich die Karte hervor und fing den Rest mit der linken auf. Ein kurzer Griff und der Zauber brach sich seinen Weg in die Welt.
Durch die Gasse schoss ein roter Lichtblitz und Flammenzungen leckten bis auf die Straße hervor, als er bei den Wachen explodierte. Ein Flammenball – einer meiner letzten Zauber, die ich gegen Menschen einsetzte – war meine Rettung gewesen. Es war leider die einzige Möglichkeit gewesen.
Die Wachen lagen schwer verletzt in der Gasse verteilt, kleine Flammen waren noch an ihren Kleidern hängen geblieben. Ich hatte nicht viel Zeit bis stärkere Wachen kommen würden. So ein Zauber würde nicht lange unbemerkt bleiben.
Ich kniete mich neben sie und suchte schnell ein paar leichte Heilzauber heraus, damit sie nicht starben, bis sie jemand finden würde.
Ein paar Minuten später verließ ich die Gasse. Ich schaute mich kurz um und wählte einen Weg zum Gildentor, um von dort aus zum Hafen und zu meiner Wohnung zu kommen. Ich brauchte etwa eine halbe Stunde für diesen kurzen Weg, die Straßen waren voller Wachen.
Das war nicht normal. Selbst für das Verletzen der Wachen in der Gasse würde man nicht so viele Männer nach mir ausschicken… Etwas war anders….
Am Tor sah ich dann auch einen Goliath, der das Tor bewachte. Es war eine gut drei Meter hohe Metallmaschine, die auf zwei kräftigen Beinen laufen konnte und von Kopf bis Fuß mit schrecklichen Waffen ausgerüstet war.
Hier gab es vorerst kein Durchkommen. Doch nun hatte ich mehr Zeit und so wählte ich einen Flugzauber und hob mich aus einer leeren Seitengasse in die Lüfte. Ich konnte nicht lange fliegen. Die Wachen konnten ja eventuell noch mein Zauberpulver sehen, doch um kurz über die Mauer zu setzen, reichte es doch aus.
Der Rest des Weges war nicht einfacher, aber dafür auf mir bekannten Routen und so fand ich dann in den Morgenstunden zu meiner Wohnung zurück.

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Re: Textprobe zu -Die verbotene Prophezeiung-
« Antwort #2 am: September 03, 2011, 02:41:17 Nachmittag »

Kapitel 4 | Lymle
-Zauberei mal anders-

Das Auftauchen der Stadtwachen während meines Tanzes war ganz und gar ungewöhnlich. Sie konnten mich einfach nicht gefunden haben. Wie denn auch? Ich hatte keine Beweise hinterlassen, die auf meine Person weisen konnten. Da war ich mir ganz sicher.
Oberhalb der Häuserdächer sah ich auf den Platz hinab, immer noch darauf bedacht, von unten nicht gesehen werden zu können. Sie durchkämmten die Menschenmenge und schienen wirklich ernsthaft nach jemandem zu suchen.
Ich wurde langsam nervös. Wenn sie nach mir fragen würden, konnte ich nicht mehr hierher kommen, um zu trainieren und Geld zu verdienen. Wenn sie hier etwas von mir erfuhren, würden sie mich auch in der Akademie finden. Dann konnte ich nicht einmal mehr meine Magie trainieren. Mir würde nichts mehr bleiben.
Ich schluckte und versuchte, mich zu beruhigen, als mein Blick wieder auf diesen Jungen fiel. Ich wusste nicht einmal, wie er hieß. Im Unterricht war sein Name nicht ein Mal gefallen, dabei schien er kein stiller Typ zu sein. Ich konnte ihn aus der Menschenmenge von hier oben genau erkennen, niemand hatte solch leuchtende Haare. Sie leuchteten nicht wirklich, nicht wie Licht und doch war die Farbe so kräftig, dass man ihn nicht übersehen konnte – genauso wie meine. Würde ich nicht so auffallen, hätte ich keinen Grund gehabt, vor ihnen zu fliehen. Doch so?
Ich bemerkte, dass auch er sich der Menschenmenge anschloss und den Platz verließ. Doch irgendwie schien er es um einiges eiliger zu haben, als diejenigen, die aus Furcht vor den Wachen flohen. Waren sie etwa hinter ihm her?
Ich erhob mich aus meiner Hocke und lief die Dächer entlang, ihm folgend und mein Blick trotzdem behutsam immer wieder den Stadtwachen zugewandt, die ihn nun scheinbar entdeckt hatten. War es vielleicht nur eine Verwechslung wegen der Haare? Oder waren sie wirklich ihm auf der Spur? Hatte er denn etwas getan?
Ich sprang über die Dächer, ebenfalls die Verfolgung aufnehmend. Ich musste wissen, was da los war. Vielleicht war er unschuldig und sie wollten ihm etwas anhängen. Es wäre nichts Neues. Die Regierung hatte viele schmutzige Geheimnisse.
Es war für mich ein Leichtes, ihnen auf den Fersen zu bleiben, war ich doch eine schnelle Läuferin und in jeder Hinsicht trainiert darauf, Hindernisse zu überwinden und waren diese noch so groß und verschachtelt. Irgendeinen Weg hinein, hinaus oder drüber weg gab es immer. Man musste ihn nur finden.
Ich sprang in schnellen, kraftvollen Sprüngen über die Spalten zwischen den Hausdächern, immer wieder den Blick nach unten steuernd, um ihn zu finden. Dann stoppte ich erschrocken. Er war in eine Sackgasse gelaufen.
Ich wollte ihm gerade etwas herunterrufen, als die Stadtwachen bereits um die Ecke bogen. Irgendetwas war seltsam. Sie hatten ihn zu leicht finden können. Sie wussten, wo er war, selbst wenn sie ihn nicht sehen konnten. Nicht ein Mal falsch abgebogen. Da war doch was faul.
Ich hockte mich nieder, um keinen Schatten zu werfen und nicht aufzufallen. Ich musste erst einmal wissen, was los war. Vielleicht war es ja einfach nur ein Missverständnis und sie zogen ohne Weiteres wieder ab?
„Halt! Stehen bleiben!“, schrie eine von ihnen durch die Gasse. Die anderen Stadtwachen erhoben ihre Waffen gegen ihn. Sollte das etwa bedrohlich wirken? Ich konnte mir ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen. „Endlich haben wir dich, du verdammter Dieb! Jetzt kannst du uns nicht mehr entkommen!“
Ich musste mich bemühen, nicht laut loszulachen. Glaubten sie wirklich, nur weil er eine Wand in seinem Rücken hatte und sie mit ihren kleinen Waffen dort standen, würde er ihnen nicht entkommen können?
Moment. Er war bei weitem nicht so sportlich wie ich. Er war vielleicht gar nicht in der Lage, die Wände hoch zu sprinten, ehe eine Kugel ihn überhaupt streifen konnte. Ich musste überlegen. Dann war die Situation vielleicht doch ernster, als ich sie im ersten Moment eingeschätzt hatte.
Ich starrte weiter hinab. Was würde er nun unternehmen? Er konnte schließlich nicht wissen, dass ich hier oben zusah und ihm helfen konnte. Ich wollte erst einmal sehen, was er alleine gegen sie ausrichten konnte.
Er mimte den Unschuldigen und ich grinste nur, weil ich sicher genau dieselbe Taktik gewählt hätte. Er wollte also Zeit herausschlagen. Ich bemerkte, dass er sie in ein Gespräch über Zauberpulver verwickelte. Sie waren wirklich leicht manipulierbar und plauderten wie die Marktfrauen.
Dann bemerkte ich plötzlich, dass er die Hände seltsam versteckt hielt und etwas durchblätterte. Ich versuchte, mich weniger auf das Gespräch zu konzentrieren, sondern zu erkennen, was er da genau tat. Ich beugte mich über die Dachkante. Ein ungeübter Akrobat wäre in dieser Haltung sicher bereits abgestürzt. Ich hockte beinahe waagerecht über die Gasse gebeugt auf der Kante des Daches. Nur meine nackten Füße hielten mich – ich tanzte immer barfuß, so konnte ich den Boden genau unter mir spüren – meine Zehen umklammerten die Kante geradezu. Es war Training, nichts weiter.
Doch leider brachte alle Anstrengung nichts. Die Schatten in der Gasse fielen so blöd, dass ich nichts erkennen konnte. Wie konnte er sehen, was er da brauchte?
„Und jetzt wirst du dich uns ergeben“, sagte die Stadtwache nun spürbar verärgert und sie rückten näher auf ihn zu. Schnell, wollte ich schreien. Doch dann geschah etwas, das ich nicht verstand.
Der Junge riss etwas, das nur halb so groß wie seine eigene Hand war, in die Höhe und ein ungewöhnlich helles Licht ging davon aus. Die Gasse und die Straßen in der unmittelbaren Umgebung wurden überflutet von dem magischen Feuer. Rote Lichtblitze formten sich und schienen aus dem Gegenstand zu kommen. Flammen rannen durch die Gasse und formten einen riesigen Feuerball, der die Stadtwachen überrannte.
Ich war geblendet von der Schönheit dieses Zaubers und gleichzeitig erschrocken von seiner Stärke. Dieser Zauber war viel zu mächtig, als das ihn ein Adept unseres Ranges ausführen können sollte. Wie hatte er das gemacht?
Die Flammen verschwanden und die Wachen lagen am Boden. Ich bemerkte schwere Verletzungen an ihren Körpern und mir wurde leicht übel, denn der Geruch von verbranntem Fleisch zog selbst hier oben durch die Luft.
Er heilte sie mit einem Heilzauber, doch ein paar Narben würden zurückbleiben, da war ich mir sicher. So einen starken Heilzauber konnte er einfach nicht sprechen können.
Als er sich umschaute, duckte ich mich erschrocken, bis ich seine Schritte vernahm. Ich sah auf und er war verschwunden. Aber nicht mit mir! Ich sprang auf und hechtete ihm über die Dächer hinterher. Für mich war es ein Leichtes, ihn einzuholen, musste er doch immer wieder aufmerksam beobachten, stoppen, schleichen und warten, wenn eine Reihe Soldaten durch die Straßen zog.
Mir war sehr wohl bewusst, wieso sich so viele Wachen hier aufhielten und mir tat es schon ein wenig leid, dass er es dadurch so schwer hatte. Aber ich musste weitergehen.
Er kam schließlich an einem Tor an. Scheinbar wohnte er auf der anderen Seite des Flusses. Eine riesige Maschine, gebaut von den Technomanten, erwartete ihn dort. Er musste einen anderen Weg nehmen, wenn er dort herüber wollte.
Ich sah zu, wie er erneut einen flachen Gegenstand in die Luft riss. Augenblicke später erhob er sich in die Lüfte. Hier war sie vorbei – meine Verfolgungsjagd. Durch die Luft konnte ich ihm nicht folgen.
Was für ein seltsamer Junge, dachte ich. Und was für eine seltsame Art, zu zaubern. Wie macht er das nur? Und wieso kann er all diese mächtigen Zauber bereits so fehlerfrei ausführen?

Ich hatte den ganzen Heimweg zurück ins Magierviertel immer wieder darüber nachgedacht, war aber zu keiner Lösung gekommen. Ich beschloss, später weiter darüber nachzudenken und öffnete langsam die Tür zu Mrs. Scarletts Laden.
Ein Duft von Zimt lag in der Luft, Weihrauch und das Rauschen vom Meer. Ich schloss langsam die Tür und lief über den aus Mandala bestehenden Mosaikboden in ihr Lieblingszimmer. Sie saß in ihrem Sessel und bestickte ein langes Stück Stoff mit Zaubergarn und Spinnenfäden. Ihre kleinen Helferlein wickelten für sie etwas Garn ab, machten sich jedoch immer wieder einen Spaß daraus, ihre Beine damit einzuwickeln.
„Ich bin Zuhause“, sagte ich leise. Die Öllampe stand wie jeden Tag brennend auf dem kleinen Tischchen, das wir als Aquarium benutzten. Die Federn zum Schreiben vereinzelter Aufträge oder seltener Briefe stand daneben und auch ein Aschenbecher. Sie konnte ihre Gewohnheit einfach nicht ablegen, eine Rohnelke am Tag zu rauchen. Ich mochte ihren Geruch sehr, aber den Rauch konnte ich nicht ertragen.
„Setz dich zu mir“, sagte sie ernst. „Ich habe mit dir zu reden.“
Ich wusste, dass ihr etwas missfiel. Ich konnte es in ihrer Stimme hören. Ich stieg über die im Zimmer verteilten bunten Garnrollen, wich den kleinen Spinnenmarionetten aus, die mich mit ihren bemalten Puppengesichtern nur ansahen und ratternd weiterarbeiteten. Die Porzellanpuppe Alice nahm ich von dem Flügelhocker hoch und setzte mich vor den Flügel, der neben ihr stand, aber nie gespielt werden durfte. Alice setzte ich behutsam auf meinen Schoß und sah Mrs. Scarlett erwartungsvoll an.
„Hast du mir etwas zu sagen?“, forderte sie mich auf. Doch ich wusste nicht, was sie genau meinte.
Sie legte das Stück Stoff beiseite und holte eine seltene Pflanze hinter ihrem Plattenspieler hervor, den sie von einem alten Technomanten erstanden hatte. Er spielte jedoch keine Platten mehr ab, schon seit Jahren.
„Was habe ich dir gesagt, sollst du nicht tun?“, stellte sie mir wieder eine Frage. Ich überlegte. Sie sagte mir viel, was ich nicht tun solle. Wie sollte ich da wissen, was genau sie nun meinte?
Ich zuckte nur mit den Schultern, doch das schien sie nur noch wütender zu machen. Ihr nach hinten gebundenes Haar kräuselte sich leicht. Sie hatte das Gesicht einer hübschen Puppe und auch ihre Figur war makellos. Ich verstand nicht, wieso sie sich keinen Mann nahm und eine Familie gründete. Doch darüber sollte ich jetzt wohl nicht nachdenken. Was sollte ich denn angestellt haben?
Sie seufzte und griff nach meiner Hand. Ich spürte, wie sie mir etwas von ihrer Magie übertrug und sofort wurde mir wärmer als vorher.
„Bleib in der Sonne, meide die Schatten und vor allem, setz nicht so viel Magie ein, Lym“, sagte sie deutlich und dabei bekräftigte sie es durch einen festen Händedruck.
„Ich weiß doch. Ich war heute doch auch in der Sonne. Und ich habe nur beim Unterricht gelernt, sehr viel mehr habe ich nicht gezaubert. Ehrlich“, versuchte ich, mich recht zu fertigen.
„Lym“, ermahnte sie, ohne Weiteres zu sagen. Ich wusste, was sie meinte. Aber ich konnte es mir einfach nicht eingestehen. Ich wollte keine Rücksicht auf meinen Körper nehmen. Ich wollte frei sein, so wie die anderen.
„Wenn du geschwächt bist“, flüsterte sie beunruhigt, „werden sie dich finden. Ich möchte dich nicht an sie verlieren.“
„Was meinst du damit, Mrs. Scarlett? Du sagst das immer wieder, aber ich verstehe das nicht.“
„Halt dich einfach von der Regierung fern, Lym. Sie bringt dir nur Ärger.“
„Das kann ich nicht! Ich werde gerufen, das weißt du! Ich muss diese Stimme finden!“
Sie drückte meine Hand fester zusammen. „Du wirst diese Nacht nicht wieder auf einen deiner Streifzüge gehen, hast du mich verstanden!?“
„A-Aber…“
„Du wirst jetzt auf dein Zimmer gehen und schlafen. Du wirst nicht in das Regierungsviertel gehen. Halte dich von ihnen fern.“ Ihre Stimme brannte sich in meinen Kopf. Ich wollte dagegen angehen, widersprechen, doch es ging nicht. Etwas blockierte mich, meine Gedanken, meine Stimme. Ihre Stimme brannte, mein Kopf glühte und mir wurde alles egal.
Langsam erhob ich mich von dem Hocker, setzte Alice zurück auf ihren Platz und verließ das Zimmer. Ich stieg die Wendeltreppe hinauf und öffnete meine Zimmertür. Mit dem Öffnen meiner Tür gingen sämtliche Öllampen in meinem Zimmer an. Auf dem Boden, an der Decke, auf den Schränken und Tischen – überall waren Lampen und sie brannten ausnahmslos. Ein seichtes und wohlig warmes Gefühl breitete sich in mir aus und ich legte mich ruhig und an nichts denkend auf mein Bett und schlief ein.
"Breite deine Flügel aus und fühle dich frei."

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