Autor Thema: Das Tagebuch  (Gelesen 155 mal)

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Offline Grace de Dalache

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Das Tagebuch
« am: Mai 10, 2011, 11:35:50 Nachmittag »
Ich hab keine Ahnung, wo ich diese Story hinstecken sollte, also hab ichs jetzt mal hier gepostet.
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Prolog
Mittwoch, 24.10.2010

Das Stampfen der schweren Stiefel auf den Fliesen der Küche drang bis nach oben auf den Dachboden. Verängstigt in eine Decke gehüllt kauerte sie dort in einer Ecke in vollkommener Finsternis und wartete nur darauf, dass er sie entdeckte. Das ist mein Tag, dachte sie. Mein letzter Tag. Mit ihren schweißnassen Händen umklammerte sie den USB Stick. Die letzte Hoffnung für die Polizei, dass sie diesen Verbrecher, unten in der Küche, schnappen und das Gericht ihn verurteilen kann. Jody wird mir diesen Gefallen tun, sagte sie sich in Gedanken. Sie wird mein Rätsel lösen und zur Polizei gehen. Sie hörte wie sich die Geräusche unten veränderten. Jetzt ging der Mann nicht mehr über Fliesen, sondern lief über Parkett. Sie atmete hoffnungsvoll aus. Er entfernte sich immer weiter von der Treppe. Plötzlich blieb er stehen. Wahrscheinlich hatte er sein Handy aus seiner Tasche geholt, denn nach ein paar Augenblicken, hörte sie eine gedämpfte Stimme. Es hätten auch Selbstgespräche sein können, doch in den Sprechpausen spürte man förmlich, wie der Mann unten die Anweisungen, die er wahrscheinlich bekam, entgegennahm.
 Dann hörte das Gespräch auf und der Mann ein Stockwerk tiefer setzte sich wieder in Bewegung. Das Stampfen seiner Stiefel wurde lauter. Das Geräusch änderte sich wieder. Von Parkett zurück zu Küchenfliesen. Die Schritte näherten sich der Treppe. Stufen knarrten, das Holz bog sich unter dem Gewicht des Mannes. Sie sprang auf, war froh, dass dabei nichts umfiel und ging vorsichtig zum Treppenende. Sie hockte sich, immer noch in der Decke, neben die Treppe und gleich darauf sah sie wie der Schatten eines starken Mannes die Treppe nach oben kam. Er tastete an den Seitenwänden nach einem Lichtschalter. Sie zitterte, denn seine riesige Pranke war nicht weit von ihr entfernt. Er fand den Lichtschalter auf der anderen Seite der Treppe und sie hörte das Klicken, als er ihn betätigen wollte. Doch es tat sich nichts. Es blieb stockfinster. Der Mann machte einen weiteren Schritt in den Raum und wühlte in seiner Hosentasche. Er fand eine Taschenlampe. Das merkte sie, als sie das Knipsen hörte und ein feiner Lichtkegel minimale Teile des großen Dachbodens erleuchtete. Der Lichtstrahl wanderte umher und fraß die Dunkelheit auf. Der Mann ging noch weiter in den Raum hinein. Sie hingegen richtete sich auf und schlich sich leise hinter ihm die Treppe runter. Bei ihr knarrten keine Stufen, sie war federleicht. Dann warf sie die Decke ab, sie würde sie sowieso nur behindern, und rannte auf die Wohnungstür zu. Es knallte laut, als sie zuschlug. Barfuß und nur mit einem dünnen Leinenkleid bekleidet sprang sie die Treppenstufen vom 5. Stock an hinunter. Das Trampeln der schweren Stiefel hörte sie, als sie im 1. Stock war und beeilte sich noch mehr das letzte Stockwerk hinunter zu rennen. Mit der Schulter lehnte sie sich gegen die schwere Haustür und rannte nach draußen. Es war sehr kalt und windig. Der Herbst neigte sich langsam dem Ende zu und der eisige Wind lähmte sie. Am Vormittag hatte es geregnet und die Stufen vor dem Haus waren kalt und nass. Es fühlte sich an, als würde sie über ein Nagelbrett laufen. Die Kälte stach ihr in die Füße und erschwerte ihr die Flucht. Sie biss die Zähne zusammen, schlang sich die Arme um den Körper, in der einen Hand immer noch der USB Stick, und versuchte den Schmerz so gut es ging zu ignorieren. Als der Weg von der Straße zur Haustür endete lief sie um die rechte Ecke und lief die Straße in Richtung Einkaufszentrum entlang. An der Straßenkreuzung wagte sie einen Blick über die Schulter und erschrak, als der Mann mit den schweren Stiefeln näher war als erwartete. Wieder wählte sie den Weg zur rechten Reite und lief zum nächsten Briefkasten des Hauses, dass ihr am nächsten war. Bitte hilf mir, hilf der Polizei. Finde den Weg zu Jody, flüsterte sie dem USB Stick zu, bevor sie ihn in den Briefkasten warf. Schnell drehte sie sich um und lief auf die Straße zu. Ohne hinzugucken lief sie hinüber und sprang über einen Gartenzaun, er das Grundstück eines schönen Familienhauses abgrenzte. Sie versteckte sich zwischen den Büschen und sah, wie der Mann um die Ecke bog. Er sah sich suchend um, lief nach rechts. Sie atmete erleichtert auf, wartete noch fünf Minuten in ihrem Versteck um sicher zu gehen, dass der Mann nicht wiederkam und kletterte wieder zurück über den Zaun. Sie ging in die entgegengesetzte Richtung, die der Mann eingeschlagen hatte. Sie hatte keine 20 Schritte getan, als neben ihr ein Auto hielt. Sie blieb stehen. Aus dem Wagen, ein weißer Transporter, stiegen zwei große Männer. Den einen erkannte sie. Ihre Augen wurden groß und rund und blankes Entsetzen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Die Männer packten sie an den Armen und vor Schreck konnte sie nicht mal schreien. Ein dritter Mann, der Fahrer, öffnete die Seitentür des Wagens und die Männer gaben sie weiter an einen dritten Mann Dieser stach ihr eine Spritze in den Arm, so dass ihr ganz komisch wurde. Schnell wurde sie müde und merkte kaum, als sie losfuhren.
« Letzte Änderung: Mai 10, 2011, 11:44:31 Nachmittag von Grace de Dalache »
"Kunst ist nicht was man sieht, sondern was man andere sehen lässt." - Edgar Degas

Offline Grace de Dalache

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Re: Das Tagebuch
« Antwort #1 am: Mai 11, 2011, 10:55:42 Nachmittag »
1. Kapitel
Donnerstag, 25.10.2010
Es war 16:53 Uhr. Jeremy stand jetzt schon 17 Minuten lang am Bahnsteig und wartete auf seine Bahn. Genervt sah er ein weiteres Mal auf die Uhr, doch es hatte sich nichts geändert. Es war kalt und die Bahn hatte wie gestern Verspätung. Er ärgerte sich über Collin. Wenn er sich mit seiner Zigarette ein bisschen mehr beeilt hätte, wäre Jeremy noch rechtzeitig gekommen und säße jetzt mit seiner Tante in der warmen Küche am Tisch. Bei dem Gedanken an „Küche“ knurrte sein Magen. Wieder sah er auf die Uhr. Nun war es 16:54 Uhr. „Wow. Eine Minute.“, murmelte er genervt. Sein Blick heftete sich auf seine Schuhe und als ein Windstoß über den Bahnsteig fegte, zog er fröstelnd die Schultern hoch. Er verfluchte die Uhr, die Bahn und natürlich Collin. „Das nächste Mal warte ich nicht auf dich.“, knurrte er leise, doch die ältere Dame neben ihm schien es gehört zu haben, denn als er den Kopf hob musterte diese ihn mit einem komischen Blick. Was guckt die denn so blöd?, fragte sich, doch bevor er die Dame anmotzen konnte, fuhr die Bahn vor und er stieg erleichtert ein. Jeremy suchte sich einen Sitzplatz und saß gegenüber von einem älteren Ehepaar, das sich auf Russisch stritt. Er lehnte sich mit seinem Kopf an die Fensterscheibe und sah, wie im Trance, die Landschaft vorüber ziehen.
20 Minuten später klingelte Jeremy zu Hause, da er noch keinen eigenen Schlüssel hatte, und seine Tante Allison öffnete ihm die Tür. „Wo warst du denn schon wieder?“, fragte sie ihn vorwurfsvoll, bevor er sie begrüßen konnte. „Die Bahn.“, antwortete er knapp und tauchte unter dem Arm seiner Tante durch, der ihm den Weg versperrte. „Muss noch Hausaufgaben machen.“, murrte er und machte sich auf den Weg in die Küche, um sich einen Snack mit in sein Zimmer zu nehmen. Tante Ally schloss die Haustür und kam kopfschüttelnd hinter ihm her. „Hier, nimm den mit.“ Sie nahm einen großen, roten Apfel aus der Obstschale neben der Tür und warf in Jeremy zu. Er fing ihn auf und wollte sich schon auf den Weg in sein Zimmer machen, als Ally ihn aufhielt. „Im Briefkasten war ein USB-Stick. Ich hab ihn dir auf den Schreibtisch gelegt. Vielleicht hat Collin dir endlich seinen Teil der Präsentation für Englisch vorbei gebracht.“
 Jeremy schob sich aus der Küche und biss auf dem Weg in sein Zimmer in den Apfel. Aber Collin hat mir doch gestern schon seinen Teil gegeben, dachte er, zuckte dann aber mit den Schultern. Vielleicht hat er noch was nachgereicht.

 „Dann wollen wir mal gucken.“, sagte Jeremy zu sich selbst, als er den USB-Stick in die Schnittstelle von seinem Computer steckte. Der Ordner, der sich auf dem Datenträger befand, öffnete sich von selbst und es kamen ein paar Dateien zum Vorscheinen, die Jeremy zum Staunen brachten. „Deutschprüfungsunterlagen, Bio-Referat, Englisch, Mathe-Lösungen.“, murmelte er beim Lesen der Titel vor sich hin. Mathe-Lösungen! Die kann ich gebrauchen! Der Mauszeiger schwebte schon über der Datei, als er beim Titel der letzten Datei stutzte. „Französisch?“, fragte er laut. „Seit wann hat der Französisch. Er hat doch Spanisch gewählt.“ Collins Worte, die er am Tag der Wahlen für die 2. Fremdsprache gesagt hatte, hallten in seinem Kopf. „Ich nehm doch keine Schnulzensprache. Bin ich schwul, oder was?“, hatte er gesagt.
 Schon hat Jeremy auf die Datei Französisch geklickt. Der Mauszeiger verwandelte sich in eine Sanduhr. Quälend langsam baute sich das Word-Dokument auf. “Scheiß Computer!“, beschimpfte Jeremy seinen PC und schlug auf den Bildschirm. „Na geht doch.“ Jeremy lachte auf, als er die Überschrift auf dem Deckblatt des Dokuments las. „Mein Tagebuch“, stand da. In der schönsten und verschnörkeltsten Schrift, die das Internet hergab. Es juckte ihn in den Fingern runter zu scrollen, doch er ließ es. „Er ist mein bester Freund. Ich darf sein Tagebuch nicht lesen. Es ist nur dazwischen gerutscht, als er mir seinen vollständigen Teil für die Englischpräsentation und die Mathe-Lösungen auf den USB-Stick gezogen hat.“, sagte er laut vor sich hin. Er atmete noch einmal tief durch, um nicht doch der Versuchung zu widerstehen. Dann schloss er sie Datei und öffnete die Mathe-Lösungen. Wenn Collin auch nicht der schlauste war, konnte man sich wenigstens in Mathe auf ihn verlassen. Also schrieb er sich alles in seinen Collageblock ab und kritzelte „Mathe HA“ drüber. Es kam Jeremy mehr vor, als er in Erinnerung hatte, aber er vertraute einfach mal seinem Kumpel. Morgen werde ich mich bei ihm dafür bedanken, dachte er und machte den Versuch, sich nochmal an Englisch zu setzten, doch er hatte keinen Bock mehr drauf. Er fuhr seinen PC runter und sah bis spät in die Nacht fern. Es fiel ihm auch nicht auf, dass für dieses Jahr gar kein Bio-Referat geplant war.
"Kunst ist nicht was man sieht, sondern was man andere sehen lässt." - Edgar Degas

 

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