Autor Thema: Der Riss  (Gelesen 105 mal)

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Offline Aurora

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Der Riss
« am: Juni 03, 2011, 03:43:56 Nachmittag »
http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/der-riss-581/

Mit Tränen in den Augen und einem pochendem Kopf dachte sie an die nun ziemlich zutreffenden Worte von Thomas Mann aus „Buddenbrooks“: „Es sollte kein heimlicher Riss durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes gnädiger Hilfe errichtet haben.“
Ein heimlicher Riss, der alles zum Einsturz bringen könnte. Nadja dachte an die letzten Jahre, die sie ihre Kindheit und Jugendzeit nennen konnte, als sie stets im Doppelpack zu finden waren, ihre große Schwester Helen und sie. Vor ihren Freunden hat Nadja immer mit Helen geprahlt: Ihre Leistungen, ihr Engagement, sie war immer ein Vorbild.
 Heute bemerkte Nadja, dass sie schon immer die schlechten Seiten Helens ins Unterbewusstsein gedrängt hatte und nicht sehen wollte, denn es war außer Frage zu stellen, dass Helen eine schwierige Person war. Nadja hatte immer die Fehler bei sich gesucht, war immer gekuscht, um wieder Frieden einkehren zu lassen, oder stimmt das etwa nicht? Vielleicht war sie ja wirklich immer Schuld gewesen.
Fest steht, dass seit heute Mittag ein Riss in dem Gebäude der Schwesternschaft existiert. Statt ihn auszubessern, hatten beide dafür gesorgt, dass er länger wurde. Der Anfang war unauffindbar und Nadja kannte die Ausgangssituation schon gar nicht mehr. Schlimmer waren die Vorwürfe, die sie sich gegenseitig an den Kopf geworfen hatten:

Helen saß auf ihrem Bett, den Laptop noch auf dem Schoß und betrachtete ihre zwei Jahre jüngere Schwester Nadja, die in einem leichten Sommerkleid in der Tür stand. Beide hatten Taschentücher in der Hand, das nach ein paar Wortwechseln immer wieder dem Abwischen der Tränen diente.
„Was soll das? Warum wirfst du mir das vor?“, weinte Nadja. „Natürlich habe ich auch andere Freunde hier, mit denen ich immer mal wieder etwas unternehmen will.  Trotzdem sage ich oft genug Nein zu ihnen, um bei dir zu sein.“
„Mach doch was mit deinen Freunden. Es ist mir egal. Ich kann mich hier alleine hinsetzen und meiner Sucht nachgehen“, schrie Helen und warf die leere Kleenexbox nach ihrer Schwester.
Zuvor hatte Nadja behauptet, sie sei süchtig nach dem Internetforum, in dem sie sich immer herumtrieb.
Nadja trat nun in das Zimmer und kniete sich vor das Bett: „Helen, bitte! Worum geht es hier überhaupt noch? Ich verstehe dich nicht.“
„Genau darum geht es, Nadja. Wir verstehen uns einfach nicht mehr. Es gab eine Zeit, da habe ich dich als meine beste Freundin bezeichnet, bis du mir heute nun endlich veraten hast, was du wirklich von mir hälst! Zusammengefasst: Ich bin eine süchtige Kuh, die keine Freunde hat und die ständig besondere Kicks in ihrem Leben braucht! Du tickst wohl nicht mehr sauber!“
Helen setzte sich aufrechter hin, sodass ihre enge Jeans ihr nicht mehr die Luft zum Atmen nahm. Das einzige, was sie jetzt noch zum Hyperventilieren brachte war Nadja. Sie sah in das verweinte Gesicht und erkannte sich selbst in dem Tränenschimmer. Äußerlich schienen sie sich ähnlich zu sein. Dieselben blonden Haare, dieselben blauen Augen, nur Nadjas Mund war schmaler als Helens und ihre Wimpern länger.
Helen widmete sich wieder ihren Lernsachen zu. Das heißt, sie starrte auf den Bildschirm vor ihr und wartete darauf, dass Nadja verschwand.
„Bitte Helen, du bist doch meine beste Freundin! Ich weiß einfach nicht, was ich falsch gemacht habe.“ Und dann geschah es zum ersten Mal: Das schlimmste, was Schwestern passieren kann: Ignorieren!
Helen beachtete sie nicht, sondern schaute weiter auf den Bildschirm.
„Mach es mir nicht so schwer. Es tut mir Leid, dass ich gesagt habe, du seist süchtig nach diesem Forum. Es tut mir Leid, dass ich gesagt habe, du benötigst immer was Besonderes und dass du keine Freunde hast, habe ich nie so gesagt.“
Die einzige Reaktion die darauf folgte, war das Heruntertropfen einer Träne aus Helens linkem Auge.
Nadja gab auf.

Nun saß sie dort, mit dem Blick auf Thomas Manns Worte gerichtet. Alles, was in dem Roman steckte schien nun so greifbar nah und doch so vollkommen unwichtig. Sie konnte es nun nachvollziehen und doch nicht verstehen! Weil sie selbst den Streit zwischen ihr und Helen nicht verstand.

 

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