Autor Thema: Die Frau auf der anderen Straßenseite  (Gelesen 97 mal)

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Die Frau auf der anderen Straßenseite
« am: Mai 06, 2011, 01:14:45 Nachmittag »
Okay... hier ist der erste (und leider einzige Beitrag zum Wettbewerb). Tut mir Leid, dass ich es um einen Tag verpasst habe, sie online zu stellen...
Trotzdem herzlichen Glückwunsch an den Autor (den man auch eigentlich hier schon nennen könnte, oder? :P)

http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/die-frau-auf-der-anderen-strassenseite-%28beitrag-zu-%27das-5er-wortpuzzel-567/
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Die Frau auf der anderen Straßenseite

Lange stand die Frau auf der anderen Straßenseite und beobachtete das Haus. Hinter dem Wohnzimmerfenster konnte sie die Schatten von zwei Menschen erkennen, die sich aus den Sesseln erhoben, um sich ins Bett zu begeben. Das Flimmern des Fernsehers erlosch und das Licht wurde ausgeknipst.
Doch die Frau auf der anderen Straßenseite blieb stehen. Ihr langes, schwarzes Haar war nass vom vielen Regen. Auf der wenigen Haut, die nicht von ihrem leichten Sommerkleid umhüllt war, bildete sich eine Gänsehaut. Man musste sich fragen, warum die Frau nicht einfach den pinken Regenschirm in ihrer linken Hand aufmachte, um sich vor den dicken Tropfen zu schützen. Mehr hatte sie nicht bei sich. Wie mechanisch bewegte sie ihren Kopf in Richtung Regenschirm.

„Wow, danke“, rief das Mädchen begeistert, als sie ihr Geschenk auspackte. Die sechs Kerzen des Kuchens, der vor ihr stand, waren schon längst ausgepustet und die ersten Stücke verteilt. Erwartungsvoll blickte das Mädchen wieder ihre Eltern an, als sie ihr neues Eigentum wie ein Topmodel präsentierte.
„Pink steht dir, mein Schatz. Mach ihn doch einmal auf“, rief der stolze Vater.
Seine Tochter gehorchte und lief den Rest des sonnigen Tages mit dem offenen, pinken Regenschirm herum.

Nach einigen Sekunden überquerte sie die Straßenseite. Immer näher kam sie dem Haus, bis sie vor dem Eingangstor stand. Sie legte ihre Hand an die Klinke und blieb für einen Moment stehen.

„Da wollen wir deinen Vater aber überraschen, nicht?“, fragte die Mutter das Mädchen.
Sie saßen vor dem Gartentor, tunkten Pinsel in den Farbtopf und strichen das Tor an. Das Pokémon-Kuscheltier klemmte unter dem Arm des Mädchens.
„Mama, ich will nicht auf die weiterführende Schule“, sagte es plötzlich. „Was ist, wenn ich da keine Freunde finde?“
Plötzlich kullerten Tränen über ihre Wangen. Die Mutter hielt inne mit dem Streichen und nahm ihre Tochter in den Arm.

Die Frau öffnete das Tor und lief auf die Haustüre zu. Auf der Klingel stand ein anderer Name als damals. Die Haustüre war nun grün und nicht mehr braun.  Wie in Trance legte sie den Regenschirm auf die Stufen und drehte sich wieder um. Die Bank stand immer noch da.

„Liebeskummer?“, fragte die Mutter ihre Tochter, die im Vorgarten auf der Bank saß und weinte. Diese nickte nur und schmiegte sich an den Körper ihrer Mutter. „Ich bin so froh, dass du da bist“, sagte sie.

Ihre Schritte wurden schneller, wie damals.

„Ständig bist du da. Wo ist mein Freiraum? Vor dir kann ich nichts geheim halten.“
Das Mädchen, gerade mal 18 Jahre alt, stürmte aus dem Haus. Man konnte die Musik aus ihren Kopfhörern selbst im Türeingang noch hören.
„Ich möchte frei sein! Freiheit!“, rief sie auf dem Weg zu ihrem Auto. „Dieses Kaff hier kann ich nicht mehr sehen. Du und Papa, ihr erstickt mich mit eurer Liebe!!“.

Nun rannte sie fast, bis sie wieder auf der anderen Straßenseite stand. Genügend Abstand! Ihr Herz pochte und vor ihren Augen bildete sich ein Schleier von Tränen. Oben in dem alten Schlafzimmer ging ein Licht an. Ein Fenster wurde geöffnet und eine Frau schaute heraus. Sie betrachtete den Mond und ihr Blick fiel dann auf die Frau auf der anderen Straßenseite.

„Ja, sie hat es wirklich gekauft.“, sagte der Makler.
„Das verstehe ich nicht. Ich habe lange keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt. Sie weiß sicher gar nicht, ob ich noch lebe.“
„Vielleicht ist das eine neue Gelegenheit, sich wieder zu treffen. Jedenfalls zahlt sie genug, damit Sie in ihre Wohnung am anderen Ende der Stadt ziehen können.“

Ihre Blicke trafen sich und es herrschte eine laute Stille.
Sie sahen sich das erste Mal seit 40 Jahren.
„Mutter?“, rief die Frau am Fenster. „Bist du ein Geist? Ich dachte du seist tot?“
« Letzte Änderung: Mai 06, 2011, 02:08:24 Nachmittag von Ryoki »
Man merkt erst, wie wertvoll etwas ist, wenn man es nicht mehr besitzt.

Offline Ryoki

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Re: Die Frau auf der anderen Straßenseite
« Antwort #1 am: Mai 06, 2011, 02:09:55 Nachmittag »
Anmerkung des Admins:

Bitte die Zugehörigkeit zum Wettbewerb, egal welchem, nicht im Betreff/Titel des Threads erwähnen. Das gehört in die Beschreibung.
Die Titel werden sonst ellenlang, genauso wie die URLs. Also bitte wieder zur gewohnten Form übergehen.
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