Aus aktuellem Anlass ein Bericht über eine Trauerfeier an unserer Schule.
Diskussionsthread:
Klick mich---
Langsam glitten wir fort in dem kriechenden Strom der Menschenschlange, während wir uns nach einem Platz zum Stehen umsahen. Der Aufenthaltsraum war gefüllt von Unruhe und dem alltäglichen Getratsche, so wie gelangweilten, ergriffenen, ernsten und skeptischen Gesichtern.
Ein Lehrer schritt rastlos zwischen den Reihen der Schüler durch und forderte jene, die schon standen und jene die sich noch bewegten dazu auf doch weiterzugehen, um jedem die Chance zu geben an dem Ereignis teilzunehmen. Keiner wollte doch vor der Tür stehen gelassen werden. Dabei war seine Stimme zugleich vorwurfsvoll und von einer flehenden Einzigartigkeit gespickt mit einem verzweifelten Zittern, das ich in diesem Raum nicht noch einmal finden sollte. Und doch wurde er von allen ignoriert.
Warum fragte ich mich ob seine Gefühle wahrlich wirklich waren, oder ob sie ein obsoletes Schauspiel waren, um die allgemeine Etikette zu erfüllen?
Woher kommt dieses Misstrauen?Als alle Schüler schließlich ihren Platz gefunden hatten, trat der Direktor vor und eine gezwungene Stille senkte sich über die Schar der Schüler. Sie wussten, dass es nötig war zu schweigen. Sie wussten, dass es angebracht war. Sie wussten, dass etwas anderes nicht toleriert werden würde. Und einige wussten, was sie fühlten. Doch ein Teil von uns wusste es nicht. Ein Teil wusste nicht einmal, warum sie eigentlich hier standen.
Und nur ein paar wenige wussten, was folgen würde.
Es war schließlich immer das Gleiche.Sie versuchten uns zum Trauern zu zwingen.
Nicht einmal ein Räuspern vor seiner Rede war nötig, damit er ganz sachlich beginnen konnte.
Liebe Kollegen und Kolleginnen … liebe Schüler und Schülerinnen …Ich fühlte mich, wie bei der Eröffnungsrede für eine Schulveranstaltung… Es war immerhin auch eine Feier… Wenn auch nur im Namen.
Verlust…Kompetenz…Lehrerin…Kollegin…Kompetenz…Wettbewerb…Gewonnen…Wir haben Lehrermangel. Kein Wunder, dass er trauert. Sie war anscheinend eine gute Lehrerin gewesen.
In der Zwischenzeit ist der Lehrer mit der flehenden Einzigartigkeit in einen Nebenraum gegangen, um dort hinter dicken Glasscheiben auf und ab zu gehen. Danach kam er zurück und setzte sich schwerfällig mit rotem Gesicht auf den Boden. In dem Moment verurteilte ich meine eigenen Gedanken.
Was bin ich für eine Person, die ihn des Schauspiels beschuldigen konnte? Aber gleichzeitig erfüllte es mich mit Sorge. Wie war er in der Lage bei diesen Worten zu trauern? Er musste ihr nahe gestanden haben…
Hoffe ich…
Sie war doch mehr als eine Lehrerin…Schüler…Kompetenz…Leistung…Kollegin…Kompetenz…Schule…Gott… Die Rede näherte sich dem Ende und dem Blickwechsel mit einer Lehrerin folgte ein emotionsloses Gebet, das weitaus persönlicher war als die Rede. Und trotzdem schwieg die gesamte Audienz beim abschließenden Amen.
Keine Anteilnahme.
Als Abschluss der Trauerfeier sollte ein Lied, gespickt von Inhalten aus der Bibel, dienen. Gott wurde gepriesen, Satan war der Besiegte, ihre Sünden sollten ihr vergeben werden, Jesus stand aus dem Grabe auf, Satan wurde überlistet.
Was interessiert mich Gott? Waren ihre Sünden etwa der Grund für ihr Schicksal? Was interessiert mich Satan? Wo besteht der Zusammenhang mit Jesus? Sie wird nicht wieder aus dem Grabe auferstehen. Sie wird den Tod nicht mehr überlisten können.
Danach waren wir entlassen. Die Lehrer kamen mit, damit wir auch wirklich in andächtiger, würdiger und angebrachter Art und Weise schweigend in unsere Klassenräume zurückkehren konnten, um dort wieder unverändert dem Alltag nachzugehen.
Während der Feier hatte ich nicht wegen ihres Todes trauern können. Es lag nicht daran, dass sie eine mir eine Unbekannte gewesen war. Jeder Tod bringt Verluste mit sich, die man betrauern sollte. Jeder Tod erzeugt irgendwo eine Lücke. Und jeder Tod eines Menschen lässt uns sehen, was uns hinterlassen wurde, wofür wir dankbar sein sollten und was wir vermissen werden.
Doch das sind keine Erinnerungen an gewonnen Schulwettbewerbe. Keine Erinnerungen an eine kompetente Lehrerin. Keine Erinnerungen an eine leistungsfähige Arbeitskollegin. Keine fragwürdigen Floskeln aus der Bibel.
Wo ist die Person geblieben? Wo ist der Mensch?
Ich weigere mich den Abschluss eines Verlustgeschäfts zu betrauern.