Autor Thema: Pfirsichtörtchen [2. Kapitel]  (Gelesen 362 mal)

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Offline Bonnie

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Pfirsichtörtchen [2. Kapitel]
« am: März 13, 2010, 04:09:21 Nachmittag »
Link: http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/pfirsichtortchen/

Ich fange schon mal mit dem zweiten Kapitel an, weil es - meiner Meinung nach - das Problem, welches in diesem Buch dargestellt wird, am besten verdeutlicht.
Hier nochmal dazu der Klappentext: "Annettes größtes Problem ist, dass sie nicht mit ihren Pfunden klarkommt. Aus diesem Grund fühlt sie sich ungeliebt, nicht schön, einsam und allein gelassen. Ihren Kummer, der sich in ihr aufstaut, frisst sie in sich hinein. Dabei ist ihr vollkommen unerklärlich, warum ausgerechnet Felix in sie verliebt ist. Als sie mit ihm zusammenkommt und Zeit verbringt, merkt sie, dass es nicht ihre Pfunde sind, die sie von den anderen trennen. Erst dann beginnt sie endlich, sich selbst zu akzeptieren!"
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»Annette!«, höre ich die strenge Stimme meines Lehrers. »Ich möchte mal deine Hausaufgaben sehen!«
Ganz langsam erhebe ich mich von meinem Platz und laufe zur Tafel, wo sich der Lehrerpult befindet. Dort lege ich mein Heft ab und wende mich der gesamten Klasse zu.
»Annette!«, ruft Herr Klingel erneut. »Rechne die Aufgabe an der Tafel aus, bitte!«
Eigentlich hätte er sich sein »Bitte« auch sparen können, da es sich keineswegs nach einer Bitte anhört. Aber was bleibt mir da noch übrig? Nervös drehe ich meinen Mitschülern den Rücken zu. Jetzt kommt alles in mir wieder hoch – diese Panik, diese Angst und der Schweiß an meinen Händen. Es liegt nicht an den Hausaufgaben oder an der Tatsache, dass ich es nicht kann. Ich bin in dem Fach Mathematik sogar die Beste! Ich halte es aber nicht aus, wenn mich ungefähr dreißig Augenpaare von hinten anstarren. Bestimmt schauen sie wieder auf meinen Po, der viel zu groß ist. Oder auf meine dicken Oberschenkel. Oder aber auch auf meine wabbeligen Arme.
»Annette!«, fordert mich Herr Klingel auf. »Fängst du endlich mal an?!?«
»Eh, ja.«, stottere ich und beginne mit dem Aufschreiben der Formeln. Dabei versuche ich, möglichst gar keine Fehler zu machen, was mir auch gelingt.
»Erkläre der Klasse, was du so eben an die Tafel geschrieben hast, bitte!«
»Ich habe erstmal bestimmt, was gegeben ist und was gesucht wird.«
»Mhm! Weiter?«
»Dann habe ich herausgefunden, dass der Grundwert und der Prozentwert gegeben sind. Also habe ich beschlossen, dass der Prozentsatz gesucht wird. Um den Prozentsatz herauszufinden, muss man den Prozentwert durch den Grundwert dividieren und dann das Ergebnis mit Hundert multiplizieren. Dann erhält man den Prozentsatz.«
Auf Herrn Klingels Gesicht bildet sich ein schwaches Lächeln. »Gut gemacht, Annette!« Er weist mich auf meinen Platz zu und gibt mir mein Heft wieder.
Mit schnellen Schritten laufe ich durch die halbe Klasse und lasse mich auf meinen Stuhl fallen. Anschließend höre ich, dass Katrin mir etwas zuflüstert: »Wenn ich nur dein Hirn hätte!«

Es klingelt. Alle stehen von ihren Stühlen auf, ziehen sich ihre Jacken an, da es noch sehr kühl draußen ist, und begeben sich auf den Hof. Katrin hakt sich bei mir unter und gemeinsam schlendern wir durch die Gänge.
Meistens sitzen wir in den großen Pausen auf den Bänken, die auf dem Schulhof stehen, und verspeisen unsere Brote. Sie und ich haben uns sogar eine rote Bank ausgewählt, welcher wir den Namen »die rote Bank« gegeben haben. Ich weiß, nicht sonderlich kreativ, aber wenigstens wissen wir, was die andere meint, wenn sie sagt: »Setzen wir uns auf »die rote Bank«?«
»Auf »der roten Bank« sitzen schon welche, Annette!«, reißt mich Katrins Stimme aus meinen Gedanken.
»Wie?!?«, frage ich nach.
»Auf »der roten Bank« sitzen Mia und Melanie.«
»Dann lass uns irgendwo anders hingehen.«
»Warum?«
Sie schleppt mich mit zu den beiden. Eigentlich möchte ich mit denen nicht reden. Auf einer Bank sitzen schon gar nicht. Aber was kann man in solch einer Situation machen?
»Hallo, Annette.«, begrüßt mich Mia. »Schicke Hose.«
»Danke.«, murmele ich kaum hörbar.
»Ach, das ist eine Hose?!?«, fragt Melanie.
»Ja, aber natürlich! Was dachtest du denn?!?«
»Weiß nicht! Ich hätte auf einen Kartoffelsack getippt!«
Beide verfallen ins Gelächter.
»Ach, Annette, tut uns Leid. Wir wollten nicht gemein sein.«
Ich weiß, dass das nicht in Ordnung ist. Ich weiß, dass ich den beiden meine Meinung sagen muss. Aber ich traue mich nicht. »Schon okay.«, murmele ich.
»Lieber einen Kartoffelsack tragen, als ich eine Kartoffelnase haben, nicht wahr, Melanie? Übrigens, wann gehst du wieder mal zur Schönheitsoperation?«, witzelt Katrin und zwinkert ihr dabei zu.
Melanie wird rot. Ziemlich rot. So rot, dass man das nicht mal beschreiben kann. Mit einer schnellen Bewegung fasst sie sich an die Nase, dann wirft sie Katrin giftige Blicke zu. Mia grinst.
»Du hast eine ziemlich große Klappe, Katrin!«, faucht Melanie sie mit glühenden Augen an. »Ich rate dir, den Mund zu halten. Man weiß ja nie, was passieren kann.«
»Oh, ich habe aber Angst! Was willst du tun? Mich mit deiner Monsternase zu erschlagen?«
Melanie springt von der Bank auf. »Das wirst du noch bereuen, du Miststück!«
»Oh, ich habe ja solche Angst vor dir und deiner Monsternase! Echt, ich weiß gar nicht, was ich jetzt tun soll, weil ich ja solch eine panische Angst habe!«
»Das wirst du noch bereuen!«, zischt Melanie ein letztes Mal und zieht von dannen, mit Mia im Schlepptau.
Katrin macht es sich richtig gemütlich auf der Bank und holt ihr Pausenbrot heraus, während ich sie mit einem offenen Mund anstarre.
»Was ist?«, fragt sie mich unschuldig.
»Wie … warum … du …«
»Du musst endlich mal lernen, dich selbst zu verteidigen!«
»Kann sein. Aber warum hast du dich für mich …«
»Man setzt sich für seine Freunde nun mal ein.«
Ich lasse mich neben sie fallen, hole ebenfalls mein Brot aus meiner Tasche heraus und beginne, es zu essen.
« Letzte Änderung: März 13, 2010, 04:48:56 Nachmittag von Bonnie »
»Du stehst auf der Liste der Dinge, die ich am meisten liebe - direkt hinter Schokolade.« Mary Englund Murphy

 

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