Autor Thema: Das Päckchen  (Gelesen 271 mal)

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Offline Bonnie

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Das Päckchen
« am: Mai 10, 2010, 01:34:32 Nachmittag »
http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/das-packchen-206/

Ich denke mal, dass ich zu diesem Text nichts Besonderes zu sagen brauche. Lediglich nur, dass diese Kurzgeschichte aus reinen Dialogen besteht, was nun mal meine Vorliebe ist.  :)
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„Sie haben Post.“
„Post?“
„Post.“
„Von wem?“
„Das weiß ich nicht. Schließlich ist es Ihre Post.“
„Ich will sie nicht öffnen.“
„Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.“
„Haben Sie denn nichts dazu zu sagen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Es ist nicht meine Aufgabe, Entscheidungen zu treffen.“
„Welche Aufgabe haben Sie dann?“
„Ich bin der Postbote, ich bringe Menschen die Post.“
„Sie können mir doch aber auch helfen, oder etwa nicht?“
„Ja, theoretisch schon.“
„Dann tun Sie es!“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Ich möchte es nicht.“
„Und warum nicht?“
„Es liegt ganz bei Ihnen, ob Sie dieses Päckchen öffnen oder nicht.“
„Aber ich kann mir doch auch Hilfe von meinen Mitmenschen holen!“
„Selbstverständlich können Sie das!“
„Gut, dann hole ich mir Hilfe von Ihnen.“
„Ich kann aber genauso gut diese Hilfe verweigern.“
„Verdammt nochmal, sagen Sie mir doch nur, was in diesem Paket drin ist!“
„Soll ich auch noch das Päckchen öffnen?“
„Klar! Was denn sonst?!?“
„Aber … aber das ist nicht …“
„Das ist nicht ihre Aufgabe, ich weiß. Aber ich möchte, dass Sie es dennoch tun.“
„Ich möchte aber weiterhin meiner Arbeit nachgehen, junge Dame.“
„Und ich möchte, dass Sie das Päckchen an mich öffnen.“
„Warum möchten Sie es denn nicht selbst öffnen? Es ist schon etwas seltsam, denn normalerweise streiten sich Menschen darüber, dass der es nicht wollte, dass der andere das Päckchen öffnet. Hier haben wir aber einen Sonderfall.“
„Sie reden zu viel. Bitte öffnen Sie das Päckchen. Für mich. Ich will nicht wissen, was dort drin liegt.“
„Sie werden es aber doch sowieso erfahren, indem ich Ihnen sage, was dort drin liegt.“
„Nein.“
„Nein?“
„Nein.“
„Jetzt bin ich aber verwirrt.“
„Sehen Sie, ich erwarte ein Päckchen von meinem schlimmsten Erzfeind und möchte eigentlich dieses … Geschenk … nicht empfangen.“
„Dann schmeißen Sie das Päckchen ungeöffnet in den Mülleimer.“
„Das geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil das einfach nicht geht. Ich kann Ihnen nicht den Grund sagen, aber es geht halt einfach nicht.“
„Gut, was wollen Sie jetzt machen?“
„Das will ich doch von Ihnen wissen!“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„Dann rate ich Ihnen, das Päckchen zu öffnen.“
„Ich weiß aber, was dort drin liegen wird. Und das möchte ich nicht sehen.“
„Warum nicht?“
„Deshalb!“
„Wissen Sie denn, was in dem Brief stehen wird?“
„Ein Brief? Das ist kein Brief!“
„Nein?“
„Nein.“
„Was ist es dann?“
„Ein paar Bilder. Fotos.“
„Was ist auf den Fotos abgebildet?“
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Darum nicht!“
„Dann kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen. Ich bin eh nur der Bote und müsste eigentlich schon längst verschwunden sein.“
„Nein, warten Sie! Ich brauche Ihre Hilfe!“
„Ich kann Ihnen aber nicht helfen!“
„Doch, das können Sie!“
„Inwiefern?“
„Sie öffnen das Päckchen für mich!“
„Sind Sie wahnsinnig? Ich öffne keine Päckchen anderer Leute, schon gar nicht fremder Leute!“
„Nein? Dann lernen wir uns eben kennen!“
„Das geht ebenfalls nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil es sich nicht gehört. Immerhin bin ich nur der Postbote!“
„Dürfen Postboten keine Frauen kennen lernen?“
„Das ist es nicht. Allerdings will ich auch keine Frau kennen lernen.“
„Ehrlich nicht?“
„Ehrlich nicht.“
„Warum nicht?“
„Meine Frau ist letztes Jahr gestorben. Ich habe ihr versprochen, ihr treu zu bleiben, bis mich der Tod eines Tages auch holt. Dann werde ich wieder mit ihr vereint sein.“
„Das ist nicht Euer Ernst, oder?“
„Nein, ist es nicht.“
„War aber eine gute Geschichte.“
„Oh, nein, meine Frau ist tatsächlich letztes Jahr gestorben. Nur war ich ihr danach nicht mehr treu gewesen.“
„Ich verstehe. Und warum nicht?“
„Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.“
„Ehrlich nicht?“
„Ehrlich nicht. Außerdem hatte sie eine süße Schwester.“
„Mit der haben Sie es dann getrieben?“
„Ja, so könnte man es sagen. War eine süße Schnecke. Sie wissen schon, diese geilen Dinger, die man in manchen Zeitschriften sieht.“
„Aber es war nichts Ernstes, oder?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Eigentlich?“
„Keine Ahnung, wie man eine Affäre beschreiben soll. Wenn man getrennt ist, bedeutet man füreinander nichts, wenn man zusammen ist, möchte man denjenigen auseinander reißen, so stark sind die Gefühle dann.“
„Hübsche Worte. Diesmal sind diese aber wahr, oder?“
„Ja, diesmal schon.“
„Also, kommen wir wieder zurück zu mir! Warum können Sie keine andere Frau kennen lernen?“
„Weil ich es einfach nicht will.“
„Oh, das trifft mich jetzt aber ziemlich tief.“
„Echt?“
„Echt.“
„Sie sehen aber nicht so aus.“
„So ist das halt, nicht wahr? Die Dinge sind immer viel schlimmer, als sie aussehen.“
„Geht der Spruch nicht anders?“
„Keine Ahnung.“
„Sie haben es also nicht so sehr mit der Sprache, was?“
„Man kann sich auch ohne Worte verständigen.“
„Und dabei sagte man mir in der Schule, dass sich Frauen besser artikulieren könnten als Männer!“
„Stimmt ja auch.“
„Ja, das sehe ich! Sie sind das perfekte Beispiel dafür!“
„Es ist nicht mein Problem, dass ich früher auf die Bildung schiss.“
„Echt? Wessen Problem ist es dann? Letztendlich müssen Sie doch sehen, wie Sie Ihr Geld auftreiben können.“
„Das stellt für mich kein Problem dar.“
„Echt? Sie Glückliche!“
„So würde ich das nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Ich bin Putzfrau, zur Zeit arbeitslos und kann mich nur über Wasser halten, weil ich mit dem Freund meiner Freundin schlafe, der dann meine ganzen Sachen finanziert.“
„Interessant! Was hält ihre Freundin davon?“
„Von was?“
„Davon, dass sie mit ihrem Freund schlafen.“
„Ach, die weiß davon noch nichts!“
„Noch?“
„Ja, noch. Immerhin ist sie ja nicht blöd, sie wird das doch irgendwann mal merken müssen, oder?“
„Herrscht in der Freundschaft zwischen zwei Frauen nicht so etwas wie Solidarität oder Treue?“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Das ist seltsam. Äußerst seltsam.“
„Nein, eigentlich nicht. Ich lebe im Grunde in guten Verhältnissen.“
„Kann ich mir gut vorstellen. Und dem Freund geht es bestimmt auch gut. Schließlich darf der es gleich mit zwei Frauen treiben.“
„Kann mir doch egal sein, ob er es nun mit der treibt oder nicht! Mir geht es gut.“
„Sie kümmern sich also nicht um das Wohl anderer?“
„Sie sind ziemlich wortgewandt für einen Postboten.“
„Gut möglich.“
„Warum sind Sie eigentlich Postbote geworden?“
„Ich weiß es nicht. Vermutlich bin ich neugierig und möchte beim Austragen der Post immer neue Menschen kennen lernen.“
„Mich möchten Sie aber nicht kennen lernen?“
„In gewisser Weise tue ich das gerade eben. Allerdings ziehen mich rauchende Frauen mit schwarzen Haaren nicht sonderlich an.“
„Ich sehe aus wie eine Hexe, was?“
„Nein, Sie sehen recht hübsch aus. Aber ich werde Sie deswegen trotzdem nicht ausziehen. Sie stoßen einen ab, wissen Sie? Durch diese grobe Art und Weise.“
„Mir doch egal, ob ich jemanden abstoße oder nicht!“
„Sehen Sie? Genau das meine ich!“
„Dann reden Sie doch nicht mehr mit mir!“
„Aber Sie wollten doch, dass ich Ihnen bei dem Päckchen helfen!“
„Ach, stimmt! Scheiße!“
„Jetzt fluchen Sie doch nicht! Wollen Sie mir nicht erzählen, warum Sie dieses Päckchen nicht öffnen wollen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Das geht Sie nichts an!“
„Aber dann kann ich Ihnen auch dementsprechend nicht weiterhelfen.“
„Doch, das können Sie! Öffnen Sie einfach nur das Päckchen.“
„Nein.“
„Doch, tun Sie es!“
„Nein, das werde ich nicht tun.“
„Warum nicht?“
„Das habe ich Ihnen doch schon mal gesagt! Ich öffne Päckchen anderer Leute nicht!“
„Warum nicht? Sie tun doch nichts Verbotenes! Ich erlaube es Ihnen sogar!“
„Ja, das weiß ich. Aber ich möchte es trotz allen Dingen nicht tun.“
„Mein Gott, ein höflicher Gentleman.“
„Was haben Sie denn gegen einen Gentleman.“
„Ich will nicht darüber reden.“
„Ihnen wird es aber sicherlich besser gehen, wenn Sie erst einmal darüber gesprochen haben. Da bin ich mir ganz sicher!“
„Ich habe einfach keine Lust auf mehr auf diesen ganzen Mist!“
„Warum denn das? Ich dachte, Ihnen geht es blendend.“
„Ich habe gesagt, dass es mir gut geht, nicht blendend!“
„Ist das nicht dasselbe?“
„Nein, ist es eben nicht! Das müssten Sie als Dichter ja eigentlich wissen.“
„Ich bin kein Dichter.“
„Wer denn sonst? Wenn Sie so sprechen!“
„Ich bin ein vollkommen gewöhnlicher Postbote, der jetzt eigentlich gehen müsste.“
„Nein, gehen Sie nicht! Bitte!“
„Wenn Sie mich beleidigen, habe ich hier wohl nichts verloren.“
„Nein, ich werde Sie auch nicht mehr beleidigen, versprochen!“
„Halten Sie auch Ihr Versprechen ein?“
„Halten Sie Ihre Versprechen ein?“
„Teilweise. Kommt darauf an, was ich versprechen.“
„Genauso ist es bei mir.“
„Dann habe ich aber keine Garantie.“
„Nein, warten Sie! Wenn ich Sie noch einmal beleidigen werde, werden Sie auch gerne gehen können! Aber bleiben Sie bitte noch ein bisschen bei mir!“
„Warum denn das? Ich bin Ihnen wildfremd!“
„Aber Sie interessieren mich!“
„Das finde ich alles andere als anziehend. Eine Frau, die einem Mann aus Verzweiflung ein Geständnis abliefert.“
„Ich liefere Ihnen aber kein Geständnis ab! Und verzweifelt bin ich ebenfalls nicht!“
„Stimmt, Sie vögeln ja den Freund Ihrer besten Freundin. Von daher muss das Leben für Sie ein Paradies sein.“
„Jetzt beleidigen Sie mich.“
„Entschuldigen Sie mich, bitte.“
„Meinen Sie es diesmal ernst?“
„Wir reden schon ganz schön lange.“
„Sie haben mir nicht auf meine Frage geantwortet!“
„Muss ich denn auf all die Fragen, die man mir stellt, antworten?“
„Ich finde, schon.“
„Gut, dann beantworten Sie mir doch mal eine Frage: Warum sind Sie Putzfrau?“
„Weil ich zu meiner damaligen Schulzeit die Schule gehasst habe.“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Einfach keine Lust gehabt.“
„Warum?“
„Weiß ich doch nicht! Ich war halt schlecht in der Schule. Außerdem war ich tierisch faul. Lernte lieber für einen Tanzauftritt als für die Arbeit in Mathematik.“
„Sie tanzten?“
„Ich tanze immer noch. Allerdings nicht mehr die Tänze, die wirklichen Respekt verdienen.“
„Welche Tänze denn dann?“
„Fragen Sie mich lieber nach dem Ort.“
„Ach, ich verstehe.“
„Ja, nicht sonderlich mit Prestige.“
„Sie kennen Fremdwörter?“
„Ich mag halt Menschen, die sich gebildet ausdrücken können. Allerdings gelingt mir dies selbst nicht immer.“
„Doch, ich finde, dass Sie durchaus gebildet reden können. Außerdem sehen Sie ohne die Kippe gleich viel … intelligenter aus.“
„Was haben Sie eigentlich gegen Kippen?“
„Ich finde Frauen, die rauchen, nicht sonderlich attraktiv.“
„Warum nicht? Stehen Sie etwa nicht auf verrauchte, tiefe Stimmen?“
„Wenn ich eine Frau wäre, dann vielleicht. Dann stünde ich aber auch auf einen Mann.“
„Sie können auch als Mann auf einen Mann stehen.“
„Dann würde ich mich aber kaum mit Ihnen unterhalten.“
„Doch, vermutlich sogar besser als jetzt.“
„Oh, ja, dann würde ich jeden Morgen bei Ihnen vorbeikommen und Ihnen einen Kuss auf die Wange geben. Anschließend würden wir die neuste Mode besprechen und über die hässlichen Schuhe des Nachbarn lachen. Nein, danke, dann unterhalte ich mich lieber oberflächlich mit einer Frau, als wenn ich mich auf solch ein Niveau herablasse.“
„Sie meinen also, dass das Niveau einer Frau ganz tief unten ist, ja?!?“
„Nein, Sie haben mich missverstanden. Ich finde, dass ein Mann einfach lächerlich aussieht, wenn er weibliche Kleidung trägt, sich über die neuste Mode von irgendeiner weiblichen Frau unterhält und sich dabei wie eine Jugendliche verhält. Genauso ist es lächerlich, wenn eine Frau raucht, sich betrinkt und meint, dass sie keine Familie bräuchte.“
„Dann finden Sie also, dass Sie bestimmen können, wem welche Rolle zusteht, ja?“
„Nein, bestimmen kann ich es nicht, aber ich kann meine eigene Meinung dazu haben.“
„Sie beleidigen dabei aber andere Leute.“
„Wen denn?“
„Mich. Ich rauche, trinke und meine, dass ich keine Familie bräuchte.“
„Ich sehe, wir haben keine Gemeinsamkeiten.“
„Das wissen Sie doch gar nicht!“
„Natürlich weiß ich das. Ich sehe das doch anhand der Unterhaltungen.“
„Wissen Sie auch, dass ich nachts weine, weil meine Mutter ihre Stieftochter mehr liebt als mich?“
„Nein. Nein, das … das … das wusste ich … nicht.“
„Sehen Sie!“
„Weinen Sie wirklich, weil Ihre Mutter ihre Stieftochter mehr liebt als Sie?“
„Manchmal. Ja, eigentlich relativ regulär. Jede zweite Nacht. Und dann manchmal, wenn ich mit meiner Mama telefoniert habe.“
„Das tut mir Leid.“
„Das muss es nicht.“
„Doch, muss es. Ich war wirklich ein bisschen oberflächlich.“
„Geht schon in Ordnung. Eine Frau mit einer Kippe in der Hand ist nicht sonderlich attraktiv.“
„Sie sind es aber!“
„Sie lügen.“
„Nein, diesmal nicht. Ich sage die Wahrheit. Sie sind wirklich attraktiv. Wenn Sie nur ein bisschen mehr Schlafen haben und sich mehr pflegen würden, wären Sie eine Schönheit.“
„Dann würden Sie auch netter zu mir sein?“
„Vielleicht.“
„Dann sind Sie nur zu hübschen Frauen nett, ja?“
„Sind Sie denn zu fetten, schleimigen, verschwitzten Ekelpaketen auch nett?“
„Scheiße!“
„Was ist?“
„Das Päckchen!“
„Alles klar, Sie sagen mir jetzt, was es mit diesem Päckchen auf sich hat!“
„Vorhin wollten Sie es doch gar nicht wissen!“
„Jetzt bin ich aber neugierig geworden!“
„Okay! In dem Päckchen sind Aktfotografien.“
„Echt? Finde ich geil!“
„Typisch Mann.“
„Tut mir Leid.“
„Die Fotos sind von mir. Ich war sechzehn und mit einem Fotografen zusammen.“
„Wie alt war der?“
„Dreiundzwanzig.“
„Oh, Mann. Und der hat dann diese Bilder von Ihnen geschossen.“
„Ganz genau!“
„Und jetzt schickt er Ihnen diese Bilder?“
„Ja.“
„Warum möchten Sie diese Bilder nicht sehen?“
„Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe.“
„Warum nicht?“
„Wären Sie stolz auf solch eine Tat?“
„Vermutlich schon. Ist ja immerhin mein Körper, den ich präsentiert habe.“
„Trotzdem! Ich will die Fotos nicht sehen!“
„Darf ich mir dann das Päckchen nehmen?“
„Ich dachte, Sie nehmen aus reiner Höflichkeit keine Päckchen anderer.“
„Ich öffne keine Päckchen anderer, habe ich gesagt.“
„Aber Sie möchten die Fotos sehen?“
„Natürlich möchte ich das!“
„Nun ja, dies werden Sie nur, wenn Sie das Päckchen öffnen.“
„Ich kann Sie aber auch dazu bringen, das Päckchen selbst zu öffnen.“
„Nein, das können Sie nicht.“
„Warum sind Sie sich da so sicher?“
„Weil ich diese Fotos niemals sehen möchte. Nehmen Sie das Päckchen ruhig mit sich.“
„Aber das sind Ihre Fotos. Sie müssen doch neugierig sein! Sie müssen doch wissen wollen, wie Sie auf den Bildern aussehen!“
„Ich weiß, wie ich aussehe.“
„Aber nicht, wie auf diesen Fotos.“
„Das aber will ich nicht wissen.“
„Nicht mal ein bisschen?“
„Nicht mal ein bisschen.“
„Das glaube ich Ihnen nicht. Los, öffnen Sie das Päckchen schon!“
„Ich werde wahrscheinlich weinen müssen und Sie müssen mich dann in Ihre Arme nehmen!“
„Ich werde nicht nur das tun, falls Sie es möchten.“
„Sie sind ein richtig guter Lügner, wissen Sie das?“
„Nein. Aber das spielt jetzt keine Rolle.“
„Sie versprechen mir aber, dass Sie nicht angeekelt wegsehen werden, oder?“
„Versprechen kann ich nichts. Wenn mich ein verschwitzter, schleimiger, fetter Mann auf den Fotos anlächeln wird, werde ich höchst wahrscheinlich schon angeekelt wegsehen.“
„Sie sind gemein. Ich ähnele überhaupt einem verschwitzten, schleimigen, fetten Mann gar nicht!“
„Das habe ich ja auch nicht behauptet.“
„Sie wollen also die Fotos wirklich sehen?“
„Ja, ich will die Fotos wirklich sehen.“
„Äffen Sie mich nicht nach!“
„Warum nicht? Ich finde es süß, wenn Sie sich aufregen.“
„Ich aber nicht!“
„Oh, ja, noch dieses gemeine Gesicht. Ja, das könnte mich erregen.“
„Sie sind fies!“
„Oh, diese zuckersüße Stimme einer Jugendlichen!“
„Also, wollen Sie die Bilder nun sehen, oder was?“
„Ja, ich will.“
„Hochzeitsworte.“
„Kann schon sein. Los, öffnen Sie schon! … Mein Gott!“
„Ich wusste, dass die Bilder Ihnen nicht gefallen werden.“
„Spinnen Sie?!? Für solche Bilder würde ich ein Vermögen bezahlen! Warum hat dieser Fotograf die Bilder nicht einfach verkauft? Damit hätte er ein Vermögen kriegen können!“
„Jetzt übertreiben Sie es aber!“
„Nein, das tue ich nicht.“
„Wahrscheinlich liebte er mich gar nicht. Oder er liebt mich nicht mehr. Wie auch immer.“
„Was hat Liebe mit Business zu tun?“
„Schon eine Menge. Ich meine, man muss seinen Beruf lieben, um auch viel Geld zu kriegen, oder?“
„Nicht unbedingt.“
„Lieben Sie Ihren Beruf?“
„Als Postbote erlebt man durchaus kuriose Dinge im Alltag. Ich finde, dass mein Beruf schon etwas … schlecht bezahlt ist … aber ich würde ihn nicht umtauschen wollen.“
„Ich verstehe.“
„Und Sie? Lieben Sie Ihren Beruf?“
„Ich habe keinen.“
„Aber … Sie sind doch Putzfrau, oder?“
„Ja, arbeitslose.“
„Reden Sie etwa von der Arbeitsstelle oder vom Beruf?“
„Alles zusammen.“
„Bringen Sie gerne die Dinge durcheinander.“
„Ordnung ist nun mal nicht meine Stärke.“
„Was sind dann Ihre Stärken?“
„Ich liebe Gegensätze.“
„Ehrlich?“
„Ehrlich.“
„Das sind aber keine Gegensätze.“
„Ist mir auch egal.“
„Sie mögen es nicht, sich selbst zu beschreiben, nehme ich mal an.“
„Sie haben Recht. Ich bin eine trostlose Person.“
„Finde ich nicht.“
„Dann kennen Sie mich schlecht.“
„Oh, Sie versinken gerade im Selbstmitleid, meine Liebe.“
„Gut möglich.“
„Aber ich bereue diese Unterhaltung nicht.“
„Wie kommen Sie jetzt darauf?“
„Wissen Sie, ich muss auch schon los. Allerdings habe ich in diesen paar Minuten eine wunderbare Person getroffen, mit der ich liebend gerne mehr Zeit verbringen würde.“
„Ehrlich?“
„Ehrlich.“
„Wann wäre es Ihnen denn recht?“
„Ich denke mal, dass ich an diesem Wochenende Zeit hätte.“
„Nicht zu fassen! Ich verabrede mich gerade mit einem wildfremden Mann!“
„Das muss doch aber nicht heißen, dass ich für immer Ihnen wildfremd bleibe.“
„Kann schon sein.“
„Also diesen Samstag?“
„Also diesen Samstag.“
„Versprechen Sie mir auch, nicht mehr mit dem Freund ihrer Freundin zu schlafen?“
„Eigentlich habe ich gar keine Freundin. Und diese nicht vorhandene Freundin hat auch keinen Freund. Ich bin nur ziemlich alleine.“
„Alles klar. Dann kann ich auch auspacken: ich hatte noch nie eine Frau und diese in meinem Leben noch nie existierende Frau hat auch keine Schwester.“
„Dann haben wir uns beiden etwas vorgemacht.“
„Ich denke mal, dass es so ist.“
„Dann brauchen wir beide auch kein schlechtes Gewissen mehr zu haben.“
„Eigentlich hatte ich kein schlechtes Gewissen.“
„Ich auch nicht.“
„Also nächsten Samstag?“
„Also nächsten Samstag.“
„Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“
„Ach, ja, können wir uns auch duzen?“
„Klar!“
„Wie heißt du denn?“
„Stefanie.“
„Robin.“
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