Autor Thema: You´re free now  (Gelesen 99 mal)

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You´re free now
« am: Dezember 27, 2011, 12:32:30 Vormittag »
Ich weiß nicht wirklich, wo ich diesen Text hinpacken soll. Vielleicht hat von euch ja jemand einer eine Idee.

Zunächst der Link zum diskutieren:
 http://www.weg-des-stifts.de/smf/der-diskussionthread/youre-free-now-731/new/#new

Und jetzt der Text:

You´re free now

Die letzten Sekunden…
Sie waren herzzerreißend.
Sie waren wunderbar.
Sie waren voller Hass.
Voller Liebe.
Die letzten Sekunden. Und jetzt…

Jetzt stehe ich hier vor dem Abgrund.
Und stelle mir nur eine einzige Frage:

Was nun?




„Du bist es nicht wert, zu leben. Du weißt nicht einmal, was es heißt, zu leben!“, sagte er so selbstgefällig und mit dem üblichen eiskalten Blick, der durch seine blauen Augen noch um einiges stärker wirkte, dass in mir richtiger Hass zu brodeln begann. Gleichzeitig erschrak ich. Ein solches Gefühl hatte ich noch nie, ich habe noch nie jemanden gehasst. Wieso jetzt? Ich habe seinen Spott und seine Lügen doch schon seit so vielen Jahren ertragen müssen, wieso kam jetzt Hass auf?
Er sprach weiter, ich sah, wie seine Lippen sich bewegten und ich schaltete ab. Dachte tatsächlich daran, was ich im nächsten Sommer machen könnte. Ich schaltete einfach ab. Ich konnte ihn nicht hören, und ich konnte ihn nicht sehen, keiner seiner Lippenbewegungen lesen, keine seiner Körpersprachen deuten, gar nichts. Er war für mich Luft.
Luft, die jedoch jeder Zeit zu einem lodernden Feuer werden konnte, ich musste also im Hinterkopf alles miterleben, alles was er direkt und indirekt sagte, alles bekam ich auf eine Weise mit, die mich nicht verletzen konnte. Niemand konnte mich mehr verletzen, denn die Wahrheit war, dass ich bereits zu verwundet war, als dass mir noch so eine Kleinigkeit noch etwas zusetzen konnte. In Wirklichkeit lag ich auf dem dunklen, eiskalten Boden, über mir eine mich erdrückende Übermacht.
Innerlich tot, nur noch eine leere Hülle zeigte, dass ich irgendwie noch anwesend war.

Er bewegte sich, ich reagierte nur wenige Millisekunden später und wich zurück. „Hörst du mir überhaupt zu?“ Er sah mich wütend an, wand sich dann wieder seiner Arbeit zu. Eine Sekunde, um aufatmen zu können. Eine Sekunde, in der ich mich erholen konnte, denn dieses Gespräch würde – wie alle anderen auch, noch lange andauern. Voll von Vorwürfen. Voll von Hass und Wut.
„Du bist Schuld, dass wir immer streiten. Sobald du anwesend bist, gibt es Streit, und das zerstört unsere Familie.“, sprach er dann, wesentlich ruhiger, aber ich sah ihm an, dass er am liebsten das Messer in seiner Hand hoch heben und mir irgendwo hineinstecken wollte. Ich malte es mir aus, wie er lachend über mir stand, während ich nach und nach auch noch meinen Körper verlor, die Seele war schließlich längst aus diesem Irrenhaus geflohen.
Ich antwortete ihm aber nicht. Es würde ihn nur noch wütender machen, egal, was ich sagte. Er war ein Paradoxon, er widersprach sich selbst, machte Fehler oder missachtete eigene Regeln, er wollte, dass ich nach seinem vorgegebenen Schema arbeitete, dass er nach Belieben und Notwendigkeit und ohne mich darüber aufzuklären, veränderte und mich so als Schuldigen darstellen lassen konnte, wenn ein Fehler auftrat.
„Da bist du sprachlos, nicht wahr? Nicht mal die kleinsten Dinge bemerkst du. Ich sag doch, du bist es nicht wert, zu leben. Du kannst damit nichts anfangen.“
Ich schloss die Augen. Es verletzte mich trotzdem, egal wie sehr ich mich darum bemühte, es nicht zu nahe an mich heranzukommen, egal wie sehr ich mich darum bemühte, alles abzuschalten, egal, wie sehr ich mich bemühte, mir vorzustellen, dass ich das aushalten werde – wie immer. Ich kämpfte mit den Tränen, schluckte mehrmals und hielt sie zurück, zu meiner Erleichterung, ich würde ihm niemals meine wahren Gefühle preisgeben wollen. Niemals.
„Dumm, dümmer, am dümmsten. Dann kommst du. Es ist eine neue Steigerung. Sie passt doch, nicht wahr?“
Jetzt schlug mein Herz immer langsamer. Warum sagte er mir nicht einfach, wie sehr er mich hasste, wie sehr er mich missachtete, wie gerne er mich loswerden möchte. Wieso gibt er sich nicht einen Ruck und gibt mir den Rest, wobei mir in diesem Fall ziemlich egal war, ob er es direkt oder indirekt gibt. Warum nicht?
„Du passt einfach nicht in diese Familie.“ Wieder schloss ich die Augen. Und dann sagte ich etwas, was ich in meinen vielen Vorgehensweisen, die ich mir ausgemalt habe, noch nie bedacht hatte. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich das Messer greife und ihn mittels Gewalt zur Vernunft bringe – wobei dies total gegen meine Natur ginge. Ich stellte mir vor, dass ich einfach tot umfallen würde, mir vor seinen Augen irgendwie selbst das Leben neben würde, mit den Worten, es sei seine Schuld.
Stattdessen war es die banalste und einfachste Möglichkeit und Lösung.
„Dann werde ich gehen. Und nicht wieder zurückkehren.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte ich mich um, ging aus dem Raum, wobei ich darauf achtete, die Türen in einer normalen Lautstärke zu schließen, als sei alles in Ordnung. Ich ging auf mein Zimmer, packte mir die wichtigsten Sachen zusammen, was nicht viel war, schloss die Tasche, zog mir Schuhe und Jacke an und ging aus dem Haus. Während dieser ganzen Prozedur hörte ich ihn Schreien, ihn Schimpfen, ich hörte etwas klirren, etwas zerbrach. Ich stellte mir vor, dass dies sein Leben war, das nun zerbrach. Denn jetzt war seine Marionette nicht länger ein Sklave seiner Regeln und Schemata.

Der Wind spielte mit meinen Haaren, er wehte um mich herum und zum ersten Mal im Leben fühlte ich mich tatsächlich frei.
„Du bist jetzt frei.“, dachte ich mir und ging einfach weiter. Weiter und ich blickte nicht zurück auf das Haus, dass ich vor wenigen Augenblicken noch mein Zuhause genannt hatte.
Ich spürte die Vibration meines Handys, holte es aus meiner Tasche und starrte auf den aufgeleuchteten Bildschirm. „Mama.“
Und während ich weiterging, hörte ich mir meine Mutter an, welche mir mit einem herzzerreißendem Weinen und Schluchzen erzählte, wie lieb sie mich hätte und dass Papa es nicht so gemeint hätte. Dass ich zurückkommen soll, damit wir von vorne anfangen könnten. Tränen rannen mir die Wangen herunter.
Ich blieb stehen, als ich erkannte, dass ich vor einer Schlucht stand. Ein steiler Abgrund, bestimmt zehn Meter tief. Das Telefon noch am Ohr haltend sah ich in den blauen und klaren Himmel hinauf.
Jetzt war ich frei.
Doch etwas zog mich zurück zu meiner Familie.
Die Liebe zu meiner Mutter, zu meinem Vater, egal, wie er mit mir umging.
Ich beendete das Telefonat einfach, steckte das Handy weg und sah zum Abgrund hinunter.
Die letzten Sekunden, Augenblicke, Minuten…
Sie waren herzzerreißend.
Sie waren wunderbar.
Sie waren voller Hass.
Voller Liebe.
Die letzten Sekunden. Und jetzt…
Jetzt stehe ich hier vor dem Abgrund.
Und stelle mir nur eine einzige Frage:

Was nun?


« Letzte Änderung: Dezember 27, 2011, 12:35:12 Vormittag von LovingMusic »
Wusstet ihr schon…
 … daß Fische zwar laichen, Leichen aber nicht Fischen?
… daß Springbrunnen fest auf dem Boden stehen und nicht davonhopsen?


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